Ein Forschungsprojekt der Uni Bonn soll Gefahren durch Starkregen verringern. Für Landwirte ist Miscanthus aber oft noch unbekanntes Terrain.
ChinaschilfMiscanthus wird auch in Kalkar gepflanzt – Gefahr durch Starkregen soll sinken

Auch Bad Münstereifels Bürgermeister Sebastian Glatzel half bei der Miscanthus-Pflanzaktion tatkräftig mit.
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Am Ortseingang von Kalkar entsteht derzeit ein ungewöhnliches Forschungsprojekt, das helfen soll, die Folgen von Starkregen abzumildern und die Hochwassergefahr zu verringern. Auf einer rund 1,8 Hektar großen Fläche in Richtung Antweiler wird Miscanthus, besser bekannt als Chinaschilf, angebaut. Ziel des Projekts ist es, die Gefährdung durch Oberflächenwasser bei Starkregenereignissen zu reduzieren.
Hinter dem Vorhaben steckt das Forschungsprojekt „MisKaRe“ der Universität Bonn. Unterstützt wird es vom Kreis Euskirchen und dessen EU-gefördertem Projekt „Land4Climate“. Auf der Fläche wurden mehr als 10.000 Rhizome, also Wurzelstücke der Pflanze, in die Erde gebracht. Wenn das Wetter mitspielt, könnten in wenigen Wochen die ersten Halme sichtbar werden. Deutlich höher stehen die Pflanzen schon auf einem Feld bei Ottenheim.
Das Projekt hat in Ottenheim seine Premiere gefeiert
Dort feierte das Projekt vor gut einem Jahr seine Premiere im Kreis Euskirchen. Mittlerweile sind noch drei Felder bei Palmersheim hingekommen, heutigen Freitag wird ein etwa einen Hektar großes Feld bei Nettersheim mit Miscanthus bepflanzt. Alle Felder sind mit Bedacht gewählt. Etwa das in Kalkar.
Die Fläche am Ortseingang gilt als besonders sensibel, wenn es um Starkregen und den Oberflächenabfluss geht. Bei enormen Regenfällen sammelt sich dort das Wasser und fließt teilweise in Richtung der Wohnbebauung ab. Genau hier setzt das Forschungsprojekt an.
Die Flut 2021 hat die Menschen im Kreis Euskirchen nachhaltig geprägt. Bis dahin war Oberflächenabfluss vielerorts kaum ein Thema.
„Die Flut 2021 hat die Menschen im Kreis Euskirchen nachhaltig geprägt. Bis dahin war Oberflächenabfluss vielerorts kaum ein Thema“, sagt Georg Völkering von der Universität Bonn. Der Versuchstechniker beschäftigt sich seit Jahren mit nachwachsenden Rohstoffen und sieht in Miscanthus großes Potenzial.
Denn die Pflanze wächst nicht nur schnell – unter guten Bedingungen bis zu fünf Zentimeter pro Tag –, sondern erfüllt gleichzeitig mehrere Funktionen. Die langen Blätter bleiben nach dem Wachstum auf dem Boden liegen und wirken dort wie eine natürliche Schutzschicht. Sie bremsen Regenwasser ab, verbessern den Erosionsschutz und speichern Feuchtigkeit wie ein Schwamm.
Wenn mehr Regen fällt, schieben sich die Blätter auf dem Boden zusammen und verlangsamen die Fließgeschwindigkeit des Wassers.
„Wenn mehr Regen fällt, schieben sich die Blätter auf dem Boden zusammen und verlangsamen die Fließgeschwindigkeit des Wassers“, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Friederike tho Seeth von der Universität Bonn. Dadurch könne verhindert werden, dass Wassermassen ungebremst talwärts strömen.

Auf einem Feld bei Ottenheim ist bereits vor einem Jahr Miscanthus gepflanzt worden. Die Pflanzen sind schon hüfthoch.
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In Kalkar wurden die Rhizome nun eingebracht.
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Auch Bad Münstereifels Bürgermeister Sebastian Glatzel sieht in dem Projekt einen wichtigen Ansatz für die Zukunft: „Ich freue mich über das Projekt an einer neuralgischen Stelle.“ Beim Hochwasser- und Starkregenschutz werde häufig zuerst an große bauliche Maßnahmen gedacht. „Dass eine Pflanze ein Bestandteil von vielen Bausteinen sein kann, ist schon sehr innovativ“, so Glatzel.
Miscanthus hat auch wirtschaftliches Potenzial
Neben dem Nutzen für den Hochwasserschutz hat Miscanthus auch durchaus wirtschaftliches Potenzial. Nach Angaben des Kreises Euskirchen kann die Pflanze vielfältig weiterverarbeitet werden, etwa als Rohstoff für Dämmstoffe, Papierprodukte, Tierstreu oder als Brennmaterial. „Wir sehen in Miscanthus einen vielseitig verwendbaren, nachwachsenden Rohstoff mit großem Wachstumspotenzial“, sagt Jonathan Schulze von der Kreisverwaltung Euskirchen.
Die Nachfrage sei bereits vorhanden und dürfte ihrer Einschätzung nach in den kommenden Jahren weiter steigen. Auch in der Industrie werden bereits erste Entwicklungen realisiert. „Wir haben mit dem Iversheimer Unternehmen Peter Greven gerade eine Dämmplatte entwickelt und patentieren lassen“, berichtet Völkering. Diese sei stabiler als herkömmliche OSB-Platten und könne künftig im Baubereich eingesetzt werden. „Das hat Zukunft. Wir müssen nur in der Industrie einen Fuß in die Tür bekommen“, so Völkering.
Kalkarer Landwirt sieht in Miscanthus eine Möglichkeit für die Zukunft
Für viele Landwirte sei der Anbau von Dauerkulturen wie Miscanthus jedoch noch ungewohnt. „Viele denken zu kurzfristig“, sagt Völkering. Dabei bleibe die Pflanze rund 20 Jahre auf dem Feld und könne langfristig sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich Vorteile bringen.
Dass neue Wege in der Landwirtschaft notwendig werden, sieht auch Volker Scheidtweiler, Landwirt aus Bad Münstereifel: „Ich bin offen für Neues.“ Sein Betrieb gehört zu den zehn sogenannten Innovationsbetrieben in NRW. „Vielleicht ist Miscanthus ein Baustein für die landwirtschaftliche Zukunft. Die Rahmenbedingungen werden immer schwieriger.“
Dabei profitiert der Landwirt auch von der 100-prozentigen Förderung, die durch das EU-Projekt möglich sind. Gemanaget wird es durch den Kreis, die Kommunen treten aber als Vermittler ein, weil sie die Landwirte kennen, die offen für solche Projekte sind.
Eine besondere Pflanze
Miscanthus, auch Chinaschilf genannt, ist eine ausdauernde Pflanze aus der Gattung der Süßgräser (Poaceae). Sie stammt aus dem ostasiatischen Raum (China, Korea, Japan) und gehört wie Mais und Sorghum zu den C4-Pflanzen. Bei C4-Pflanzen ist das erste Produkt der Photosynthese ein Kohlenstoffkörper mit vier Kohlenstoff (C)-Atomen, daher der Name. Nur etwa drei Prozent aller Pflanzenarten weltweit sind C4-Pflanzen. Die meisten anderen sind C3-Pflanzen: Bei ihnen hat das erste Produkt der Photosynthese drei C-Atome.


