NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst will die Ergebnisse mit den Oberhäuptern der 17 beteiligten Kommunen in Köln bekanntgeben.
Ratsbürgerentscheid OlympiaViel Zuversicht vor der Auszählung am Sonntagabend

Ein Plakat mit dem Schriftzug „Ja“ wirbt an der Fassade der Lanxess-Arena für Olympische und Paralympische Spiele in Köln und der Region.
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Der Ort strahlt Selbstbewusstsein aus. Am Sonntagabend wird NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst die Ergebnisse der Ratsbürgerentscheide zur Olympia-Bewerbung von NRW im Köln-Triangle bekannt geben. Die Eventlocation in der 28. Etage bietet einen spektakulären Blick auf den Dom. Von dort will der CDU-Politiker das Signal in die Welt senden, dass NRW startklar ist, um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 auszutragen.
„Nordrhein-Westfalen ist bereit“, sagte Wüst in dieser Woche. Mit Köln als „Leading City“ gewinne die Bewerbung internationale Strahlkraft: „Die ganze Welt kennt den Kölner Dom.“ Wüst hat zu der Veranstaltung in Köln die Oberhäupter der 17 Kommunen, in denen die Wettbewerbe ausgerichtet werden sollen, hochrangige Sportfunktionäre und die Botschafter der Olympia-Kampagne eingeladen. Im politischen Düsseldorf ist man optimistisch, dass die nötige Mehrheit für die weitere Bewerbung um die Ausrichtung des Großevents zustandekommt.
In einer repräsentativen Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag des „Kölner Stadt-Anzeiger“ und 37 weiterer NRW-Tageszeitungen hatten sich landesweit 48 Prozent der Befragten für die Spiele ausgesprochen, 39 Prozent waren dagegen. Ob diese Umfrageergebnisse das tatsächliche Abstimmungsverhalten der über vier Millionen Wahlberechtigten in Köln und den 16 weiteren Kommunen widerspiegeln, bleibt spannend. Und was passiert zum Beispiel, wenn es nicht überall ein positives Votum gibt? Wir beatworten die wichtigsten Fragen rund um das Bürgervotum.
Was ist nötig, damit eine Frage im Bürgerentscheid als mit „Ja“ beantwortet gilt?
Zum einen müssen mehr Bürgerinnen und Bürger mit „Ja“ gestimmt haben als mit „Nein“. Und zum anderen muss die Anzahl der „Ja“-Stimmen mindestens einem bestimmten Anteil der Abstimmungsberechtigten entsprechen. Dieses sogenannte „Abstimmungsquorum“ liegt in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern bei mindestens zehn Prozent, bei Städten mit mehr als 50.000 bis 100.000 Einwohnern bei mindestens 15 Prozent und bei Kommunen mit bis zu 50.000 Einwohnern bei mindestens 20 Prozent.
Wo sind die Ergebnisse am Sonntag einsehbar?
Die 17 Kommunen weisen jeweils ihr amtliches Ergebnis des Entscheids aus. Dies erfolgt in der Regel über die Webpräsenz der jeweiligen Kommunen. Überall wird ab 18 Uhr ausgezählt, je nach Anzahl der abgegebenen Stimmen kann das aber unterschiedlich lang dauern. In Köln waren bis Donnerstag bereits 316.847 Wahlbriefe beim Wahlamt eingegangen. 1000 Wahlhelfer stehen bereit, um diese am Sonntag zu öffnen, zu sortieren und zu zählen. Eine Übersicht zur Auszählung in allen Kommunen soll es am Sonntag auf der zentralen Internetseite der NRW-Bewerbung unter olympiabewerbung.nrw geben.
Was passiert, wenn die Menschen in einer der 17 Kommunen das nötige Abstimmungsquorum nicht erreichen oder mit „Nein“ stimmen?
Dann sind diese Kommunen nicht länger Teil des NRW-Olympia-Konzeptes und ihr Ergebnis wird im Gesamtergebnis nicht mehr mitgezählt. In der Düsseldorfer Staatskanzlei, die federführend für die Region plant, gibt es für den Fall der Fälle wohl ein Ersatzsportstättenkonzept. So ist etwa aus Herten zu hören, dass dort das nötige Quorum möglicherweise nicht erreicht wird. Die dort und in Recklinghausen geplanten Mountainbike-Wettbewerbe würden dann nur in Recklinghausen stattfinden – oder in eine der Kommunen mit positivem Votum verlegt werden.
Anders als etwa in Köln haben die Menschen in Herten die Briefwahl-Unterlagen nicht direkt zugeschickt bekommen, sondern lediglich einen QR-Code, über den sie die Stimmzettel beantragen mussten. Dieses Verfahren sei einer hohen Wahlbeteiligung nicht zuträglich gewesen, hieß es in Kreisen der Bewerbung. Man hält es aber für eine Stärke des NRW-Konzepts, dass es in der Region zahlreiche Alternativen für die Austragung der verschiedenen Sportarten gebe.
Gibt es eine Stadt, ohne die nichts mehr geht?
Eine klare Aussage dazu gibt es von den Düsseldorfer Planern nicht. Und auch die Verantwortlichen im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) kommentieren das nicht. Jede Region oder Stadt habe bis zum 4. Juni Zeit, ihr Konzept noch anzupassen. Dann muss dem DOSB die finale Version vorliegen. Bei einer Mitgliederversammlung am 26. September soll die Entscheidung für Köln-Rhein-Ruhr, München, Hamburg oder Berlin fallen. Wann das Internationale Olympische Komitee (IOC) entscheidet, ist bisher völlig unklar. Möglicherweise bereits 2027, spätestens wohl 2029.
Das NRW-Konzept verlöre allerdings etwa ohne seine „Leading City“ Köln deutlich an Schlagkraft. Je mehr Sportstätten in einer Kommune zur Nutzung vorgesehen sind, umso schwerer würde es, Ersatz dafür zu finden. Fiele wiederum Gelsenkirchen aus, fehlte dem Konzept mit der Schalker Arena, die als temporäres Schwimmstadion vorgesehen ist, eine besonders spektakuläre Location.
In München haben sich 66,4 Prozent der Befragten für die Spiele ausgesprochen. Muss NRW ein besseres Ergebnis bekommen, um seine Chance auf die Spiele zu wahren?
Nein. Am Ende zählt: Mehrheit ist Mehrheit, darauf weisen die Verantwortlichen immer wieder hin. Ein NRW-Ergebnis, das an den Münchner Wert heranreicht, wäre zwar schön, dürfte aber auf die Vergabe nur wenig Einfluss haben. Der Grund: Bei der Entscheidung, mit welchem der vier Interessenten er ins internationale Rennen geht, betrachtet der DOSB auch das Votum der Bevölkerung, aber eben nicht nur. Genauso wichtig sind viele weitere Kriterien aus den Bereichen internationale Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Mobilität, sportfachliche Eignung, Vision und Vermächtnis, Kosten und Finanzierung.
In NRW wird der DOSB die positiven Stimmen aller Kommunen durch die Anzahl der gültigen abgegebenen Stimmen teilen, um einen Gesamtwert für die Region zu erhalten. Anders als München hat NRW die Bürgerinnen und Bürger in allen 17 beteiligten Kommunen befragt. In Bayern wurden nur die Münchner um ihre Meinung gebeten – obwohl beispielsweise auch in Nürnberg, Augsburg Stuttgart und Sinsheim Wettbewerbe stattfinden sollen. Die 66,4 Prozent sind also keinesfalls repräsentativ. Das NRW-Votum gilt im Gegensatz dazu als belastbarer. Auch in Hamburg gibt es ein Bürgerreferendum, ausgezählt wird am 31. Mai. In Berlin lässt die Verfassung eine solche Umfrage nicht zu, dort ist eine Abstimmung im Abgeordnetenhaus geplant. Dieses Ergebnis will der DOSB dann im Vergleich zu den Bürgerreferenden nur mit dem Faktor 0,5 multipliziert bewerten.

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst wirbt nach Kräften für Olympia an Rhein und Ruhr – hier im deutschen Kajak-Vierer, gut gesichert vom Essener Merhfach-Olympiasieger Max Rendschmidt.
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Wie breit ist die politische Unterstützung für die Bewerbung?
Im Landtag sind CDU, SPD, Grüne, FDP und auch die AfD (anders als in Köln) für eine Bewerbung, weshalb sich politische Störfeuer in Grenzen hielten. Parteiübergreifend werden die Chancen höher eingeschätzt als die Risiken. Eine breit getragene Anti-Olympia-Bewegung hat sich in NRW nicht gebildet. Nur die Linkspartei sprach sich explizit gegen eine Bewerbung aus.
Hätte die Euphorie für Olympia in NRW größer sein können?
Das glaubt die Opposition. „Die Unterstützung hätte größer sein können. Das liegt auch daran, dass die Olympia-Kampagne zu spät und wenig sichtbar gestartet ist“, sagte Christof Rasche, sportpolitischer Sprecher der FDP und Vizepräsident des Düsseldorfer Landtags, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Im Breitensport hatte die versprochene „Sportmilliarde“ zur Sanierung von Sportanlagen und Schwimmbädern keine Bugwelle für die Bewerbung ausgelöst. Der Städte- und Gemeindebund hatte die „Sportmilliarde“ als Nebelkerze bezeichnet, da es sich dabei ganz überwiegend um bereits eingeplante Mittel und nicht um zusätzliches Geld handelt. Bei der SPD wird bemängelt, NRW haben die Vorzüge einer Ausrichtung der Spiele zum Beispiel für den Wohnungsbau und die Stärkung der Infrastruktur in der Kampagne nicht stark genug herausgestellt.
Was bedeuten die Olympischen und Paralympischen Spiele für NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst?
Sollte NRW den Zuschlag bekommen, wäre das für Wüst ein großer Prestigeerfolg – der den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder nicht erfreuen dürfte. Söder wirbt mit Schlössern und Parkanlagen um die Gunst des DOSB, das unprätentiösere NRW will mit Nachhaltigkeit, mehr Zuschauerplätzen und günstigen Tickets punkten. Beide Länderchefs wären in der CDU hinter Bundeskanzler Friedrich Merz gerne die Nummer zwei. Ein Erfolg bei der Vergabe würde das Duell zwar nicht entscheiden, dürfte das parteipolitische Gewicht des Siegers aber erhöhen.