Die Geburtshilfe in Nordrhein-Westfalen steht unter Druck. Immer weniger Krankenhäuser bieten Entbindungen an, die Wege zur nächsten Geburtsklinik werden länger. Zugleich steigt die Kaiserschnittrate, Hebammen klagen über schwierige Arbeitsbedingungen. Ein Modell, das die Versorgung ergänzen soll, sind Hebammenkreißsäle. Dort betreuen Hebammen gesunde Schwangere mit unkompliziertem Schwangerschaftsverlauf eigenständig. Doch wie sicher ist eine solche Geburt im Vergleich zur ärztlich geleiteten Entbindung?
Über diese Frage wird am kommenden Montag in Düsseldorf diskutiert. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) eröffnet die Veranstaltung „Der Hebammenkreißsaal in NRW – ein Baustein für eine gute Geburtshilfe – und was brauchen wir darüber hinaus?“. Kliniken, Hebammen, Ärzte und Fachverbände sollen ihre Erfahrungen austauschen. Die SPD verbindet die Debatte mit grundsätzlicher Kritik an der Landesregierung: Die Förderung einzelner Hebammenkreißsäle reiche nicht aus, solange Geburtsstationen aus wirtschaftlichen Gründen schließen und die Finanzierung der Geburtshilfe ungelöst bleibt.
Die Zahlen verdeutlichen die Entwicklung. 2025 fanden in Nordrhein-Westfalen noch in 120 Krankenhäusern Entbindungen statt. Zehn Jahre zuvor waren es 157, 1991 sogar 265. Damit hat sich die Zahl der Geburtskliniken seit Anfang der 1990er Jahre mehr als halbiert. Zugleich kamen 2025 rund 147.000 Kinder in nordrhein-westfälischen Krankenhäusern zur Welt – 2,1 Prozent weniger als im Vorjahr.
Der Geburtenrückgang entlastet die Versorgung werdender Mütter jedoch nicht unbedingt. Gerade in ländlichen Regionen verschlechtern Klinikschließungen die Erreichbarkeit. Während in Städten wie Köln fast alle Menschen innerhalb von 15 Minuten eine Klinik mit Geburtshilfe oder Frauenheilkunde erreichen, gilt das auf dem Land nur für knapp ein Drittel der Bevölkerung. Betroffen sind unter anderem das Sauerland, die Eifel und der Raum Siegen.
Auch die Kaiserschnittrate wirft Fragen auf. Sie stieg 2025 in NRW auf 34,5 Prozent – den höchsten Wert seit Beginn der Statistik 1991. Ein Kaiserschnitt kann medizinisch notwendig und lebensrettend sein.
Das Konzept der Hebammenkreißsäle richtet sich an Frauen mit unauffälligem Schwangerschaftsverlauf, bei denen eine unkomplizierte Geburt erwartet wird. Hebammen übernehmen die Betreuung eigenständig und sollen medizinisch nicht notwendige Eingriffe vermeiden.
Das Land fördert den Aufbau solcher Angebote seit 2021. Nach vorliegenden Angaben wurden 56 der insgesamt 120 Geburtskliniken bei der Einrichtung oder Weiterentwicklung eines Hebammenkreißsaals unterstützt. Dafür stellte die Landesregierung mehr als 1,3 Millionen Euro bereit. Pro Klinik sind einmalig bis zu 25.000 Euro möglich.
Die FDP bewertet das Konzept positiv. „Die Hebammenkreißsäle, deren Förderung unter FDP-Regierungsbeteiligung erstmals auf den Weg gebracht wurde, sind eine echte Erfolgsgeschichte“, sagte Susanne Schneider, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Angebote seien bei Hebammen und Schwangeren beliebt und müssten weitergeführt und ausgebaut werden.
Die SPD hält die Förderung angesichts der Krise für unzureichend. Lisa Kapteinat, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, kritisiert, Laumann stelle ein bereits 2021 beschlossenes Programm als neue Antwort auf die schwierige Lage dar. In fünf Jahren seien lediglich rund 1,3 Millionen Euro geflossen. Wie es danach weitergehe, sei offen, sagte Kapteinat unserer Zeitung.
Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) unterstützt Hebammenkreißsäle grundsätzlich, fordert aber klare Voraussetzungen: Geburtshelfer müssen rund um die Uhr in der Klinik verfügbar sein, auch die kinderärztliche Versorgung muss gesichert sein. Eine bloße Rufbereitschaft, bei der Fachärzte erst gerufen werden müssen, reiche nicht aus.
Die Begründung: Auch bei zunächst risikoarmen Schwangerschaften können unvorhersehbare Komplikationen auftreten. Dazu zählen schwere Blutungen, ein ungeplanter Kaiserschnitt oder eine Schulterdystokie, bei der die Schulter des Kindes nach der Geburt des Kopfes im Becken stecken bleibt. Dann kann jede Verzögerung bei der medizinischen Hilfe entscheidend sein.


