Er habe als junger Mann zwar Deutsch studiert, sagt Lee Ufan, aber leider alles vergessen. Das mag man einem 90‑Jährigen gerne nachsehen, zumal wenn er die Anreise nach Köln auf sich genommen hat, um das Museum Ludwig mit einem seiner weltweit gesuchten Werke zu beschenken. Wobei das Großformat aus der „Response“-Serie streng genommen ein Ankauf ist. Allerdings einer, hört man bei den Einkäufern heraus, bei dem der Preisnachlass beinahe beschämend hoch ausfällt.
Diese Großzügigkeit mag auch eine Antwort darauf sein, dass Lee Ufan an das Rheinland und benachbarte Regionen die besten Erinnerungen hat. Die Bochumer Galerie m gehörte zu den ersten, die im Westen an seine meditativen Bilder glaubten, und auch der Kölner Maler Sigmar Polke habe ihn immer bestärkt, so Lee. „Weißt Du“, habe Polke einmal zu ihm gesagt, „Du machst etwas, auf das sogar Gerhard Richter nicht gekommen ist: Du bringst Malen und Nichtmalen zusammen.“
In Deutschland wurde Lee Ufan früh gefördert
Anders als Richter, der sich in beinahe allen Formen der Malerei erprobte, blieb sich Lee weitgehend treu. In den 1970er Jahren wurde er mit seinen „From Line“-Bildern berühmt, auf denen Lee in bester Zen-Tradition die Malerei auf ihren angenommenen Ursprung reduzierte und in einer einzigen Bewegung farbige, sich verjüngende Linien über die Leinwand zog. Die Striche wurden dabei immer dünner (und farbloser), bis sie das Nichts zu berühren schienen. Mit derart einfachen Mitteln haben wenige Künstler die Pole von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit miteinander verbunden und dargestellt.
Auch beim Werk für das Museum Ludwig versteht man auf den ersten Blick, wie Lee Malen und Nichtmalen zusammenbringt. Auf einer weißen Leinwand schwebt eine längliche Figur, die entfernt an ein Tongefäß erinnert und von links nach rechts die Farbe wechselt. Das Spektrum beginnt mit einem am Rand leicht wulstigen Weiß und zieht sich über Beige-, Grün-, Braun- und Rottöne bis zu einem blutigen Schwarz. Die Komposition erinnert an klassische Malübungen, in denen Schüler lernen, einen Gegenstand mit Licht zu modellieren, aber Lees Bild geht weit darüber hinaus. Man erlebt auf elementare Weise, wie gegensätzliche Kräfte in der Balance gehalten werden: Hell und Dunkel, Leere und Fülle, Ruhe und Bewegung.
Als ewigen Schüler würde sich Lee Ufan vermutlich trotz seiner Meisterschaft bezeichnen, denn bei seinen Exerzitien kommt es darauf an, das Gleiche immer wieder aufs Neue zu tun – bis man sich der gefühlten Perfektion nähert. Für seine jungen „Antwort“-Bilder streicht Lee jeweils mit einem breiten Pinsel über die Leinwand, immer in mehreren Schichten und über mehrere Tage verteilt. Lee hofft darauf, dass die investierte Zeit in seinen Bildern sichtbar wird und im Wechselspiel der farbigen Schichtungen mit der weißen Leinwand „unsichtbare Wellen und unhörbare Resonanzen“ entstehen. Das klingt esoterisch. Aber selbst Zen-Agnostiker fühlen sich von der sorgsam komponierten Leere seiner Bilder erfüllt.
Lee Ufan hat schlechte Erfahrungen mit falschherum aufgehängten Bildern gemacht
Außer dem „geschenkten“ Werk hat Lee vier weitere Großformate aus der „Response“-Serie mit nach Köln gebracht. Auf ihnen variiert er das Grundprinzip der Reihe mit anderen Farbmischungen und verkürzten oder gekippten Formen; teilweise setzt er auch zwei oder drei Gefäße gemeinsam ins Bild. Seine Signatur steht stets seitlich auf dem Umschlag, jeweils mit einem nach oben zeigenden Pfeil versehen. Auf die Frage, ob er schlechte Erfahrungen mit falsch herum aufgehängten Bildern gemacht habe, antwortet Lee: „Leider ja.“ Aber man lerne aus seinen Fehlern.
In Köln tritt Lee Ufan so bescheiden auf, wie es seine Bilder vermuten lassen. Er versuche, beim Malen das eigene Ego beiseitezuschieben, sagt er, und die „tiefen Atemzüge der Welt“ zu spüren. In einem Video, das die kleine Ausstellung begleitet, klingt hingegen eine pessimistische (für die Menschheit) oder auch optimistische (für die Erde) Haltung an: „Die Welt begann ohne den Menschen“, zitiert er den Anthropologen Claude Lévi-Strauss, „und wird sich ohne ihn vollenden.“ Vielleicht versucht Lee auch deshalb, sein menschliches Ego aus den Bildern herauszuhalten.
So wird in Köln ein Maler mit dem Wolfgang-Hahn-Preis geehrt, der es durch Bescheidenheit zur weltweit bewunderten Meisterschaft brachte – und dessen Werke damit für das Museum Ludwig unerschwinglich geworden sind. Auch das von der Gesellschaft für moderne Kunst gestellte Preisbudget (jährlich werden 100.000 Euro für den Ankauf eines Werkes investiert) reicht dafür nicht annähernd. Yilmaz Dziewior, Direktor des beschenkten Museums, betonte noch einmal, Lee Ufan habe schon lange ganz oben auf der Kandidatenliste für den Wolfgang-Hahn-Preis gestanden, aber man habe sich nie getraut, ihn in Erwägung zu ziehen. Erst die japanische Gastjurorin Mami Kataoka habe vorgeschlagen, einfach mal zu fragen. Und sie wurde erhört.
„Wolfgang-Hahn-Preis 2026: Lee Ufan“, Museum Ludwig am Dom, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, bis 4. April 2027

