Abgesagtes Bauprojekt am Kölner DomSo steht es um die „Historische Mitte“ – Vereine fordern Lösung für Stadtmuseum

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Blick auf den Roncalliplatz: Links der Kölner Dom, in der Mitte das Römisch-Germanische Museum, rechts das Kurienhaus der Kirche.

Blick auf den Roncalliplatz: Links der Kölner Dom, in der Mitte das Römisch-Germanische Museum, rechts das Kurienhaus der Kirche.

Gibt es doch eine große Lösung für einen Neubau am Dom? Wo kommt das Stadtmuseum langfristig unter? Eine Bestandsaufnahme.

Hört man sich in der Kölner Stadtverwaltung um, wie es mit dem gestoppten Neubauprojekt „Historische Mitte“ am Kölner Dom weitergeht, ist die Rede davon, dass sich die Beteiligten erstmal sammeln müssten. Die Beteiligten, das sind in dem Fall die Stadt Köln und die Hohe Domkirche. Letztere hatte die Pläne für das gemeinsame Bauprojekt am Roncalliplatz im Januar gestoppt – zwei Monate bevor der Rat entscheiden sollte, ob er sich in Zeiten knapper Kassen für ein 207-Millionen-Euro-Projekt ausspricht.

Zuletzt haben fünf Kölner Geschichtsvereine eine Entscheidung über den künftigen Standort des Kölnischen Stadtmuseums (KSM) noch in diesem Jahr gefordert, durch das Aus der „Mitte“ in der geplanten Form ist unklar, wo das Stadtmuseum langfristig hin soll. Es gehörte zu den Plänen und sollte am Roncalliplatz in einen Neubau ziehen.

Die Vereine sorgen sich, dass Verwaltung und Politik sich nach der gerade erfolgten Eröffnung des Stadtmuseums im umgebauten Modehaus Sauer zurücklehnen und aus dem Interim eine Dauerlösung werden könnte. Das Zeughaus als frühere Heimat ist ein Sanierungsfall. Wie geht es also weiter am Dom und mit dem Stadtmuseum? „Das große Rätselraten beginnt wieder von vorne“, sagt ein Beteiligter. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Wie ist der Stand bei der „Historischen Mitte“?

Die Pläne für die „Mitte“ waren weit gediehen, nur noch die Baubeschlüsse von Kirche und Stadt fehlten. Doch erstmal mussten sich alle Beteiligten sammeln, auch um zu entscheiden, wie viel der Pläne, beispielsweise der Ausstellungskonzepte möglicherweise weiterverwendet werden können. Der Begriff „Historische Mitte“ steht für zwei neue Gebäude neben dem Römisch-Germanischen Museum (RGM). Momentan stehen dort das RGM-Studienhaus, das über einen Durchgang mit dem Museum verbunden ist. Daneben befindet sich das Kurienhaus der Kirche von 1961, es ist sanierungsbedürftig. Anstelle des Studienhauses sollte ein Neubau des Stadtmuseums entstehen, das Kurienhaus sollte durch ein Verwaltungshaus ersetzt werden, das KSM, RGM und Kirche nutzen. Doch von den auf 207 Millionen Euro gestiegenen Baukosten hätte die Kirche 41,4 Millionen Euro (20 Prozent) zahlen müssen.

Wie geht es am Roncalliplatz weiter?

Das ist völlig offen und soll jetzt geprüft werden. Mehrere Optionen sind theoretisch denkbar. Eine große Lösung wäre, dass die Stadt von der Kirche das Kurienhaus samt Grundstück möglicherweise per Erbpacht übernimmt oder kauft und die Idee der „Historischen Mitte“ in abgewandelter Form in einem Neubau inklusive Stadtmuseum umsetzt. Dazu sagt etwa SPD-Fraktionschef Christian Joisten (19 von 90 Sitzen im Rat): „Ich halte es für mehr oder weniger ausgeschlossen, dass sich dafür eine Mehrheit im Rat findet angesichts der engen finanziellen Spielräume.“

Eine andere Variante wäre losgelöst von der Kirche und dem Kurienhaus. Dabei würde das denkmalgeschützte RGM-Studienhaus aus dem Jahr 1974 saniert und beispielsweise zu einem Schaufenster der historischen Museen umgebaut. Doch schon 2018 hatte die Stadt die Sanierung des Studienhauses auf 24,2 Millionen Euro geschätzt. Für den Fall müsste das KSM langfristig etwa in einem sanierten Zeughaus oder anderswo untergebracht werden. So oder so: Jede Lösung kostet viel Geld.

Was sagen Hohe Domkirche und die Stadt?

Die Stadt teilt mit: „Die Verwaltung plant nach wie vor, den Standort am Dom für die Kultur zu nutzen. Die Gespräche mit der Hohen Domkirche hierzu sind noch nicht abgeschlossen.“ Ähnlich äußert sich die Hohe Domkirche. Sie ist Besitzerin des Doms und eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, sie wird vertreten durch das Domkapitel.

Wo liegt die Zukunft des Stadtmuseums?

Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) hatte bei der Eröffnung des Museums im Modehaus Sauer wieder das städtische Zeughaus als neuen, alten Standort ins Spiel gebracht, möglicherweise mit einer Dependance im Sauer. Doch das denkmalgeschützte Zeughaus wurde 1594 bis 1606 erbaut, 2017 musste die Museumsleitung es wegen eines Wasserschadens für die Dauerausstellung schließen, konnte nur noch im Nebengebäude der Alten Wache ausstellen.

Ende 2018 urteilte die Verwaltung: „Für die Durchführung der Sanierungsarbeiten ist von einer mehrjährigen Planungs- und Bauzeit auszugehen.“ Damals rechnete sie mit einer mindestens siebenjährigen Dauer. Eine Sanierung samt Erweiterungsbau hatte sie auf rund 90 Millionen Euro geschätzt. Bislang hatten sich alle anderen Pläne für eine Nutzung zerschlagen.

Warum äußern sich die Vereine jetzt?

Weil sie Druck machen wollen. In dem Schreiben heißt es: „Die Bedeutung, die das Museum und seine Sammlungen für Köln und darüber hinaus haben, steht in krassem Widerspruch zu der Situation, in der sich das Museum seit Jahren befindet.“

Wie ist die Situation im Modehaus Sauer?

Der Mietvertrag mit dem Eigentümer gilt laut Stadt seit 2021. Als der Stadtrat Ende 2018 darüber entschied, war er auf zehn Jahre angelegt, mit der Option zur zweimaligen Verlängerung um je drei Jahre. Demnach läuft der Vertrag ohne eine Verlängerung in sieben Jahren im Jahr 2031 aus. Eine Sanierung des Zeughauses dürfte bis dahin kaum umsetzbar sein, ein nötiger politischer Beschluss ist nicht mal in Sichtweite. Die Miete für das Zeughaus beträgt laut einer Information der Verwaltung von 2018 pro Jahr 725.000 Euro. KSM-Direktor Matthias Hamann hatte zuletzt betont, das Sauer sei nur ein Interimsstandort, es brauche einen neuen „Heimathafen“ für das Museum, er ließ aber offen, wo dieser sei.

Was passiert mit der Gesellschaft, die die Mitte geplant hat?

Zum Bau der „Historischen Mitte“ hatten Kirche und Stadt eine Gesellschaft Bürgerlichen Rechts (GbR) geschlossen, sie plante das Bauvorhaben. Sie besteht aus sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um Geschäftsführer Bernd Portz. Dem Vernehmen nach endet der Vertrag am 30. Juni. Eine Option ist es, dass die Stadt die GbR komplett übernimmt und sie sich um die weiteren Planungen für das Zeughaus oder das RGM-Studienhaus kümmert. Laut Stadt ist „die zukünftige Rolle der GbR Teil der laufenden Planungen“.

Was sagen die drei großen Fraktionen?

Die Grünen verfügen über 26 von 90 Sitzen im Rat, ihre Chefin Christiane Martin sagt: „In der jetzigen Situation kann ich mir angesichts der personellen und finanziellen Ressourcen der Stadt Köln nicht vorstellen, die ‚Historische Mitte‘ in der geplanten Form zu bauen. Trotzdem brauchen wir natürlich gute Lösungen für das Studienhaus des Römisch-Germanischen Museums und für das Kölnische Stadtmuseum. Eine vorstellbare Variante ist es, dass das Stadtmuseum zurück ins Zeughaus zieht, das die Stadt ohnehin sanieren muss.“

CDU-Fraktionschef Bernd Petelkau (20 Sitze) bezeichnete die „Historische Mitte“ aus städtebaulicher Sicht als einen Gewinn. „Deshalb hoffen wir, dass die Gespräche zwischen Kirche und Stadtverwaltung doch noch zu einem guten Abschluss gebracht werden.“  Und Joisten sagte: „Ich erwarte von der Stadtverwaltung eigene Vorschläge, wie sie sich die Zukunft des RGM-Studienhauses vorstellt oder ich erwarte eine Einladung der Politik zu einem Gespräch über die Zukunft der Grundstücke am Roncalliplatz – auch vor dem Hintergrund, was mit dem Kurienhaus der Kirche passiert und ob die Stadt daran interessiert ist.“

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