In der Union wächst der Druck auf Kanzler Friedrich Merz. Jetzt heizen Berichte über Hendrik Wüst als Nachfolger die Debatte an.
Debatte um KanzlerNRW-Ministerpräsident Wüst wird als Merz-Nachfolger gehandelt

NRW-Regierungschef Hendrik Wüst wird als möglicher «Einwechselkanzler» für Friedrich Merz gehandelt. (Archivbild)
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Ein Termin im Sauerland sollte für Friedrich Merz eine willkommene Abwechslung sein. Stattdessen fachen Berichte über Hendrik Wüst als potenziellen Nachfolger eine heikle Personaldebatte an.
Für Friedrich Merz war eigentlich ein angenehmer Anlass im Kalender vermerkt. In einer Schützenhalle in Arnsberg-Hüsten im Hochsauerlandkreis plante der CDU-Vorsitzende am Abend einen Vortrag zum „80 Jahre Neheim-Hüstener Programm“. Dieses gilt als ein Gründungsdokument seiner Partei, verabschiedet 1946 auf Initiative von Konrad Adenauer.
Doch gut ein Jahr nach Antritt seiner Regierung sieht sich Merz nicht nur mit komplexen Reformdebatten mit dem Koalitionspartner SPD und schwierigen internationalen Konflikten konfrontiert. Nun droht ihm zusätzlich eine Diskussion über seine Position als Kanzler. In deren Zentrum steht Hendrik Wüst, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.
Gerüchte über einen Wechsel im Kanzleramt
Könnte Merz den Reformstillstand seiner Regierung durchbrechen – oder wird er womöglich durch einen anderen Politiker der Union ersetzt, wie der „Stern“ spekuliert? Diese Option sei unter „Mitgliedern der obersten Führungsgremien der CDU sowie anderen prominenten Christdemokraten“ erörtert worden. Konkrete Planungen in einem größeren Kreis existierten jedoch noch nicht, meldet auch die „Bild“-Zeitung.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) steht unter Druck.
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Umfeld des Kanzlers warnt vor „gefährlicher Zündelei“
Das direkte Umfeld des Kanzlers unternimmt umgehend den Versuch, eine aufkeimende interne Diskussion über Merz zu unterbinden. Auf Anfrage wird in diesen Kreisen die Vorstellung eines Kanzlerwechsels als naiv abgetan. „Sie zeugt von einer gefährlichen Lust an der Zündelei“, wird verlautbart, und sei Ausdruck „bemerkenswerter Unkenntnis der Verfassung und der politischen Realität“. Wer derartige Spekulationen in den Raum stelle, „betreibt das Geschäft der AfD und raubt der politischen Mitte die Autorität“.
Dadurch werde die Stabilität im Bundestag gefährdet, was angesichts der globalen Krisen doppelt fahrlässig sei, heißt es aus dem Merz-Lager. Mit Blick auf die aktuellen Reformverhandlungen wird spitz hinzugefügt: „Es ist immer einfacher, über Personal zu quatschen, als sich ernsthaft mit den Einkommensteuersätzen oder der Pflegereform zu beschäftigen.“
Wüst, Söder und Spahn als mögliche Nachfolger?
Innerhalb der Union, aber auch unter Journalisten in der Hauptstadt, werden unterschiedliche Szenarien erwogen. Als möglicher „Einwechselkanzler“ wird neben dem 50-jährigen Wüst auch der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder sowie Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) ins Spiel gebracht. Diese Debatte ist allerdings nicht neu – ebenso wenig wie jene um Wüst. In christdemokratischen Kreisen wird betont, dass ein Austausch des Kanzlers aktuell kein Thema sei. Es sei zudem nicht davon auszugehen, dass Merz in naher Zukunft aus Enttäuschung sein Amt niederlegen könnte.
In einem solchen Fall müsste Merz den Weg für eine Kanzler-Neuwahl im laufenden Betrieb – also im aktuellen Bundestag mit der schwarz-roten Mehrheit – selbst ebnen. Alternativ könnten ihn führende Parteikollegen zum Rückzug drängen. Die Abgeordneten von CDU und CSU könnten dann gemeinsam mit der SPD einen neuen Regierungschef wählen. Ein solcher Vorgang wäre innerhalb der Union jedoch nicht einfach. Ob die SPD dabei mitmachen würde, ist ebenfalls fraglich.
Wüst hält sich zu Berliner Ambitionen bedeckt
Auch Wüst selbst, so heißt es aus Parteikreisen in Berlin, dürfte momentan kein Interesse an einem Wechsel aus Düsseldorf haben. In der Unionsfraktion im Bundestag stellen sich CDU-Abgeordnete überdies die Frage, wer ein Interesse haben könnte, Wüst gerade jetzt im Kontext eines Kanzlertauschs zu erwähnen. Womöglich jene, die ihm schaden und eventuelle Ambitionen im Keim „verbrennen“ möchten?
Andererseits sind einige schon länger der Überzeugung, dass Wüst ein sehr passender Kandidat für das Kanzleramt wäre. Einerseits verfügt er über umfangreiche Regierungserfahrung – ein Punkt, bei dem Merz Defizite vorgeworfen werden. Andererseits demonstriert er in NRW, dass er auch mit den Grünen zusammenarbeiten kann. Es ist gut möglich, dass die Union bei einer künftigen Regierung nicht um die Grünen als Partner herumkommt.
Wüst wurde bereits 2024 für ein Amt in Berlin gehandelt, positionierte sich dann aber öffentlichkeitswirksam hinter Merz, als dessen Kanzlerkandidatur bereits beschlossen war. Offiziell äußert sich Wüst nie zu eventuellen Bestrebungen für das Kanzleramt. Der 50-Jährige ist erst kürzlich zum zweiten Mal Vater geworden und betont wiederholt die Bedeutung von Zeit mit seiner Familie. Als Kanzler wäre diese Zeit wohl größtenteils vorbei.
Wüsts Strategie: Fehler vermeiden
Seine Fähigkeit, auf schwierigem internationalem Terrain zu bestehen, demonstrierte Wüst vergangene Woche während seiner Reise nach Schlesien und bei seinem ersten Besuch im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ein Tross von Hauptstadtjournalisten begleitete Wüst dabei. Er traf jedoch nicht die polnische Regierung in Warschau, sondern lediglich den Verwaltungschef der NRW-Partnerregion Schlesien in Kattowitz. Der Besuch in Auschwitz zählt überdies zu den protokollarischen Pflichten eines jeden Ministerpräsidenten.

Dass Wüst auf international schwierigem Parkett bestehen kann, zeigte er vergangene Woche bei seiner Reise nach Schlesien und seinem ersten Besuch im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. (Archivbild)
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Auf Instagram präsentiert sich Wüst als nahbarer Landesvater. Der Ministerpräsident führt sein Amt präsidial und hält sich auch im Landtag aus Auseinandersetzungen heraus. Er überlässt nichts dem Zufall, lässt sich nicht zu Debatten hinreißen und hält sich fast immer an seine vorbereiteten Manuskripte. Bei politischen Schwierigkeiten in NRW verweist Wüst gerne auf die Zuständigkeit in Berlin. Anerkennung erhält er für sein „geräuschloses“ Regieren in der seit 2022 bestehenden Koalition mit den Grünen. Koalitionsausschüsse in Düsseldorf finden – anders als in Berlin – prinzipiell hinter verschlossenen Türen statt, ohne dass Auseinandersetzungen nach außen dringen.
Image der NRW-Koalition bekommt Risse
Ende April 2027 steht im bevölkerungsreichsten Bundesland jedoch die auch für die Bundesebene bedeutsame Landtagswahl an. Wüsts CDU liegt in Umfragen zwar weiterhin stabil vorn, doch das Bild der harmonischen Koalition hat in den letzten Monaten gelitten. Familien- und Flüchtlingsministerin Josefine Paul (Grüne) trat von ihrem Amt zurück, nachdem sie wegen ihrer zögerlichen Kommunikation im Fall des Solinger Terroranschlags von 2024 kritisiert worden war. Die Landesregierung wird zudem aktuell durch eine Affäre um Vorwürfe des Führungsversagens und Machtmissbrauchs gegen Wüsts Bau- und Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) belastet. Über Monate hinweg gab es in NRW außerdem Proteste gegen eine von Schwarz-Grün geplante Kita-Reform.

Auch bei der schwarz-grünen Regierung in NRW läuft nicht alles rund. (Archivbild)
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AfD im Westen ebenfalls im Aufwind
Die AfD gewinnt auch in NRW an Zuspruch. Bereits bei den Kommunalwahlen 2025 konnte sie ihr landesweites Ergebnis mit 14,5 Prozent beinahe verdreifachen. Aktuelle Umfragen zur Landtagswahl sehen die Partei in NRW bei Werten zwischen 17 und 20 Prozent. In Düsseldorf wird der Aufstieg der AfD auch mit dem Zustand der uneinigen schwarz-roten Bundeskoalition in Verbindung gebracht. Doch auch Wüsts nach außen hin harmonischer Regierungsstil kann den Vormarsch der AfD im Westen anscheinend nicht aufhalten.
Die CDU unter Wüsts Führung erzielt in Umfragen – trotz leichter Verluste – mit 32 bis 34 Prozent immer noch Resultate, von denen die Bundes-Union nur träumen kann. Der Landesparteichef ließ sich bereits 2024, als Merz zum Kanzlerkandidaten ernannt wurde, eine Option für Berlin offen: Ein NRW-Ministerpräsident sei „immer ein möglicher Kanzlerkandidat“, hob Wüst damals hervor. Und fügte hinzu: man solle niemals nie sagen. (dpa/red)
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