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Hochwasserschutz lässt auf sich wartenSo geht es Schweinheim fünf Jahre nach der Flut

8 min
Das Bild zeigt den Sürstbach, der einem Rinnsal gleicht.

Der Sürstbach führt derzeit wenige Zentimeter Wasser. Vor fünf Jahren war er ein reißender Fluss.

Der Ortskern des Euskirchener Dorfes soll umgestaltet werden, um den Schutz zu erhöhen. Der Spielplatz soll wieder in die Dorfmitte rücken.

Wer heute durch Schweinheim fährt, sieht auf den ersten Blick wieder ein ganz normales Dorf. Die Gaststätte ist geöffnet, Kinder spielen auf den Straßen, an einigen Häusern wird gebaut. Fachwerkfassaden sind saniert, junge Familien schieben Kinderwagen durch den Ort.

Doch der Eindruck täuscht. Unter der Oberfläche ist der 14. Juli 2021 bis heute allgegenwärtig. Die Flutkatastrophe hat Schweinheim verändert – nicht nur baulich, sondern vor allem in den Köpfen der Menschen. Und sie hat etwas entstehen lassen, das weit über die Dorfgrenzen hinaus Aufmerksamkeit verdient: Bürgerinnen und Bürger, die sich zu Experten für Hochwasserschutz entwickelt haben und seit fünf Jahren nahezu unermüdlich darum kämpfen, dass sich eine solche Katastrophe nie wiederholt. „Für uns gibt es ein Vorher und ein Nachher“, sagt der Schweinheimer Stephan Brock: „Unsere Generation hatte keinen Weltkrieg. Das hier ist unser prägendes Ereignis. Wir werden immer wissen, was am 14. Juli passiert ist.“

Schweinheim fünf Jahre nach der Flut: Ein Dorf lebt wieder

Fünf Jahre nach der Flut ist Schweinheim größtenteils äußerlich wieder aufgebaut. Viele Häuser sind saniert, neue Familien sind in den Ort gezogen. „Wir haben uns sehr gefreut, dass sich in den vergangenen Jahren junge Familien für Schweinheim entschieden haben“, sagt Anja Tranelis: „Wenn man hier baut und sieht, wie viele Kinderwagen vorbeigeschoben werden, merkt man erst, wie lebendig der Ort wieder geworden ist. Die Lage zwischen Euskirchen, Rheinbach und Bonn macht den Ort weiterhin attraktiv. Die Flut habe diesen Trend nicht gestoppt.

Gleichzeitig berichten viele Bewohner von einem neuen Zusammenhalt. „Die Leute waren vorher auch freundlich“, erinnert sich Karl Kreuzberg: „Aber die Flut hat uns wirklich zusammengeschweißt. Auf einmal wusste man ganz genau, wer die Nachbarn sind.“ Dieses Gemeinschaftsgefühl sei bis heute spürbar, ergänzt Brock. Viele der Menschen, die damals gemeinsam Schlamm aus Häusern schaufelten, Sandsäcke stapelten oder Essen verteilten, engagieren sich noch immer ehrenamtlich für ihren Ort.

Hochwassernacht: Erinnerungen, die bleiben

Wer mit den Menschen spricht, merkt schnell: Die Ereignisse jener Nacht sind bis heute präsent. Josef Melder erzählt von 1,60 Meter Wasser im Haus, von eingeschlagenen Fenstern und davon, wie er mit wenigen trockenen Kleidungsstücken und seinen Hunden flüchten musste. „Wir saßen später am Dachfenster und haben zugeschaut. Ich dachte nur noch: Jetzt sehen wir dabei zu, wie unser Fachwerkhaus wegschwimmt.“

Anja Tranelis erinnert sich an ihre Ponys, die sich auf einen Balkon im Obergeschoss retten konnten. „Wir haben den ganzen Tag Tiere gerettet. Die kleinen konnten wir nach oben bringen. Die Ponys standen schließlich auf dem Balkon. Das klingt heute fast unglaublich“, sagt die Schweinheimerin.

Viele glaubten damals, die Steinbachtalsperre sei gebrochen. „Wir haben nur auf die Wasserlinie gestarrt und überlegt: Was passiert, wenn jetzt noch drei oder vier Meter dazukommen“, so Melder. Die „Steinbach“ hielt, bewahrte den Ort vor einer noch größeren Katastrophe. Trotzdem war Schweinheim für fünf Tage ein Geisterdorf. Bis heute, sagt Brock, hätten manche Menschen die Flut psychisch nicht vollständig verarbeitet.

Wenn wir heute bei Politik und Behörden vorsprechen, bringen wir nicht nur Fachwissen mit, sondern auch die persönliche Betroffenheit.
Karl Kreuzberg, Schweinheim

Aus dieser Erfahrung entstand kurz nach der Flut die Arbeitsgruppe Infrastruktur Schweinheim – kurz AIS. Ihr gehören Stephan Brock, Philipp Freiherr von Loe, Anja Tranelis, Josef Melder, Manfred Zimmer und Karl Kreuzberg an.

Die sechs Mitglieder vertreten bewusst unterschiedliche Bereiche des Dorfes und sind Anlieger verschiedener Bachläufe. Alle wurden selbst von der Flut massiv getroffen. „Wenn wir heute bei Politik und Behörden vorsprechen, bringen wir nicht nur Fachwissen mit, sondern auch die persönliche Betroffenheit“, so Kreuzberg.

Das Bild zeigt die drei Schweinheimer baim Gang durch den Ort.

Engagieren sich für Schweinheim: Karl Kreuzberg (l.), Anja Tranelis und Josef Melder.

Das Bild zeigt Stephan Brock an einem Fachwerkhaus in Schweinheim.

Ist längst zum Hochwasserschutz-Experten geworden: der Schweinheimer Stephan Brock.

Die AIS versteht sich als Bindeglied zwischen Politik, Verwaltung, dem Wasserversorgungsverband Euskirchen-Swisttal, dem Erftverband, Grundstückseigentümern und Landwirten. „Vor der Flut wusste ich nicht einmal, was Reibwerte in einem Bachlauf sind“, sagt Kreuzberg: „Heute diskutieren wir über hydraulische Berechnungen, Durchflussmengen und HQ100-Werte.“

Dieses Wissen sei nicht aus Interesse entstanden, sondern aus der Notwendigkeit heraus. „Wenn wir nach der Flut gesagt haben, wir müssen groß denken, dann müssen wir das auch tun“, so Kreuzberg.

Schweinheimer sehen sich nicht nur als reine Kritiker

Die Mitglieder der AIS sehen sich ausdrücklich nicht als reine Kritiker. „Wir wollen keine Verhinderer sein. Wir wollen Lösungen finden.“ In den vergangenen fünf Jahren habe die Arbeitsgruppe zahlreiche Gespräche mit Stadt, Kreis, Bezirksregierung, Erftverband und Wasserversorgungsverband geführt. Dabei seien nach eigener Einschätzung mehrere entscheidende Fortschritte gelungen.

Ein zentrales Projekt ist die Steinbachbrücke in der Ortsmitte. Bislang kann sie lediglich rund 13 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aufnehmen. Die AIS setzte sich gemeinsam mit Politik und Verwaltung dafür ein, dass die Brücke künftig deutlich größer dimensioniert wird. Nach den derzeitigen Planungen soll sie mindestens auf den HQ100-Standard mit rund 43 Kubikmetern pro Sekunde ausgelegt werden, möglicherweise sogar auf etwa 70 Kubikmeter.

Grundstückseigentümer wollen Flächen abgeben

Möglich wurde dies nach Angaben der Initiative auch durch Grundstückseigentümer aus Schweinheim, die benötigte Flächen freiwillig zur Verfügung stellten. „Dass Menschen ihr eigenes Wohl hinter das der Allgemeinheit stellen, ist alles andere als selbstverständlich“, berichtet Brock.

Auch beim Hochwasserschutz auf der Sürstbachseite sieht sich die AIS als wichtiger Impulsgeber. Im ursprünglichen regionalen Konzept war für Schweinheim kein eigenes Regenrückhaltebecken vorgesehen. Heute befindet sich ein zusätzliches großes Becken im Genehmigungsverfahren der Bezirksregierung.

Nach Einschätzung der Arbeitsgruppe wird dieses Bauwerk den Hochwasserschutz nicht nur für Schweinheim erheblich verbessern, sondern auch alle Unterlieger bis zur Erft entlasten. Besonders hervorgehoben wird dabei erneut die Bereitschaft der Landwirte und Grundstückseigentümer, benötigte Flächen bereitzustellen.

Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie viel in den vergangenen Jahren geschrieben, gerechnet und verhandelt wurde.
Stephan Brock, Schweinheimer

Auch der Ausbau des Orbachs Richtung Odendorf nimmt Formen an. „Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie viel in den vergangenen Jahren geschrieben, gerechnet und verhandelt wurde.“ Erneut seien Grundstückseigentümer bereit gewesen, Flächen für die Allgemeinheit bereitzustellen.

Die Zukunft der Steinbachtalsperre ist ein wichtiges Thema im Dorf

Ein weiteres Kernthema bleibt die Steinbachtalsperre. Seit der Flut nehmen Mitglieder der AIS regelmäßig an den Sitzungen des Wasserversorgungsverbandes Euskirchen-Swisttal teil. Dabei geht es um steuerbare Grundablässe, Rückhaltevolumen sowie einen hydraulisch abgestimmten Betrieb der Talsperre.

Nach Ansicht der Initiative müsse Hochwasserschutz künftig mit Klimaanpassung, Löschwasserreserve, Grundwasserneubildung und ökologischen Bachläufen zusammengedacht werden. „So kann effektiver Hochwasserschutz mit zukunftsweisender Ökologie verbunden werden.“ Die Gruppe lobt ausdrücklich die Unterstützung von Bürgermeister Sacha Reichelt und den politischen Vertretern im Wasserversorgungsverband.

Das Dorf muss sich verändern

Nach Ansicht vieler Schweinheimer reichen größere Brücken und Rückhaltebecken allein jedoch nicht aus. Mitten im Ort treffen Steinbach und Sürstbach zusammen. Genau dort sehen viele Einwohner den entscheidenden Engpass. „Der Ort ist über Jahrzehnte immer weiter hochgebaut worden“, erklärt Brock: „Heute liegen manche Bachränder höher als Teile des Dorfes. Sobald das Wasser austritt, läuft der Ort voll.“ Deshalb setzen sich die Ehrenamtlichen für einen umfassenden Umbau des Ortskerns ein.

Diskutiert werden unter anderem eine Absenkung des Dorfplatzes, breitere Bachläufe, Hochwasser-Notwege und ein hydraulischer Gesamtabgleich aller Gewässer. Kreuzberg: „Früher hat jede Generation versucht, nur einzelne Symptome zu bekämpfen. Heute wissen wir: Der ganze Ort muss hydraulisch neu gedacht werden.“

Hoffnung und Ungeduld

Trotz vieler Planungen wächst bei manchen Einwohnern die Ungeduld. „In fünf Jahren ist an der öffentlichen Infrastruktur praktisch nichts passiert“, kritisiert Tranelis: „Private Häuser wurden aufgebaut. Aber bei den öffentlichen Maßnahmen geht alles nur sehr langsam.“ Immer wieder werden langwierige Genehmigungsverfahren, komplizierte Zuständigkeiten und umfangreiche Abstimmungen genannt.

Gleichzeitig betonen die Mitglieder der AIS, dass ihre Kritik konstruktiv gemeint sei. „Wir wissen, dass viele Beteiligte engagiert arbeiten. Aber manches dürfte trotzdem schneller gehen“, so Melder.

Ein außergewöhnliches Ehrenamt Die AIS wird ihre Arbeit fortsetzen. Die Mitglieder verstehen ihre Initiative ausdrücklich nicht als Projekt Einzelner. Brock: „Wir vertreten mit der Unterstützung der Dorfgemeinschaft die Interessen des gesamten Ortes.“ Dabei sei klar, dass Hochwasserschutz nur gemeinsam funktionieren könne.

Viele Grundstückseigentümer hätten gezeigt, wie groß ihre Bereitschaft sei, persönliche Interessen hinter das Wohl der Allgemeinheit zu stellen. Für die Ehrenamtlichen ist das die größte Stärke Schweinheims. „Unser gemeinsames bürgerschaftliches Engagement in diesem Umfang ist in der gesamten Region einzigartig.“


„Der Spielplatz gehört in die Ortsmitte“

„Ein Spielplatz gehört in die Ortsmitte“, sagt Doro Franz. Die Schweinheimerin kämpft seit der Flut, dass der Treffpunkt für Kinder wieder dorthin kommt, wo er sich vor dem 14. Juli 2021 befand – auf den Dorfplatz, neben das Dorfgemeinschaftshaus. Bis auf ein rotes Drehkarussell hatten die Wassermassen alles mit sich gerissen: das Klettergerüst, die Seilrutsche.

Seit vier Jahren befindet sich der Spielplatz nun am Ende der Belgierstraße – praktisch am Ende des Dorfes. Die Stadt Euskirchen hat dort ein kleines Grundstück gepachtet, auf dem sich ein Sandkasten, ein Wipptier, ein Spielhaus und – natürlich – das rote Drehkarussell befindet. Die Mülleimer hat – erkennbar an den Aufklebern – die Gemeinde Extertal im Rahmen des Wiederaufbaus gespendet.

Das Bild zeigt Doro Franz auf einem roten Kinderkarussell.

Doro Franz aus Schweinheim kämpft für einen Spielplatz in der Dorfmitte und nicht am Rand des Orts.

Dem Spielplatz merkt man an, dass er ein Provisorium ist. Schatten gibt es praktisch keinen, Sonnensegel lehnt die Stadt laut Doro Franz konsequent ab. Da direkt am Spielplatz ein Wirtschaftsweg in Richtung Kirchheim vorbeiführt, bestehe auch eine gewisse Gefahr für Kinder, berichtet die Schweinheimerin. Die Landwirte wüssten zwar, dass dort der Spielplatz sei, aber ein Traktor sei halt auch dann eine Gefahr, wenn er sich an die Geschwindigkeit halte.

Doro Franz rechnet damit, dass eine ganze Generation von Schweinheimer Kindern ohne Spielplatz in der Dorfmitte aufwachse. Der Grund: Die Dorfmitte soll für einen besseren Hochwasserschutz umgestaltet werden. Wann es damit losgeht, ist aber offen. „Ich würde mir ein Provisorium neben dem Dorfgemeinschaftshaus wünschen. Dann lassen sich Feste feiern und die Kinder können nur wenige Meter entfernt spielen“, sagt Doro Franz.

Man könne die Spielgeräte dann ja wieder abbauen, wenn der Ortskern umgestaltet werde. Da das aber sicher noch eine gewisse Zeit dauere, spreche aus ihrer Sicht überhaupt nichts gegen eine Übergangslösung. „Vor allem ist da Platz für eine Seilrutsche. Die fehlt hier schon sehr“, so Doro Franz.