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„Keine Zeit für Kinkerlitzchen“ Zwei Kölner Bundestags-Kandidatinnen im Gespräch

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Rebekka Müller (Volt) und Katharina Dröge (Grüne) (v. l.) 

  • Katharina Dröge (36) sitzt seit 2013 für die Grünen im Bundestag und macht derzeit Wahlkampf für ihren Wiedereinzug. Die Diplom-Volkswirtin ist wirtschaftspolitische Sprecherin ihrer Partei. Sie hat zwei kleine Kinder.
  • Rebekka Müller (32), die BWL studiert hat, will für die 2017 gegründete Europa-Partei Volt erstmals in den Bundestag einziehen, hat dafür im vergangenen Jahr ihren Job gekündigt.
  • Was treibt die beiden Kölnerinnen an? Für welche Themen kämpfen sie? Und wie erlebt eine weibliche Abgeordnete den Bundestag, der so männerdominiert ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr?

Köln – Der Frauenteil im Bundestag liegt derzeit bei nur 30 Prozent. Die CSU-Abgeordnete Emmi Zeulner hat in einem „Zeit“-Interview gesagt: „Im Bundestag passiert Frauen manches nur deshalb, weil sie Frauen sind. Etwa, dass manche Männer einfach aufhören zuzuhören, wenn eine Frau zu reden beginnt.“ Ist Ihnen das auch passiert, Frau Dröge?

Dröge: Ich erlebe andere Dinge. Als ich vor acht Jahren zum ersten Mal in den Wirtschaftsausschuss kam und direkt Obfrau wurde, haben die männlichen Kollegen gefragt: Was machen Sie denn hier? Was haben Sie denn vorher gemacht? Wie kann das sein, dass Sie direkt Obfrau geworden sind? Meinem Kollegen von den Linken, der auch direkt Obmann geworden ist und Ende 50 war, wurden diese Fragen nicht gestellt.

Wie ist das, wenn Sie Reden halten? War das am Anfang eine Mut-Frage?

Alles zum Thema Deutscher Bundestag

Dröge: Vor meiner ersten Rede war ich natürlich unfassbar aufgeregt. Mittlerweile spreche ich als wirtschaftspolitische Sprecherin nahezu jede Woche. Damit kommt eine andere Routine und Sicherheit rein. Ich bin ein angriffslustiger Typ und gehe gerne hart in die Debatten rein, wenn CDU und FDP Dinge sagen, die ich falsch finde. Ich erlebe also weniger Abwertung, sondern vor allem Widerspruch. Ich habe aber bei anderen Frauen erlebt, dass die Männer anfangen, sich zurückzulehnen, zu lächeln und sich lustig zu machen, wenn sie reden. Manchmal verteidige ich dann Kolleginnen, die inhaltlich gar nicht auf meiner Linie sind, weil ich dieses Verhalten so unfassbar finde. Es hängt sehr davon ab, wie selbstbewusst man auftritt. Wer etwas leiser auftritt, bekommt so ein Verhalten ab.

Eine Langfassung des Gesprächs können Sie auch als Podcast hören.

Frau Müller, Sie kämpfen erst für Ihren Einzug in den Bundestag. Schreckt Sie diese Debattenkultur ab?

Müller: Ich finde es sehr gut von Katharina, klar zu adressieren, wenn solche Dinge passieren. Ich würde das allerdings auch von männlichen Kollegen erwarten. Wir wollen ja auf die Sachebene. Wir haben massive Probleme in Europa und der Welt. Da haben wir keine Zeit für solche Kinkerlitzchen.

Die Grünen-Politikerin Claudia Roth hat erklärt, der Einzug der AFD in den Bundestag habe alles verändert. Stimmen Sie zu?

Dröge: Ja. Für Politikerinnen wie Claudia Roth, die deutlich bekannter und exponierter sind, gibt es seit dem Einzug der AfD sogar eine Bedrohungslage im Bundestag. Uns haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschildert, dass sie sich Sorgen machen, wenn sie nachts noch lange im Bundestag arbeiten und das Licht ein bisschen dunkler ist. Vor dem Einzug der AfD, also in meiner ersten Legislaturperiode, hat man sich im Bundestag nie Gedanken um seine Sicherheit machen müssen. Das hat sich leider geändert. Auch in der Debattenkultur hat sich unfassbar viel verändert, weil die AfD-Abgeordneten sehr viele, sehr sexistische Kommentar machen. Das berichten uns die Kollegen aus der CDU- und FDP-Fraktion, die das Pech haben, neben der AfD sitzen zu müssen. Die machen ihre Sprüche nur genauso laut, dass diese nicht im Protokoll auftauchen und sie kein Ordnungsgeld zahlen müssen, aber laut genug, dass die Rednerinnen es hören. Diese Strategie des Kleinmachens ist schon sehr heftig.

Was würden Sie einer Kollegin raten, die neu in den Bundestag einzieht? Welche Fehler sollte sie nicht machen?

Dröge: Der wichtigste Tipp wäre, dass sie bei den Themen bleibt, die ihr wirklich am Herzen liegen. Sonst wird man über die vier Jahre nicht glücklich. Und man sollte sich nicht entschuldigen dafür, dass man neu ist, sondern mit der Haltung auftreten: Ich bin gewählte Abgeordnete, die Bürger haben mir vertraut, dass ich das gut mache. Also habe ich auch ein Recht, hier zu sein.

Wird jungen Politikerinnen tendenziell zu familienpolitischen Themen geraten?

Dröge: Bei den Grünen ist das anders, aber in anderen Fraktionen erlebe ich es durchaus so. Obwohl Familienthemen nie allein Frauenthemen sein sollten, sprechen in den familienpolitischen Debatten fast ausschließlich Frauen, während in den wirtschaftspolitischen Debatten fast nur Männer auftreten.

Wenn Ärzte auf Partys neue Bekanntschaften machen, werden Ihnen gerne Wehwehchen geschildert. Wie ist das bei Ihnen?

Dröge: Viele sind zunächst sprachlos, wenn ich erzähle, dass ich Bundestagsabgeordnete bin. Die meisten denken ja, dass der Bundestag ganz weit weg ist, in Berlin, im Fernsehen. Sie erwarten mich also nicht auf einer Party. Diese Sprachlosigkeit versuche ich zu überbrücken und zu Fragen ermuntern. Dann kommt das zweite Problem, weil viele denken, sie müssten eine besonders schlaue Frage stellen und könnten vielleicht gar nicht mitreden ohne ein entsprechendes Fachstudium. Die Sorge versuche ich zu nehmen. Als drittes kommt oft die Frage, wie ich das mache mit zwei kleinen Kindern zwischen Köln und Berlin. Erst am Ende eines langen Gesprächs kommt man dann zu politischen Inhalten.

Müller: Ich höre häufiger die Frage, wie sich das anfühlt. Mein Alltag hat sich ja ganz massiv geändert. Meinen Job zu kündigen, war definitiv krass. Das war aber auch nötig, denn ich will die große Erwartungshaltung der Partei an mich unbedingt erfüllen.

Zu den Personen

Katharina Dröge (36) sitzt seit 2013 für die Grünen im Bundestag. Die Diplom-Volkswirtin ist wirtschaftspolitische Sprecherin ihrer Partei. Sie hat zwei kleine Kinder.


Rebekka Müller (32) hat BWL studiert. Sie will für die 2017 gegründete Europa-Partei Volt erstmals in den Bundestag einziehen, hat dafür ihren Job gekündigt.

Der Wahlkampf ist in seiner heißen Phase. Sie sind beide noch junge Kandidatinnen. Erreicht man die jüngere Generation über Wahlplakate?

Dröge: Ich will gar nicht nur die jüngeren, sondern auch ältere Zielgruppen ansprechen. Besonders von älteren Frauen bekomme ich sehr oft nette Rückmeldungen, dass sie toll finden, dass ich mich das traue und so kompetent mache. Das finde ich total schön. Die Jüngeren erreicht man natürlich viel mehr über Social Media und darum lege ich da einen großen Schwerpunkt drauf. Das bedeutet aber viel Arbeit, und zwar jeden Tag.

Müller: Wir bekommen als junge Organisation überhaupt erst Reichweite über Straßenplakate. Wir sind darauf angewiesen, dass Menschen merken, dass Volt existiert und ganz gute Plakate hat. Ich habe mir Instagram erst für den Wahlkampf zugelegt. Das macht mir aber viel Spaß, weil man über interaktive Formate gut ins Gespräch kommt und täglich Nahbarkeit schaffen kann. Das ersetzt aber nicht den Straßenwahlkampf.

Es gibt viele Klagen darüber, dass die Debattenkultur im Netz verroht und insbesondere weibliche Politikerinnen Hass ausgesetzt sind. Wie erleben Sie das?

Dröge: Als Wirtschaftspolitikerin habe ich noch Glück. Ich ziehe längst nicht in dem Maß Hasskommentare an wie die Kollegen und Kolleginnen, die sich etwa in der Flüchtlingspolitik engagieren. Da geht das in Richtung Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Aber natürlich habe ich erlebt, dass Menschen versuchen, meine Facebook-Seite bewusst mit fragwürdigen Inhalten zu fluten oder sich teilweise sehr sexualisiert zu meinem Aussehen äußern. Das wird schnell abwertend und aggressiv. Damit musste ich erst lernen umzugehen. Es bringt auf jeden Fall nichts, zu diskutieren, warum etwas sexistisch oder rassistisch ist. Einmal hat einer unter mein Foto geschrieben, wie fett ich sei. Damals war ich schwanger. Davon macht man sich nicht frei, man ist ja keine Maschine, sondern ein Mensch.

Müller: Bei Volt hält sich das noch in Grenzen. Aber ja, wenn wir das Thema Migrationspolitik behandeln, sind auch bei uns die Hass-Trolle unterwegs. Manchmal schreiben Menschen auch vermeintliche Komplimente wie „entzückend“ unter mein Foto. Ja gut, was soll ich dazu sagen? Eigentlich geht es um die Inhalte.

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Nehmen die Aggressionen auch im Straßenwahlkampf zu?

Dröge: Absolut. In Köln besonders am Stand auf der Schildergasse. Da kommen natürlich besonders viele Menschen vorbei, öfters auch aggressive. Da hilft es, dass man nie alleine steht, dass man sich gegenseitig im Auge behält. Wir erleben außerdem eine Zunahme an Sachbeschädigung. In Berlin wurde ein Plakataufhänger angegriffen und mit einer Flasche geschlagen. Ich mache mir auch große Sorgen um die AfD-nahe Kampagne gegen die Grünen, die auf Ströer-Flächen hängt. Die soll ja Leute aufstacheln, die die Grünen eh schon ziemlich blöd finden. So nach dem Motto: Lasst aus Worten Taten werden.

Müller: Manche Menschen wollen an Wahlständen nicht über Politik und Inhalte diskutieren wollen, sondern einfach nur ihre negative Energie abladen. Das reicht von Problemen bis zu Beschimpfungen. Sobald es die höfliche professionelle Ebene verlässt, fühle ich mich aber auch dazu berechtigt, mich rauszuziehen.

Was wollen und können Sie von Berlin aus für Köln tun, Frau Müller?

Müller: Eines meiner Herzensthemen ist der bezahlbare Wohnraum. Da haben wir in Köln ein massives Problem. Außerdem müssen wir den Wohnraum klimaneutral gestalten. Um das zu vereinen, müssen wir die digitale Transformation als Chance begreifen. Und wir müssen über die Stadtgrenzen hinausdenken: Sonst bauen sich die Menschen ihr Einfamilienhaus auf dem Land, was die Klimabilanz nicht besser macht.

Köln tickt als urbane Millionenstadt sowieso schon grün. Haben Sie es da leichter als ihre Parteikollegen auf dem Land, Frau Dröge?

Dröge: Im ländlichen Raum spielen landwirtschaftliche Themen eine große Rolle, während in Köln die Wohnungsnot ein großes Thema ist. Wir als Grüne setzen uns auf Bundesebene für eine neue Wohngemeinnützigkeit ein, damit mehr Wohnungen in der Sozialbindung bleiben. Ich setze mich außerdem seit Ewigkeiten für ein Passagiernachtflugverbot ein. Bislang ist das immer am CSU-Bundesverkehrsminister gescheitert. Wer ruhig schlafen möchte in Köln, muss den Politikwechsel also unterstützen. Drittes Thema: der Ausbau der erneuerbaren Energien. Wer auf Bundesebene Bürgerenergie vereinfacht, kriegt das auch in Köln schneller hin.

Sie pendeln bereits zwischen Köln und Berlin. Was sind die jeweiligen Vorzüge der beiden Städte?

Dröge: Es klingt wie ein Klischee, aber der große Unterschied zwischen Köln und Berlin, das sind die Kölner selber. Die Herzlichkeit. Wenn ich in Berlin in einem Kiosk versuche, mit der Verkäuferin ein Gespräch anzufangen, guckt die mich an, als würde ich sie belästigen. Dafür hat man in Berlin deutlich mehr Platz, das Umland ist grüner. Köln hat im Sommer weniger Luft zum Atmen, da müssen wir noch was tun.

Müller: Ich bin in Berlin geboren und erst vor sechs Jahren aus beruflichen Gründen nach Köln gezogen. Mich hat in Köln total geflasht, wie freundlich die Menschen sind. Wenn ich auf eine Bahn zurenne, wird mir immer die Tür aufgehalten. Das passiert in Berlin nicht. Wir haben in Köln viel Potential, was Menschen angeht, die dafür kämpfen, ihr Veedel lebenswerter zu machen, indem sie sich engagieren. Für diese Menschen müssen wir die richtigen politischen Rahmenbedingungen setzen. Was ich in Köln sehr vermisse: Badeseen. Davon gibt es in Berlin ganz viele.

Sie kennen die berühmte Fahrstuhllänge Zeit. Warum sollten die Kölnerinnen und Kölner ausgerechnet Sie am 26. September wählen?

Dröge: Mein größtes Anliegen ist es, im Kampf gegen die Klimakrise entschlossen zu handeln. Wir haben zu lange zugeguckt, während Parteien an der Macht waren, die auf Stillstand aus oder sogar rückwärtsgewandt sind. Uns läuft die Zeit davon. Meine kleinen Kinder sind darauf angewiesen, dass ich das durchsetze. Wir alle schulden es unseren Kindern.

Müller: Volt ist die einzige wirklich paneuropäische Partei. Ich bin überzeugt, dass die großen Fragen unserer Zeit, die Klimakrise, die Pandemie und Digitalisierung Herausforderungen sind, die nicht an den nationalen Grenzen Halt machen, sondern gesamteuropäisch angegangen werden müssen. Wir müssen eine grenzübergreifende Antwort geben gegen Nationalismus und Populismus.

Sie sind politische Konkurrentinnen. Warum sollte man Volt und nicht Grün wählen?

Müller: Nur in einem starken reformierten Europa liegt die Zukunft. Volt bietet zudem sehr konkrete Ziele und Maßnahmen an. Wir wollen die Klimaneutralität in Deutschland bis 2040 erreichen und CO2-Neutralität bis 2035. Dieses konkrete Ziel vermisse ich bei den Grünen ein bisschen.

Warum Grüne und nicht Volt?

Dröge: Dieses Jahrzehnt entscheidet darüber, ob wir die Klimakrise gewinnen. Wir als Grüne arbeiten schon lange daran, wie man diese Krise bekämpft, wir haben mit Abstand die durchdachtesten Konzepte. Volt teilt viele unserer Ziele, ist aber teilweise sehr unkonkret, was die Maßnahmen angeht. Für mich ist die zentrale Frage am Ende: Macht meine Stimme einen Unterschied? Volt wird vermutlich nicht über die Fünf-Prozent-Hürde kommen. Wer Volt wählt, läuft also Gefahr, seine Stimme in dieser krass zugespitzten Zeit aus dem Spiel zu nehmen. Und dafür ist die Situation zu ernst.