Zum Auftakt der elften Ausgabe des Kölner Festivals für Weltliteratur „Poetica“ stellten sich internationale Lyrikerinnen und Lyriker den großen Fragen ihres Faches.
Auftakt der Poetica 11Diese Magie ist kein Eskapismus

Moderatorin und Kuratorin Rike Scheffler im Gespräch mit ihren internationalen Gästen beim Auftakt der Poetica 11 in der Kölner Universität
Copyright: Silviu Guiman
Als Lyrikerin findet Asmaa Azaizeh Bilder für menschliches Leid im Angesicht von Tod, Krieg und Zerstörung, besingt Zärtlichkeit und Liebe – „bis mein Vater zu Boden schlug und starb / dann war der Tod ein Tod / nur noch ein Tod“, so ein Auszug des Gedichts, das die palästinensische Autorin zum Auftakt der elften Poetica auf der Bühne der vollbesetzten Aula der Kölner Universität vorträgt.
Was kann das Schreiben, kann Lyrik, unter solchen Umständen bedeuten? Rike Scheffler, Dichterin, Musikerin und diesjährige Kuratorin des Kölner „Festivals für Weltliteratur“, scheut sich nicht, die großen, existenziellen Fragen zu stellen. Vielleicht zu groß, zu existenziell, für einen zweistündigen Abend, an dem neun internationale, renommierte Lyrikerinnen und Lyriker (neben Asmaa Azaizeh, auch Alhierd Bacharevič, Haytham El-Wardany, Angélica Freitas, Sarah Howe, Sofia Jernberg, Mélissa Laveaux, Mette Moestrup und Daniela Seel) zu Wort kommen sollen?
Poesie als Magie
Scheffler sucht nach Antworten und findet sie ausgerechnet in der Magie: „Soft Magic“ lautet ihr Festivalmotto. Magie, so Scheffler, trete oft in den großen, universellen Momenten auf: Geburt, Liebe, Krankheit, Konflikt und Naturkatastrophen. Sie entstehe dort, wo mit Unsicherheit gelebt werden muss, anstatt sie zu lösen: „Und genau darin liegt ihre poetische und existenzielle Kraft.“ Scheffler beruft sich auf die Dichterin und Aktivistin Audre Lorde, für die Poesie Magie sei, „nicht im Sinne von romantisch-esoterischer Weltflucht, sondern im Sinne einer emanzipatorischen Erkenntnispraxis, die Neues und Wundervolles in die Welt bringt.“
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Die schwedisch-äthiopische Stimmkünstlerin Sofia Jernberg bei ihrem Auftritt
Copyright: Silviu Guiman
Neues und Wundervolles gibt es dann tatsächlich allerhand an diesem ersten Poetica-Abend. Wenn etwa die schwedisch-äthiopische Künstlerin Sofia Jernberg nach vorn tritt, um kein einziges Wort zu formen, sondern nur ihre Stimme einsetzt, zwischen schrillem Schreien, glasklarem Operngesang und Jazz wechselt – und damit das Klangliche der Lyrik mehr als eindrücklich hervorhebt. Oder wenn Angélica Freitas in einem satirisch-ironischen Stück patriarchale Machtstrukturen offenlegt. Humor, so die brasilianische Journalistin und Autorin, sei ihrem Land sehr nah, da er eben auch Überlebensstrategie ist.
Humor und Lyrik als Überlebensstrategien
Die Lyrik als Überlebensstrategie begegnet einem an diesem Abend immer wieder. Haytham El-Wardany, geboren in Kairo und seit 1999 in Berlin lebend, schrieb vor dem Hintergrund der ägyptischen Protestbewegung Anfang der 2010er Jahre „The Book Of Sleep“. Seine Untersuchung von Schlaf als Form des politischen Widerstands ist ebenso überraschend wie erhellend. Und der belarussische Romanautor und Essayist Alhierd Bacharevič denkt sich in „Europas Hunde“ gleich eine ganze Fantasiesprache aus. Darin gibt es kein Wort für richtig und keins für falsch, keine Superlative und kein festes Wir. „Malbuta“, so der Name, sei eine Sprache der Freiheit und eine gefährliche Utopie zugleich, sagt Bacharevič, um dem Publikum dann die beiden wichtigsten Worte beizubringen: Sei frei.
Angesichts der Klimakrise und des Krieges könne die Poesie keine einfachen Lösungen anbieten, mahnt Scheffler gleich zu Beginn des Abends, „aber vielleicht etwas, das radikaler ist: Eine zutiefst sinnliche, widerständige, hoffnungsvolle Neuausrichtung der Wahrnehmung.“ Umso bedauerlicher, dass ausgerechnet diese Sinnlichkeit angesichts der durchaus bewegenden, aber an manchen Stellen vielleicht etwas zu weit gefassten Meta-Fragen zuweilen ein wenig auf der Strecke bleibt. So funktioniert Schefflers angestrebte „Wiederverzauberung des Humanismus“ – eine Anlehnung an die Philosophin Sylvia Winter – am allerbesten, wenn eben die Lyrik selbst den Raum füllt, erst in der jeweiligen Originalsprache, dann in der deutschen Übersetzung, gelesen von Lavinia Nowak und Hasti Molavian.
Aufgrund des Krieges in Gaza emigrierte Asmaa Azaizeh im vergangenen Jahr nach London. Ihre Arbeiten beschreibt sie in Köln als „antipoetische Poesien“. Die Frage, ob Lyrik in die Gesellschaft hineinwirken, zur Weltgestaltung werden kann, muss auch nach diesem Abend unbeantwortet bleiben. Zumindest aber kann Poesie, das zeigt die Poetica sehr eindrücklich, die Welt ein wenig besser machen, sie kann Trost spenden und vielleicht sogar heilen. „Diese Lieder schreibe ich“, so eine weitere Zeile aus Azaizehs Gedicht, „damit ich besser schlafen kann.“
Die Poetica 11 wird von der Universität zu Köln in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung noch bis zum 31. Januar veranstaltet. Der Eintritt ist abhängig von der jeweiligen Veranstaltung, teilweise frei: poetica.uni-koeln.de/poetica-11/programm/.

