Wieviel Wasser kann der Rhein zur Befüllung der Tagebauseen im Rheinischen Revier in Zukunft überhaupt liefern, wenn ihm selbst das Wasser ausgeht? Der BUND fordert einen Plan B.
BUND fordert einen Plan B für die PipelineVerschluckt sich der Rhein am Tagebau?

Der Bau der Rheinwasser-Pipeline zwischen der Erft und dem Tagebau Hambach ist in vollem Gange.
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Kann das historische Niedrigwasser des Rheins dazu führen, dass die geplante Befüllung der beiden Tagebauseen Hambach und Garzweiler mit Rheinwasser ab 2030 in Gefahr gerät? Klimaexperten warnen längst, dass extreme Dürreperioden in den kommenden Jahren immer häuiger auftreten werden. Das befürchtet auch der Landesverband NRW des Bund für Umwelt für Naturschutz Deutschland (BUND). Er fordert angesichts der zunehmenden Trockenperioden einen belastbaren Plan B für die Rekultivierung der Braunkohleregion.

Niedrigwasser im August 2026 bei Dormagen: Der Rhein muss auf dieser Höhe ab 2030 über Jahrzehnte gigantische Mengen für die Befüllung der Tagebauseen liefern. Foto: dpa
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Die geplante 45 Kilometer lange Transportleitung vom Rhein bei Dormagen der RWE Power AG ist in Teilen bereits in Bau. Insgesamt werden rund 111 Kilometer Rohrleitungen verlegt. Dafür braucht man mehr als 9000 Rohre. Sie haben einen Durchmesser zwischen 1,40 und 2,20 Meter. In Dormagen-Rheinfeld wird ein Entnahme- und Pumpbauwerk entstehen, in Grevenbroich-Allrath ein Verteilbauwerk mit zwei Abzweigen zum geplanten Hambacher und zum Garzweiler See. Von diesem Verteilbauwerk sind es noch 19 Kilometer bis Hambach. Garzweiler liegt fünf Kilometer entfernt.
Nach der Fertigstellung der Leitung, die nach heutigen Schätzungen rund eine Milliarde Euro kosten wird, sollen bei Dormagen bis zu 18 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus dem Rhein entnommen werden – und das über mehrere Jahrzehnte.

Grafik: RWE Power
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Zum Vergleich: Bei einem mittleren Wasserstand des Rheins fließen pro Sekunde 2200 Kubikmeter Wasser ab. Nach der derzeitigen Planung soll die Befüllung ab 2030 (Tagebau Hambach) bzw. 2036 (Tagebau Garzweiler) starten und nach frühestens 40 Jahren beendet sein.
Die benötigten Wassermengen sind gigantisch: Der Hambacher See wird rund 3550 Hektar groß sein, 4,3 Milliarden Kubikmeter Wasser enthalten und maximal 345 Meter tief sein. Der Garzweiler See ist mit einer Fläche von 2215 Hektar deutlich kleiner, hat ein Volumen von 1,5 Milliarden Kubikmeter und eine maximale Tiefe von 170 Meter.
Wir müssen jetzt klären, was passiert, wenn die Entnahme von Wasser aus dem Rhein über längere Zeit nicht möglich ist
„Die aktuelle Dürre ist ein Weckruf. Häufigere und längere Niedrigwasserphasen werden zur neuen Realität“, sagt Dirk Jansen, Landesbeauftragter des BUND für das Rheinische Revier. „Deshalb muss jetzt geklärt werden, was passiert, wenn die Entnahme von Wasser aus dem Rhein über längere Zeit nicht möglich ist. Einen solchen Plan B darf man nicht erst entwickeln, wenn das Wasser fehlt.“
Die wasserrechtliche Genehmigung für das Bauwerk sieht eine gestaffelte Entnahme vor. Bei Niedrigwasser kann sie auf maximal 1,8 Kubikmeter pro Sekunde sinken. Nach Auffassung des BUND fehlt aber ein „ein Konzept für den Fall, dass der Rhein über längere Zeit nicht einmal diese Wassermenge zuverlässig bereitstellen kann“.
Für den Bau der Transportleitung und deren Dimension seien zwar die aktuellen Worst-Case-Klimaberechnungen zugrunde gelegt worden, diese müssten aber fortlaufend angepasst werden. „Sie können die tatsächliche Situation vor Ort nicht genau abbilden“, sagt Jansen.
Spätestens 2100 sollen die Tagebauseen gefüllt sein
Zwischen 2070 und 2100 sollen laut RWE die beiden Seen befüllt und sich das Grundwassersystem so stabilisiert haben, dass die Rekultivierung der Tagebaulandschaft als abgeschlossen gilt. Der Zielwasserspiegel soll 2070 erreicht sein. Danach können aber immer noch Wasserverluste auftreten. Bis spätestens 2100 sollen die Pumpen nach und nach abgeschaltet werden und der natürliche Kreislauf dafür sorgen, dass der Wasserstand der Seen stabil bleibt.
Das liegt allein schon aus wirtschaftlichen Gründen im Interesse des Energiekonzerns. Im Gegensatz zum Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet sollen sogenannte Ewigkeitskosten möglichst vermieden werden.

An dieser Stelle in Dormagen sollen das Entnahmebauwerk und dasPumpbauwerk entstehen.
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Das Rheinwasser soll nicht nur für die Befüllung der Tagebauseen entnommen werden. Es soll auch dazu beitragen, die Feuchtgebiete in den Bereichen von Schwalm und Nette zu erhalten. Deshalb darf auch die Mindestabnahme von 1,8 Kubikmeter pro Sekunde nicht unterschritten werden. Sie ist laut RWE erforderlich, um diese Feuchtgebiete im Nordraum des Tagebaus Garzweiler dauerhaft zu stabilisieren.
Laut BUND ist die Transportleitung für den Erhalt der Feuchtgebiete „absolut lebensnotwendig“. Derzeit werden sie mit Wasser versorgt, das bislang zur Trockenlegung der Tagebaugruben stetig abgepumpt werden muss. Sobald diese Quelle wegfällt, trocknen sie aus.

Über Kaskaden soll das Rheinwasser in den Tagebau Hambach fließen.
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Der Tagebau Garzweiler II war aber nur unter der Voraussetzung genehmigt worden, dass sie erhalten bleiben. „Die Bereitstellung von Wasser für die Feuchtgebiete muss also absoluten Vorrang vor der Befüllung der Tagebaugruben haben“, sagt Jansen. Ob die Seen in 40 oder erst in 60 Jahren voll sind, dürfe keine Rolle spielen.
Wegen des Klimawandels und den zunehmenden Dürreperioden müssten die Genehmigungen für die Transportleitung regelmäßig aktualisiert und den neuen Bedingungen angepasst werden, fordert der BUND. Dabei müssten die Entwicklung der Niedrigwasserstände, die Verfügbarkeit von Rheinwasser, die Verdunstungsverluste in den Tagebaulöchern sowie die ökologischen Auswirkungen der Wasserentnahme und die Qualität des Wassers berücksichtigt werden.
Sämtliche Szenarien durchgespielt
Noch im September 2025 hat sich Boris Linden, Geschäftsführer der Neuland GmbH, optimistisch gezeigt, dass sich die Region bis zum Jahr 2070 zu einer Seen-Landschaft mit hohem Freizeitwert entwickeln wird. Der Rhein werde die benötigten Wassermengen schon verkraften.
Das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima habe sämtliche Szenarien durchgespielt, sagte Linden vor knapp einem Jahr. Das Ergebnis: Selbst bei einem ungebremsten Klimawandel mit langen Trockenperioden und Extremwetter-Ereignissen, die immer häufiger auftreten, werde sich das Befüllen „nur um wenige Jahre verlängern“.
„Das ist der Wissensstand, den wir heute haben“, so Linden damals. „Auf dieser Grundlage müssen wir planen. Am Ende des Tages ist die Zukunft aber immer ungewiss.“