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Psychologe erklärt„Generation Z ist sehr selbstbewusst, aber kaum offen für Kritik"

Lesezeit 9 Minuten
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„Die Jugend ist ja nur noch am Handy.“ Stimmt der Vorwurf?

  • Rüdiger Maas ist Psychologe und forscht zur Generation Z, den jetzigen Jugendlichen und Studenten.
  • Im Interview erklärt er, wie die Generation tickt und wie Ältere sie verstehen können.
  • Rüdiger Maas nimmt aber auch die Älteren selbst in die Pflicht.

Köln – „Verstehe noch einer die Jugend von heute.“ Den Satz gibt es schon seit Ewigkeiten. Die Jugend von heute ist momentan die Generation Z. Digital affin, aber faul und langsam in der realen Welt? Psychologe Rüdiger Maas, der zu den „Zlern“ forscht, erklärt, was an diesen und anderen Vorurteilen dran ist. Und wie sich die Generation Z und Ältere besser verstehen können.

Herr Maas, Sie forschen zur Generation Z. Wie definieren Sie diese Gruppe?

Rüdiger Maas: Als ich angefangen habe, über dieses Thema zu forschen, gab es den Begriff Generation Z so noch gar nicht. Das war so 2016. Die Bezeichnung Generation Z hat zwar irgendwo kursiert, aber es gab keine richtige Definition. Zur Definition: Die Generation Z sind die Jahrgänge 1994/95-2009/10. Also die jetzigen Jugendlichen und Studenten.

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Und inhaltlich?

Sie tritt sehr selbstbewusst auf und ist sehr dem Kollektiv verbunden. Die Generation Z ist eine Kohorte, die kaum Subkulturen hervorgebracht hat. Wir sehen dies zum Beispiel bei Fridays for Future, man findet da keine Modebewegung heraus, keinen Kleidungscode, keine Musik oder ähnliches. Vor allem gibt es keine Gegenbewegung oder Gegentrends aus der Jugend heraus, sprich so etwas wie eine Anti-FFF. Diese Generation passt sich sehr gerne dem Kollektiv an und übernimmt gerne die Werte der Masse. Aber auch die Werte der Eltern werden oft als eigene übernommen. Dieses Phänomen nennen wir Neo-Konventionalismus. Wir sehen ebenfalls immer öfter, dass auch die Eltern die Werte ihrer Kinder übernehmen, ein völlig neuer Trend in unserer Gesellschaft.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Wir haben selbst viele Erfahrungen mit der sogenannten Generation Z gemacht, die mich oft ratlos machten, das wollte ich als Forscher verstehen.

Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Ich hatte beispielsweise einen Praktikanten, der konnte mit mir nach Berlin fliegen, und sogar bei einem Geschäftsführertermin hospitieren. Was ich als Praktikant natürlich super gefunden hätte. Die Verpflegung und alles weitere war umsonst, aber er wollte nichts essen oder trinken. Irgendwie konnte ich ihn insgesamt nur schwer begeistern. Am nächsten Tag musste er dann Daten eingeben. Und da hat er gesagt, so habe er sich das nicht vorgestellt. Und ging. Ich habe mit anderen Unternehmern über meine Erfahrung gesprochen und diese berichteten Ähnliches. Infolge kamen viele weitere „prägende“ Ereignisse hinzu.

Was macht diese Generation aus?

Diese Generation strebt sehr gerne in den Mainstream. Die Zler möchten gerne jederzeit und von vornherein auf Augenhöhe mitsprechen. Das sind sie gewohnt. Sie haben schon als Kinder den Eltern erklärt, wie diverse Apps funktionieren und wurden schon früh von ihren Eltern nach der Meinung gefragt. Oft haben sie auch die Urlaubsziele bestimmt, welche Geräte gekauft werden und so weiter. Sie durften immer mitentscheiden. Als Ergebnis haben wir eine sehr selbstbewusste und auf Augenhöhe mitsprechende Generation, die jedoch kaum offen ist für Kritik. Weil sie es so nie erfahren durfte, denn in der Regel gab es oft positive Rückmeldung von den Eltern oder likes von der community, aber eben selten ein negatives Feedback oder gar Kritik.

Sind Zler deshalb so selbstbewusst?

Ja. Und das zieht sich weiter. Das fängt schon an, wenn es um das Bewerbungsgespräch geht. Sie entscheiden, wann das stattfindet, nicht mehr der Arbeitgeber. Sie gehen auch in der Regel pünktlich, egal ob es noch Arbeit gibt. Vor allem sprechen sie auch das aus, was sie denken. Auch dadurch wirken sie sehr selbstbewusst. Wenn es ihnen aber nicht mehr gefällt, gehen sie oft auch. Denn Optionen und andere Arbeitgeber gibt es in der Regel genug. Die Generation Z ist die Generation mit der kleinsten Mitgliederzahl. Infolge sind mehr Stellen frei, als von ihr besetzt werden kann.

Sie sagen auch, Zler seien sehr stark auf ihre Eltern fokussiert…

In der digitalen Welt sind sie sehr schnell, in der analogen Welt sind sie oft sehr langsam und wirken dadurch hilflos. Und sofort sind die Helikopter- oder nun eben Rasenmäher-Eltern da, die sofort helfen. In der analogen Welt sind die Eltern omnipräsent, finanzieren die Kinder und helfen, wo sie können.

Hat das auch etwas damit zu tun, dass es vielen Menschen in Deutschland sehr gut geht?

Ja, wir haben viel Zeit, uns um die Kinder zu kümmern und wir nehmen die Kinder und Jugendlichen viel ernster, als es früher der Fall war. Es gibt zudem unfassbar viele Möglichkeiten, mit ihnen Kontakt zu halten. Sei es über Whatsapp, Facebook, Instagram und so weiter.

Dass die Generation Z digital versiert ist, muss man eigentlich nicht extra erwähnen...

Klar, das hat einen riesen Impact.

Wie wirkt sich dieser Impact auf das alltägliche Verhalten aus?

Die Generation Z ist schneller und dadurch wirkt sie ungeduldiger. Das hat vor allem damit zu tun, dass man im Netz immer das abrufen kann, was man möchte. Heutzutage kann man alles sofort runterladen, auch Vater und Opa. Die wurden aber anders geprägt und sozialisiert. Als ich in dem Alter war, da musste ich immer warten, bis die neue CD rauskommt, um mir die neue Musik anzuhören. Dadurch war ich einfach trainiert, auch mal warten zu müssen. Ähnlich bei Filmen, Serien und so weiter. So hatte vieles automatisch eine andere Wertigkeit.

Also ist die Generation Z an Smartphones und Computern meilenweit voraus?

Nein, worin Zler zum Beispiel nicht automatisch gut sind, ist das Arbeiten am PC. Da wundern sich ältere Menschen immer: „Die sind doch digital affin, warum können die nicht mit Excel-Tabellen arbeiten?“ Das eine hat aber mit dem anderen nicht unbedingt etwas zu tun. Digital affin bedeutet einfach nur, dass sie viel offener sind für digitale Änderungen, Abläufe und Aufgaben. Aber sie wissen jetzt nicht unbedingt, wie man eine Software oder eine App programmiert.

Wie unterscheidet sich die Generation Z von älteren Generationen?

Von der Generation Y unterscheidet sie sich insofern, dass sie sich eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wünscht. Generation X ist im Vergleich zu den Zlern sehr individuell orientiert, Zler eher, wie beschrieben, kollektiv. Ein Xler wäre bei einem Bewertungssystem gegebenenfalls als Jugendlicher mit Absicht der schlechteren Bewertung gefolgt, um seine eigene Meinung aufrechtzuerhalten.

Gibt es bestimmte Punkte, in denen die Generation Z besser ist als ihre Vorgänger?

Ja, sie sind wesentlich besser im Analysieren von Daten im Netz. Zum Beispiel, ob etwas authentisch ist. Auch Fake News erkennen sie schneller.

Ältere werfen der Generation Z oft vor, zu viel am Handy zu sein. Ist da etwas dran?

Dass man sich über Jugendliche aufregt, das hat es immer schon gegeben. Naja, und wir sehen ja dieses Phänomen in der gesamten Gesellschaft. Nicht nur die Zler, alle Generationen sind ständig am Handy. Der einzige Unterschied ist nur, dass die Generation Z durch das Handy geprägt wurde. Wenn ich einem Älteren das Handy wegnehme, dann gibt es keine Disruption, die Welt fällt nicht in sich zusammen. Bei einigen Vertretern der Generation Z eben schon.

Wo sehen Sie Konfliktpotenzial zwischen den Generationen?

Das fängt schon bei Fridays for Future an, viele ältere Generationen wie zum Beispiel die Generation der Babyboomer fühlt sich direkt angesprochen und fühlt sich oft auch missverstanden. Stichwort Umweltsau, wo sich plötzlich Omas angesprochen fühlen. Irgendwie wissen sie aber auch, dass die Jungen Recht haben. Aber wann hat es das gegeben, dass Kinder und Jugendliche uns den Spiegel vorhalten? Bei dieser Art von Konflikten gehen die meisten oft mit unterschiedlichen Logiken und Maßstäben an die Sache. Sprich mit einer analogen Logik anstatt mit einer digitalen Logik. Die einen fordern Verzicht und sagen, die Jungen sollen am besten selbst damit anfangen und die anderen fordern ein globales Umdenken, am besten ohne Verzicht.

Wer ist da in der Verantwortung, aufeinander zuzugehen?

Beide Seiten. Die Generation Z hat ja oft kein Verständnis dafür, was die Älteren beschäftigt, wie diese Gruppen ticken. Und die Älteren anders herum genauso.

Haben Sie Tipps, wie ältere Menschen die Generation Z besser verstehen können?

Sie müssen sich in die Werte und Weltvorstellungen dieser Generation hineinversetzen. Das machen die wenigsten, die meisten gehen da immer mit ihrer jahrelang analog antrainierten Logik dran. Ein Zler kann sich ein Leben ohne Internet und Smartphone per se nicht vorstellen. Das müssen Ältere einfach verstehen. Auch müssen einige verstehen und akzeptieren, dass die Digitalisierung und das Internet gar nicht mehr wegzudenken sind. Sondern dass die nächste Generation diese Medien noch intensiver nutzen wird.

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Sie geben Workshops, die sich mit der Generation Z in der Arbeitswelt beschäftigen. Welche Konflikte gibt es in der Beziehung?

Zler sind oft nicht bereit, mehr zu machen, als sie müssen. Überstunden oder aber auch mit Kollegen etwas trinken zu gehen. Da müssen Unternehmer bezogen auf diese Generation umdenken. Und Generation Z hat in der Regel auch nicht vor, Jahre im gleichen Unternehmen zu bleiben. Eine echte Unternehmensloyalität wird abnehmen. Man bildet Zler aus und nach zwei Jahren gehen sie, oder schon nach zwei Monaten, wenn es ihnen nicht gefällt. Das ist natürlich mit hohen Kosten und einem hohen Motivationsfaktor verbunden.

Spielt der Fachkräftemangel Zlern und ihrem Selbstbewusstsein auf dem Arbeitsmarkt in die Karten?

Den Fachkräftemangel haben wir in einigen Branchen schon länger. Aber die Zler sind vier Millionen weniger als zum Beispiel die Xler. Schon allein deswegen haben sie eine große Machtposition.

Rüdiger Maas

Rüdiger Maas, Jahrgang 1979, ist Psychologe und betreibt die Unternehmensberatung „Maas Beratungsgesellschaft“ in Augsburg. Das Lehramts-Studium brach er nach vier Semestern ab und wandte sich der Psychologie zu.

Studiert hat Maas in Deutschland und Japan, forschte sowie arbeitete ein Drittel seines Lebens im Ausland, unter anderem in Neuseeland, Nepal, Syrien, Kenia oder in den USA. Mit seiner Unternehmensberatung berät er Vorstände, Geschäftsführer und Manager von DAX-Konzernen, aber auch kleine und mittlere Unternehmen sowie öffentliche Einrichtungen, Politiker und Spitzensportler im Umgang mit der Generation Z und anderen Generationen. 2019 legte er eine „Generation-Thinking-Studie“ vor, die als Buch „Generation Z“ im Hanser-Verlag erschienen ist.

Inwiefern müssen sich beide besser aufeinander einstellen?

Die Zler müssen verstehen, dass man nicht ein ganzes Unternehmen auf ihre „Bedürfnisse“ umpolen kann und dass man auch lernen muss, Unangenehmes auszuhalten. Das bedeutet, auch mal dem Arbeitgeber eine Chance einzuräumen und auch bei harscher Kritik nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen. In vielen Berufen und Ausbildungen geht es einfach nicht, dass die Jungen nach zwei bis drei Monaten wechseln.

Und die andere Seite?

Die muss verstehen, dass es ein weiter so nicht mehr gibt. Das werden die Nachwuchskräfte nicht akzeptieren. Die Unternehmer müssen sich bewegen. Zusammenfassend würde ich mir wünschen, dass die besagten Jungen mal zwei, drei Jahre länger irgendwo bleiben und sich durchbeißen. Und die Älteren diesen besagten Jungen auch eine Chance ermöglichen, länger bleiben zu wollen.

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