Abo

JubiläumZwischen Raum und Zeit – Marienschule Opladen wird 160 Jahre alt

6 min
Schulleiterin Annette Schäfer und Lehrer Frank Kirchhoff in der Marienschule

Schulleiterin Annette Schäfer und Lehrer Frank Kirchhoff in der Marienschule

Die Marienschule in Opladen wird in diesem Jahr 160 Jahre alt. Ein Lehrer und die Schulleiterin erzählen von der Geschichte und den Dingen, die sich im Schulalltag wohl niemals ändern werden.

Es gibt Orte, an denen existieren Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig. Einer davon liegt in Opladen: An St.Remigius 21. Die Marienschule gibt es seit 160 Jahren. Von außen erinnert heute nur wenig daran, dass sie einmal von Ordensschwestern geleitet wurde. Oder daran, dass hier nur Mädchen zur Schule gingen. Heute sind auf den Dächern Fotovoltaikanlagen. Ein gläsernes Treppenhaus verbindet die Stockwerke. Und da, wo früher einmal der Schlafsaal der Schwestern war, ist heute ein Computerraum und die Bibliothek.

Und trotzdem sagen manche: Man kann an diesem Ort die besondere Atmosphäre von damals noch spüren. Einer von ihnen ist Frank Kirchhoff, Lehrer für Deutsch und Politik an der Schule. An einem Nachmittag kurz vor dem Ende der Sommerferien sitzt er in einem Besprechungsraum und erzählt von den Anfängen der Schule. „Gegründet wurde sie in den 1860ern vom damaligen Dechanten Stephan Krey“, sagt Kirchhoff. „Er hat sich auch für den Bau der Remigiuskirche und des dazugehörigen Krankenhauses eingesetzt.“

Die Bildung von Mädchen war dem Pfarrer besonders wichtig. Und so tat er Ende des 19. Jahrhunderts etwas, das damals und heute viele im Bildungsbereich beschäftigt: Er suchte nach Lehrkräften. Die fand er mit den Ordensschwestern der Armen Dienstmägde Jesu Christi, einer katholischen Ordensgemeinschaft aus Dernbach im Westerwald.

Am 2. Juli 1866 öffnete die Marienschule offiziell. Was stand damals auf dem Lehrplan? Vor allem Religion, Geschichte und Sprachen. Kirchhoff zeigt ein schwarz-weißes Foto, auf dem ein paar Mädchen im Teenager-Alter zu sehen sind. Die Haare sind streng nach hinten gekämmt. Sie stemmen die Hände in die Hüften, das jeweils linke Bein zeigt nach vorne. Rechts im Bild steht eine Ordensschwester. „Das ist ein Foto aus dem Sportunterricht“, sagt Kirchhoff. Entstanden ist es im Jahr 1923. „Der frühere Turnsaal ist heute ein Teil des Lehrerzimmers.“ Der Name der Ordensschwester: Corona.

Schwester Corona gibt Tanzunterricht – eine Aufnahme von 1923

Schwester Corona gibt Tanzunterricht – eine Aufnahme von 1923.

Kirchhoff hat sich in den vergangenen Monaten viel mit der Geschichte der Marienschule beschäftigt. Mittlerweile kennt er viele Anekdoten auswendig. „1914 war hier in der Schule ein Lazarett für Soldaten“, sagt der 42-Jährige. Während des Zweiten Weltkriegs musste die Marienschule geschlossen werden. Der Lehrer zeigt noch ein schwarz-weißes Foto, aufgenommen im Jahr 1940.

Darauf ist das Innere einer Kirche zu sehen. Vor dem Altar stehen Mädchen in weißen Kleidern und Jungs in Anzügen. Es ist wohl die Messe zur Erstkommunion. Kirchhoff zeigt auf den Rand des Bildes, wo eine Krippe steht. Die Aufnahme ist wohl um die Weihnachtszeit entstanden. „Man ahnte damals schon, dass die Nazis die Schule schließen würden“, sagt Kirchhoff. „Deswegen wurde die Erstkommunion vorgezogen.“

Weißer Sonntag mit Erstkommunion in der Weihnachtszeit 1940

Weißer Sonntag mit Erstkommunion in der Weihnachtszeit 1940

Was glaubt er, hat sich in den letzten 160 Jahren am meisten in der Schule verändert? „Seit den 1970ern dürfen hier auch Jungs zur Schule gehen“, sagt Kirchhoff. „Das war sicher eine einschneidende Veränderung.“ Außerdem ist die Schule mittlerweile nicht mehr in der Hand der Ordensschwestern. Der Träger ist jetzt das Erzbistum Köln.

Und was ist gleichgeblieben? „Dass wir füreinander da sind“, sagt Kirchhoff. „Unser christliches Menschenbild.“ Dabei gebe es wegen der Geschichte der Schule manchmal auch Vorurteile. „Die Leute denken, wir sind so ein katholischer Laden, aber das stimmt gar nicht.“ Wer die Schule besuchen will, muss längst nicht mehr katholisch getauft oder auch nur christlich sein.

Die Leute denken, wir sind so ein katholischer Laden, aber das stimmt gar nicht
Frank Kirchhoff, Lehrer an der Marienschule

Dann klopft es an der Tür. Schulleiterin Annette Schäfer kommt herein und setzt sich dazu. Seit 26 Jahren ist sie an der Schule, seit vier Jahren Schulleiterin. Was hat sich ihrer Meinung am meisten verändert? „Sicherlich das Äußere“, sagt die 53-Jährige. „Allein in den letzten zwanzig Jahren ist hier so viel passiert.“ Die Schule wurde kernsaniert, es gibt eine neue Turnhalle. „Dann wurde unser Glastreppenhaus neu gebaut, das ja mittlerweile auch Teil des Logos ist“, sagt Schäfer. Die Schule sei ständig im Wandel. Sie deutet aus dem Fenster in den Innenhof. Draußen steht ein kleines Gebäude aus Holz: die neue Mensa, die zur Feier des 160-jährigen Bestehens der Schule am 17. September eröffnen wird.

Der Schulneubau im Jahr 1972

Der Schulneubau im Jahr 1972

In der Marienschule verschmelzen Tradition und Moderne, sagt die Schulleiterin. Das zeige sich am Gebäude besonders. „Im Inneren sieht man noch an vielen Stellen, dass es dort einmal anders aussah.“ Gleich bleibe aber das Fundament der Schule, sagt Schäfer. Vor allem das Geistliche. Es geht um Nächstenliebe, Solidarität und das Miteinander. „Wenn neue Lehrerinnen und Lehrer an der Schule anfangen, hören wir oft, dass man diesen Geist hier spüren kann.“

Und noch etwas wird sich wohl nie ändern: das Schimpfen über die jüngere Generation. Kirchhoff zieht ein Stück Papier aus seinem Ordner. Es ist ein Brief aus den 1950er Jahren. Den hatte damals eine Frau an die Schulleiterin geschrieben. Offensichtlich mit der Schreibmaschine getippt, steht da eine Beschwerde über das Verhalten von Schülerinnen der Marienschule im „Linienomnibus (…) auf der Strecke Schlebusch-Opladen und umgekehrt“. Sie seien laut und ungezogen.

Marienschule Opladen MSO

Der Eingang zur Marienschule

Den Berufstätigen graue es jedes Mal vor dem Moment, wenn die Schülerinnen in den Bus steigen. Da gehe das Geschnatter los. „Geschnatter ist noch milde gesagt, Kriegsgeheul müsste man es eigentlich nennen.“ Für die Fahrgäste sei es eine Zumutung. „Das Geschrei und Gepolter während der ganzen Fahrt halten die stärksten Nerven nicht aus.“ Der Schulbus ist wohl auch ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart kaum unterscheiden.

Geschnatter ist noch milde gesagt, Kriegsgeheul müsste man es eigentlich nennen
Beschwerde einer Frau an die Schulleiterin über Schülerinnen der Marienschule im Jahr 1950

Schulleiterin Schäfer muss lachen, als sie den Brief sieht. „Die Leute sagen immer: Sowas hätten wir früher nie gemacht. Ich mache mir erst Sorgen, wenn ich den Satz irgendwann mal nicht mehr höre.“ Überhaupt machen sich Kirchhoff und Schäfer kaum Sorgen, wenn sie in die Zukunft blicken. Zumindest nicht, wenn es um ihre Schülerinnen und Schüler geht. „Man kann schon sagen, dass wir in einer Zeit mit einigen Krisen leben“, sagt Schäfer. „Aber wenn ich mir unsere Kinder und Jugendlichen hier anschaue, habe ich keine Bedenken, dass ihre Generation das überstehen wird. Ich bin großer Fan. “ Kirchhoff nickt. „Ich sehe da ganz viel Kreativität und vor allem die Fähigkeit, Lösungen zu finden“

Kirchhoff fällt dann aber doch noch was ein, was heute anders ist. „Früher, so in den 70ern und 80ern, ging es hier schon etwas wilder zu“, sagt er. „Was da beim Abistreich manchmal los war.“ Er will gerade erzählen, welche Streiche sich die Oberstufen damals ausgedacht haben, als Schäfer ihn bremst. „Nicht, dass hier noch jemand auf dumme Gedanken kommt.“