Als Mélanie Froehly vor acht Jahren die künstlerische Geschäftsführung von Zamus, dem Kölner Zentrum für Alte Musik, übernahm, hatte sie gedacht, dass sie mehr Zeit mit Barockkomponisten wie Barbara Strozzi oder Bach verbringen würde – und sehr viel weniger mit dem Thema Baurecht. Doch die Suche nach einer dauerhaften Bleibe für die im Jahr 2000 auf der Heliosstraße eröffnete, in Deutschland einzigartige Kultureinrichtung – eine Art Dachorganisation und Kreativplattform für mehr als 200 Musizierende und Ensembles, die sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben haben – gestaltete sich wechselvoll bis schwierig.
Am Donnerstag konnte Froehly nun das Ende dieses „wilden Abenteuers“ verkünden. Beziehungsweise den Punkt, an dem die Zamus-Odyssee Kurs auf den Heimathafen nimmt. Denn ein Abenteuer ist ja auch der Umbau des denkmalgeschützten Verwaltungsgebäudes von Thyssenkrupp an der Oskar-Jäger-Straße 192, der jetzt offiziell begonnen wurde. Maßgeblich finanziert wird der Umzug von der Stadt Köln und dem NRW‑Kulturministerium. Wenn alles klappt, plant das Zamus bereits Anfang des Jahres 2028, in die neuen Räume in Ehrenfeld einzuziehen.
Industriegeschichte und Barockmusik
Auf dem 50.000 Quadratmeter umfassenden Areal an der Kreuzung von Oskar-Jäger-Straße und Vogelsanger Straße entwickelt der österreichische Immobilienkonzern Soravia eine Mischnutzung aus Büros, Gewerbe, Hotels, Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie zwei historischen Fabrikhallen, die zu Veranstaltungshallen werden sollen. Einen hohen dreistelligen Millionenbetrag, so Hans-Peter Weiss aus der Geschäftsleitung des Entwicklers, investiere Soravia in das neue „offene, grüne Quartier“ im Kölner Szeneviertel.
Mit dem Einzug von Zamus in das 1922 im Stil des Backstein-Expressionismus erbaute Gebäude, ein Zeugnis der Kölner Industriegeschichte, sei ein wichtiger Schritt zur Transformation getan, mit langfristiger Perspektive. „Wir haben mit Zamus eine langfristige Vereinbarung auf 25 Jahre geschlossen, mit einer Verlängerungsoption auf weitere fünf Jahre“, so Weiss. Auf einer Fläche von 2100 Quadratmetern sollen künftig Räume für Proben und Künstler-Residenzen, Musikvermittlungsprojekte, Weiterbildung, Events und Konzerte entstehen.
Bürgermeisterin Maria Helmis-Arend lobte vor allem den Umstand, dass hier Kultur nicht erst am Ende einer Entwicklung als i-Tüpfelchen dazu komme, sondern dass „Arbeit, Wirtschaft, Kreativität, Kunst und Kultur von Anfang an gemeinsam gedacht werden“. So könne sich hier „ein urbanes Quartier im besten Sinne“ entwickeln.

Links im Modell das ehemalige Thyssenkrupp-Verwaltungsgebäude, schräg dahinter die zukünftigen Veranstaltungshallen.
Copyright: Alexander Schwaiger
Der Umbau erfolgt mit dem Architekturbüro Jocks Planungen. Die Barrierefreiheit wird unter anderem mit 230.000 Euro von der NRW-Stiftung gefördert, deren Vizepräsidentin Barbara Schock-Werner am Donnerstag einen entsprechenden Scheck übergab.
Als Untermieter ziehen das auf historische Aufführungspraxis der Musik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts spezialisierte Orchester Concerto Köln ein – und das legendäre Studio für Elektronische Musik des WDR (SEM), in dem Neutöner wie Karlheinz Stockhausen wenige Jahre nach Kriegsende mithilfe von Rauschgeneratoren und Ringmodulatoren die Zukunft komponierten. Letzteres hat eine ganz eigene Irrfahrt hinter sich, obwohl es als erstes Studio seiner Art und eine der Geburtsstätten eigentlich zum Weltkulturerbe gehören sollte, verdammte es der Kölner Sender zu einem mehrere Jahrzehnte währenden Schattendasein in anonymen Kellerräumen, überließ es schließlich im Jahr 2023 der Stadt Köln – die freilich auch kein würdiges Obdach fand. Bis jetzt.
Im ehemaligen Verwaltungsgebäude treffe nun historische Aufführungspraxis auf elektroakustische Avantgarde, freut sich Mareike Winter vom Ensemble Musikfabrik: „Für uns ist das gelebte Neugier und Klangforschung unter einem Dach.“ Künftig soll das Kölner Orchester – einer der weltweit bekanntesten Klangkörper für Neue Musik – das Studio betreiben, als lebendigen Ort der künstlerischen Produktion, Forschung und Vermittlung.
Die Verhandlungen mit der Stadt liefen noch, berichtete Winter, man habe jedoch bereits zwei Honorarstellen geschaffen, zur archivwissenschaftlichen Aufarbeitung des Materials und zur Erschließung der technischen Geräte: Was kann für die musikalische Produktion reaktiviert werden, was bleibt als Museumsstück erhalten?
Alle Dokumente, Fotos, Pläne und Korrespondenzen des Elektronischen Studios werden dann im Historischen Archiv mit Rheinischem Bildarchiv der Stadt Köln aufbewahrt, konservatorisch gesichert und der Öffentlichkeit zur Forschung und Nutzung zur Verfügung gestellt.

