Im Vorspann des Films 77 Hours über das Massaker der iranischen Sicherheitsbehörden am 8. und 9. Januar 2026 wird vor verstörenden Szenen gewarnt: Exekutionen, Vergewaltigung, Massenmord. Ein Vater sucht unter Hunderten Leichen in schwarzen Plastikhüllen seinen Sohn – und muss für die Herausgabe des Leichnams zahlen. Eine Frau wird von Polizisten, bei denen sie Hilfe sucht, exekutiert. Demonstranten werden wahllos erschossen und erschlagen, eine schwer Verletzte im Krankenhaus vergewaltigt.
Die zum Teil mit Künstlicher Intelligenz generierten Bilder wecken Trauer und Traumata bei den Zuschauern im voll besetzten Film-Forum des Museum Ludwig: Viele Menschen weinen, schluchzen, wimmern, immer wieder. Bei anderen Vorführungen mussten Gäste nachher psychologisch und medizinisch betreut werden. „All das, was in diesem Film zu sehen ist, ist wahr. Es beruht auf Videomaterial und Gesprächen mit vielen Zeugen“, hatte Regisseur Vahid Mahdavi dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Foyer des Kinos gesagt. „Ich habe diesen Film gemacht, damit der Massenmord des islamischen Regimes nicht vergessen wird.“
Es werde zu viel geschwiegen, auch im Westen, auch von Medien. „Wir müssen unsere Stimmen für die Menschen im Iran erheben und immer an dieses Massaker erinnern. Nur so können wir dazu beitragen, dass das islamische Regime gestürzt wird.“ Das Nachrichtenportal Iran International hatte nach dem Massaker von 36.000 Toten berichtet und sich auf Quellen aus dem Obersten Nationalen Sicherheitsrat, dem Präsidialamt, der Revolutionsgarde, medizinischen Einrichtungen sowie auf Aussagen von Augenzeuginnen und Angehörigen berufen.
Im Kinosaal des Museum Ludwig rufen die Zuschauer: „Hoch lebe der Schah!“
Tatsächlich könnte 77 Hours einen wichtigen Erinnerungsbeitrag leisten. Allerdings wird der Film von internationalen Medien seit der Premiere am 10. Juli in London nur sehr wenig besprochen. Das liegt womöglich auch daran, dass Regisseur Mahdavi ein bekennender Monarchist und Anhänger von Schah-Sohn Reza Pahlavi ist. In Köln trägt er eine Brosche mit dem Konterfei des Schahs Mohammad Reza Pahlavi. In dem Film skandieren die Demonstrierenden für den Sohn, den ehemaligen Kronprinzen Pahlavi, der aktuell von der israelischen und der amerikanischen Regierung unterstützt wird. So ist es vielen Videos zufolge während der Proteste im Januar 2026 auch geschehen. Große Teile der iranischen Diaspora im Ausland unterstützen Pahlavi inzwischen ebenfalls. Im Kinosaal rufen die Zuschauer nach dem Ende des Films „Hoch lebe der Schah!“

Reza Pahlavi ist der älteste Sohn des Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Er lebt in den USA. Viele Iraner sehen in ihm einen geeigneten Übergangspräsidenten nach einem möglichen Sturz des Regimes.
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Dass Pahlavi am 7. November in Frankfurt für das iranische Volk den Freiheitspreis der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung entgegennimmt, stößt in Deutschland auf Kritik. Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) bezeichnete die Preisverleihung an Pahlavi als „unglücklich“. Die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin erinnerte in einem Gastbeitrag an die Diktatur des Vaters: „Die Herrschaft von Schah Mohammad Reza Pahlavi war eine üble Diktatur, zu deren täglichen Herrschaftsmitteln politische Verfolgung, Zensur, Folter und die Unterdrückung der demokratischen Opposition gehörten.“ Ein Freiheitspreis müsse „die Erfahrungen der Opfer der früheren Diktatur und Unfreiheit“ dringend berücksichtigen.
In Deutschland hatten Proteste gegen den Besuch des Schahs in Berlin und die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg 1967 zur Radikalisierung eines Teils der Studentenbewegung geführt.
Pahlavi hat stets betont, dass sein Bestreben darauf ausgerichtet ist, die Zukunft des iranischen Volkes in die Hände der Iranerinnen und Iraner zu legen
Der FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki sagt gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, er begrüße die Entscheidung der Naumann-Stiftung. „Reza Pahlavi ist das bekannteste Gesicht der Opposition und wird von vielen als aussichtsreiche Stimme für einen politischen Wandel angesehen.“ Den Preis nehme er lediglich treuhänderisch für das iranische Volk entgegen. „Pahlavi hat stets betont, dass sein Bestreben darauf ausgerichtet ist, die Zukunft des iranischen Volkes in die Hände der Iranerinnen und Iraner zu legen. Ich denke daher, dass er aufgrund seiner Popularität und seiner Reichweite nicht nur der aussichtsreichste Gegner des mörderischen Terrorregimes ist, sondern auch Unterstützung verdient“, sagt Kubicki. „Er bietet die beste Chance auf Freiheit, die sich den Iranerinnen und Iranern derzeit eröffnet.“
Deutschland sollte Kubicki zufolge „den Druck auf das Regime weiter erhöhen. Insbesondere Einflussnahmen der Mullahs im Inland müssen wir noch konsequenter verfolgen und unterbinden“. Außenpolitisch müsse „das kurzfristige Ziel sein, zu verhindern, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangt. Langfristig muss der Druck auch darauf ausgerichtet sein, das iranische Regime international isoliert zu halten“.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Bundesjustizministerin a.D., sagt auf Anfrage, sie könne nicht beurteilen, ob Pahlavi geeignet wäre, um im Falle eines Regime-Sturzes Präsident zu werden: „Er war Jahrzehnte nicht im Iran und ist umstritten.“ Man sollte ihn aber nicht verantwortlich machen für die damaligen Taten anderer. „Reza Pahlavi war ein Kind während des Regimes seines Vaters im Iran.“ Und: „Das iranische Volk hat den Freiheitspreis verdient. Es leidet unter Unterdrückung, Willkür und Menschenrechtsverletzungen. Und hat so viel Mut in diesem Kampf gegen die Diktatur.“
„Pahlavi ist zwar nicht die einzige, aber eine wichtige Stimme der iranischen Opposition“, sagt Omid Nouripour (Die Grünen), Außenpolitik-Experte und Bundestagsvizepräsident. Ob er als iranisches Staatsoberhaupt in Frage komme, könnten „nur die Menschen im Iran entscheiden. Mein Traum ist, dass sie eines Tages die Freiheit erlangen, eine solche Entscheidung treffen zu können. Bis dahin sollte nicht wichtig sein, wer die lauteste Opposition ist, sondern wie die Iranerinnen und Iraner sich von der Unterdrückung des Regimes befreien können“.
Der Krieg ist unser Problem. Weil von der Zukunft des Iran auch die Zukunft von Europas Wohlstand und Demokratien abhängt
Pahlavi stehe für eine „freiheitliche Demokratie und die wohl einzige Person mit der Kraft, die Menschen im Iran nach einem Sturz des Regimes zu einen“ sagt Danial Ilkhanipour (SPD), Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, bei der Kölner Filmvorführung. Beschämend sei es nicht, Pahlavi einen Freiheitspreis zu verleihen, sondern, „dass Deutschland keine Iran-Strategie hat“, sagt Ilkhanipour.
Statt das Regime scharf zu sanktionieren und im Hintergrund an dessen Sturz mitzuarbeiten, „ist man auf die Propaganda des Regimes hereingefallen“, so der SPD-Politiker. Es stimme, dass der Krieg im Iran „nicht unser Krieg ist, wie Bundeskanzler Merz gesagt hat. Aber der Krieg ist unser Problem. Weil von der Zukunft des Iran auch die Zukunft von Europas Wohlstand und Demokratien abhängt“. Im Kinosaal erhält er für seine Worte donnernden Applaus. Später rufen die Menschen erneut: „Hoch lebe der Schah.“


