Abo

Mehr Beratung in der EifelViele Schwangere plagen finanzielle Sorgen

4 min
Zwei Frauen und ein Mann sitzen an einem Tisch und unterhalten sich.

Berät Schwangere nun auch in Nettersheim: Anna Knauff (M.).

Die Caritas Eifel erweitert ihr kostenloses Angebot in Nettersheim und Kall. Präventionsarbeit ist vor allem bei Mädchen wichtig.

Zwei kleine Striche und die Welt steht Kopf – mit dem positiven Schwangerschaftstest fängt bei vielen das Gedankenkarussell erst richtig an, sich zu drehen. Neben den ganzen Emotionen gilt es, zahlreiche organisatorische und bürokratische Dinge zu regeln. Ist genug Geld für ein Kind da? Reicht der Platz in der Wohnung? Wie beantrage ich staatliche Hilfen?

Für all diese Fragen und Sorgen sind Anna Knauff und ihre Kolleginnen der Schwangerschaftsberatung „Rat und Hilfe“ des Caritasverbandes der Region Eifel da. Und das seit neuestem auch in Nettersheim. „Ich bin selber seit meinem 19. Lebensjahr in der Jugendhilfe tätig“, berichtet Knauff. Der Bereich Nettersheim/Blankenheim sei im Kreis Euskirchen beratungstechnisch schon lange unterversorgt. Als es dann durch eine erhöhte Landesförderung die Möglichkeit gegeben habe, das Angebot um eine halbe Stelle zu erweitern, sei die Wahl daher unter anderem auf Nettersheim gefallen.

Beratungsstelle in Nettersheim liegt nah bei Gynäkologin und Kinderärztin

Untergebracht im ehemaligen Herz-Jesu-Kloster liegt die Beratungsstelle in direkter Nachbarschaft zu einer gynäkologischen Praxis und einer Kinderärztin. Das Passe von der Klientel her natürlich sehr gut, sagt Knauff.

Viele der Frauen und Familien, die Beratung suchen, plagen heutzutage finanzielle Sorgen. „Selbst gut situierte Menschen fragen sich: Wie sollen wir das eigentlich stemmen?“, berichtet Knauff weiter. Außerdem beobachte sie in ihren Beratungen einen Anstieg an Familien, in denen es verschiedene Probleme gibt. Da gehe es dann beispielsweise nicht nur um finanzielle Sorgen, sondern zusätzlich noch um Wohnungsnot und Krankheiten. Solche Familien begleite sie dann oft über Monate hinweg.

Grundsätzlich berät Knauff ab dem Kinderwunsch und bis zum dritten Lebensjahr des Kindes. „Es geht sehr häufig um Unterstützung bei Anträgen, etwa auf Kinder- und Elterngeld“, berichtet sie: „Ich bin auch für Ratsuchende da, die ungeplant schwanger sind und mit jemandem über die neue Situation sprechen möchten.“ Manchmal öffne die Beratung zu vermeintlich banalen bürokratischen Fragen auch das Tor zu tieferliegenden Sorgen. Eine Studentin habe beispielsweise ursprünglich nur Hilfe bei Anträgen gesucht. Beim dritten Beratungstermin sei dann herausgekommen, dass ihre Familie sie zum Abbruch der Schwangerschaft drängen wollte, berichtet Knauff.

Insgesamt beobachte sie, dass bei vielen das immer wieder genannte „Dorf“ fehle. Da, wo früher auch mal die Nachbarin oder vielleicht jemand im Kindergarten ausgeholfen habe, passiere das heute immer weniger: „Dem versuchen wir ein bisschen entgegenzuwirken.“

Donnerstags und freitags ist Knauff in Nettersheim, dienstags und mittwochs sitzt sie in der zweiten neuen Beratungsstelle des Caritasverbandes in Kall. Beide neuen Standorte sind mit der Bahn zu erreichen – auch das sei ein wichtiges Kriterium bei der Standortwahl gewesen, so Knauff. Nicht jede, die eine Beratung brauche und suche, verfüge auch über ein Auto. In Schleiden habe sie einmal eine Familie beraten, die mit Bus und Bahn aus Blankenheim anreisen musste. Zweieinhalb Stunden sei die Familie unterwegs gewesen.

Seit Anfang des Jahres hat die Beratungsstelle in Kall geöffnet, seit Mai die in Nettersheim. „Ich hoffe, dass wir da den richtigen Riecher hatten“, sagt Knauff.


Elternpraktikum und Mädchensprechstunde

Früh Mutter zu werden, das sei für einige Mädchen nach wie vor wünschenswert, berichtet Anna Knauff, die neben der Schwangerschaftsberatung auch Präventionsarbeit in Schulen leistet. Immer wieder treffe sie dabei auf 16-Jährige, die sich durchaus vorstellen könnten, nach dem Schulabschluss eine Familie zu gründen.

Mit dem Elternpraktikum will sie ihnen und anderen Jugendlichen zeigen, was der Alltag mit einem Baby wirklich bedeutet. Die Schülerinnen und Schüler erhalten dazu eine lebensechte Puppe, die sie eine Woche lang versorgen müssen. Jungen meldeten sich zu diesen Projektwochen leider eher seltener, berichtet Knauff. Sie sehe zwar, dass junge Mädchen nicht alleine für eine Schwangerschaft verantwortlich seien, aber letztendlich seien sie es eben, die die Konsequenzen tragen müssten, so Knauff. Deshalb sei es wichtig, gerade junge Mädchen über die Themen Schwangerschaft, Geburt und das Leben mit einem Kind aufzuklären.

An der Astrid-Lindgren-Schule leitet sie dazu eine Mädchensprechstunde. Dort können die Schülerinnen in einem sicheren Umfeld über alles sprechen. Um auch die Jungen zu erreichen, laufen laut Knauff gerade Gespräche, parallel eine Jungensprechstunde einzurichten. (jre)