Abo

Präsident der „Kölsche Kippa Köpp“Von der Kölner Kulturszene im Stich gelassen gefühlt

7 min
Aaron Knappstein

Aaron Knappstein.

Für unsere Serie „Mein Kulturmonat“ erzählt Aaron Knappstein, warum er Karneval liebt und was es in Köln sonst noch zu entdecken gibt.

Schon sehr früh habe ich mich mit dem Begriff Heimat beschäftigt - auch aus familiären Gründen. Und Köln ist meine Heimat. Ich bin in Porz geboren und aufgewachsen, habe aber auch in Heidelberg und in Israel gelebt, war zwei Jahre in Kopenhagen, ein Jahr in Südafrika. Aber immer wieder bin ich nach Köln zurückgekommen.

Wenn ich anderswo bin, fehlen mir tatsächlich die Traditionen und liebgewonnene Menschen. Und als Präsident eines Karnevalsvereins bin ich nun mal auch dem Kölner Karneval tief verbunden. Ich mag das gemeinsame Singen, die Musik, das Zusammenkommen. Und vor allem, dass der Karneval die Kraft hat, sehr unterschiedliche Menschen zusammenzubringen.

Dass der offizielle Karneval sich mittlerweile so sehr einsetzt für eine offene Gesellschaft, ist ja leider keine Selbstverständlichkeit. Den Karneval als sogenannten Hort des Widerstands - den gab es nie in der NS-Zeit. Und auch viele Jahrzehnte danach hat sich niemand um die Rolle des Karnevals geschert. Erst seit Markus Ritterbach, dem letzten Präsidenten des Festkomitees, hat man sich überhaupt intensiv damit auseinandergesetzt. Und es ist auch wichtig, dass das Festkomitee auch offiziell sagt: Es gibt kein Konfetti in Braun.

Wir werden oft gefragt: Seid ihr Kippa Köpp eigentlich integriert in den Karneval? Und da muss ich sagen: Ja, sind wir. Der offizielle Karneval, angefangen vom Festkomitee, aber eben auch die großen Vereine, die alten Traditionsgesellschaften, Rote Funken, Blaue Funken – sie alle sind sehr integrierend und zeigen, dass der jüdische Karnevalsverein absolut dazugehört.

Klar gibt es einige alte Traditionsvereine, die zum Beispiel nur Männer aufnehmen. Und mittlerweile ja auch Vereine, in denen nur Frauen Mitglieder werden können. Das kam jedoch für uns Kippa Köpp nicht in Frage, da für uns klar war: Wir sind eine Familiengesellschaft - und die soll und muss alles und alle abbilden. In unserem Verein sind beispielsweise Frauen und Männer, Juden und Nichtjuden, die sich vielleicht nirgendwo sonst treffen würden, weil sie in anderen Zirkeln unterwegs sind. Leute aus der liberalen jüdischen Gemeinde sind genauso dabei wie aus der orthodoxen Gemeinde. Da sitzen Menschen, die aus Israel zugewandert sind neben Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, es sind Amerikaner dabei - das ist einfach schön zu sehen. Und diese Vielfalt gibt es in vielen Vereinen.

Aaron Knappstein vor einer Veranstaltung zum Auftakt der Karnevalssession im Hansesaal des Kölner Rathauses.

Aaron Knappstein vor einer Veranstaltung zum Auftakt der Karnevalssession im Hansesaal des Kölner Rathauses.

So macht der Karneval diese Stadt weltoffener und toleranter. Und trotzdem glaube ich, dass sich Köln nicht auf diesem Image ausruhen darf. Sondern das ist etwas, wofür man immer wieder kämpfen, sich immer wieder einsetzen muss. Und sich fragen: Ist es in meinem Umfeld so? Bin ich selbst so?

Von der Kölner Kulturszene im Stich gelassen gefühlt habe ich mich nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023. Im Dezember gab es zwar eine Kundgebung der Kölner Künstlerinitiative „Arsch huh, Zäng ussenander“ in der Innenstadt. Das Massaker wurde dabei aber nur in einem halben Nebensatz erwähnt und mit dem Krieg im Gazastreifen gleichgesetzt. Das hat mich sehr betroffen gemacht und enttäuscht.

Etwas völlig Anderes und Neues kennenlernen

Ich bin ein großer Freund von Ausstellungen – ganz allgemein. Weil ich finde, es gibt kaum einen besseren Weg, etwas völlig Anderes und Neues kennenzulernen. Ob Museum für Angewandte Kunst oder Rautenstrauch Joest Museum - ich schaue mir gerne die Programme von ganz vielen Museen und Ausstellungsräumen in dieser Stadt an. Seit neuestem habe ich auch das Schnütgen-Museum für mich entdeckt. Ich war selten in einer Ausstellung, wo ich danach dachte: Das hat mir jetzt irgendwie gar nichts gebracht.

Kulturell gibt es in Köln ja wahnsinnig viele Baustellen – auch im wahrsten Sinne des Wortes. Mich fragen auch immer wieder mal Menschen von außen: Was ist da eigentlich los mit eurem Opernhaus? Und da merke ich bei mir selbst, dass meine Geduld am Ende ist. Nicht nur in Bezug auf die Oper. Was passiert denn zum Beispiel jetzt mit dem Zeughaus? Wird das jemals saniert? Was soll aus dem Stadtmuseum werden – muss das jetzt für immer im Interim bleiben, wo es viel zu wenig Platz gibt?

Natürlich freue ich mich sehr über die Zustimmung des Bundes, dass das NS-Dokumentationszentrum mit drei Millionen Euro zur Überarbeitung der Dauerausstellung gefördert wird. Aber gleichzeitig habe ich schon ein bisschen Angst davor, wenn ich dann daran denke, dass die Dauerausstellung umgebaut wird. Wie lange wird das dann wohl dauern?

Ich würde wirklich gerne noch die Eröffnung der MiQua erleben – das Jüdische Museum, das gerade auf und unter dem Kölner Rathausplatz entsteht und das ursprünglich 2019 eröffnen sollte
Aaron Knappstein

Wallraf-Richartz-Museum, Museum für Angewandte Kunst, Römisch-Germanisches-Museum, Stadtmuseum – so vieles schleppt sich dahin, ohne Aussicht auf eine nahe Wiedereröffnung. Dieses Gefühl, was damit verbunden ist für eine Stadt, in der man lebt - das leidet. Mir ist da der Optimismus verloren gegangen.

Ich würde auch wirklich gerne noch die Eröffnung der MiQua erleben – das Jüdische Museum, das gerade auf und unter dem Kölner Rathausplatz entsteht und das ursprünglich 2019 eröffnen sollte. Wenn es dann irgendwann mal fertig ist, wird das ein tolles Museum werden und sehr lebensnah. Auch Karneval soll Thema der Dauerausstellung werden – das wird den Menschen viel näher gehen, als 25 Tora-Rollen in einer Vitrine, wie es sie in vielen jüdischen Museen der Welt gibt. Dass in Köln jüdisches Viertel, christliches Goldschmiedeviertel und Relikte aus der Römerzeit auf so engem Raum ineinander und teilweise auch übereinander liegt - das ist schon außergewöhnlich.

Obwohl Köln so stark zerstört war im Zweiten Weltkrieg, gibt es hier ganz viel Historie zu entdecken. Man muss sich nur darauf einlassen. Mein Thema als Historiker ist die Zeit des Nationalsozialismus. Spannend finde ich zum Beispiel die Geschichte rund um das Haft- und Deportationslager, das es von 1942 bis 1945 in Köln-Müngersdorf gab. Von hier aus wurden Tausende Menschen, vor allem Juden, in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Ein Bürgerverein kümmert sich heute darum, der das ganz fantastisch macht. Und obwohl vom Lager nichts mehr zu sehen ist, lohnt es sich, dorthin zu gehen, diesen Platz zu sehen, diese Geschichte zu erleben, zu erfahren, was dort passiert ist.

Auch die Hinrichtungsstätte für die Deserteure der Wehrmacht in Dünnwald kennt kaum jemand. Dabei ist das etwas Besonderes - vor allen Dingen, weil Köln bei dem Thema Vorreiter war: 2009 wurde am Appellhofplatz das erste öffentliche Denkmal für diese Deserteure eröffnet. Und zehn Jahre später wurde das Denkmal am ehemaligen Schießplatz in Köln-Dünnwald eingeweiht. Hier wurden zwischen 1940 und 1943 Wehrmachtssoldaten hingerichtet. 18-, 19-jährige Jungs, die nicht mehr kämpfen wollten, zu einem Zeitpunkt, wo das linksrheinische Köln schon befreit war, wo der Krieg schon verloren war. Solche Stätten zu sehen und sich mal kurz damit auseinanderzusetzen - das ist schon etwas Besonderes, das man sich in seiner Stadt auch mal anschauen sollte.

Aufgezeichnet von Kerstin Meier


Tipps für den Februar:

Aaron Knappstein wurde 1970 in Porz geboren und ist seit 2018 Präsident des jüdischen Karnevalsvereins „Kölsche Kippa Köpp“. Der Historiker arbeitet beim Kölner NS-Dokumentationszentrum.

Die Fotografie-Ausstellung „Amazonia“ von Sebastião Salgado im Rautenstrauch-Joest-Museum läuft noch bis zum 15. März und ist wirklich fantastisch, mit einem ganz neuen Blick auf den Regenwald und die indigenen Gesellschaften.

Im Museum Schnütgen läuft noch bis zum 17. Mai eine Ausstellung, die ich mir auf jeden Fall noch anschauen möchte „Glaube mit Humor“. Gezeigt wird eine Neuerwerbung, ein reich verziertes Gebetbuch aus Nordfrankreich aus der Zeit um 1300. Am Donnerstag, 19. Februar gibt es um 17 Uhr eine Kuratorinnenführung mit Dr. Karen Straub. www.museum-schnuetgen.de/Glaube-mit-Humor

Das Historische Archiv ist endlich einmal ein positives Beispiel für einen gelungenen Neubau – auch wenn die Geschichte dahinter natürlich dramatisch ist. Im Moment läuft dort die Ausstellung „Wegbereiterinnen des Wandels“ über die Erste Frauenbewegung der Stadt im 19. Jahrhundert. Am 25. Februar gibt es eine Führung mit der Kuratorin Daniela Wagner, am 4. Februar einen Vortrag über Konrad Adenauer und seine Einstellung zu Frauen in der Politik. Am 25. Februar hält der Historiker Ulrich Soénius einen Vortrag über den Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft in Köln.

Die aktuelle Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum „We ... Together“ finde ich wirklich gut und wichtig. Sie zeigt, wie Demokratie sich aufbaut und lebt. Ein Riesenthema im Moment und gerade für die jungen Leute wichtig. Sie läuft noch bis zum 30. August, am 05. und 25. Februar gibt es Führungen.