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OP-TechnikWie das Remigius-Krankenhaus in Opladen den Patienten ihre O-Beine zurückgibt

4 min
Ralf Decking, Kniespezialist am Remigius in Opladen, operiert nur noch mit der Navigationstechnik.

Ralf Decking, Kniespezialist am Remigius in Opladen, operiert nur noch mit der Navigationstechnik.

Das Team um Chefarzt Ralf Decking setzt im OP auf technische Unterstützung.

Sigrid Johanns sitzt im Rollstuhl hinter den Pressevertretern und schaut sich an, wie Ralf Decking, Chefarzt der Orthopädie und Endoprothetik am Remigius-Krankenhaus in Opladen, erklärt, was er vor wenigen Wochen mit ihrem Knie gemacht hat. Aber der Schein trügt, denn die 88-Jährige ist nicht an den Rollstuhl gefesselt. Ein wenig wackelig ist sie noch. Aber sie kann laufen, wie sie fürs Pressefoto unter Beweis stellt. Und das, so sagt die Patientin, sei ein großes Stück Lebensqualität.

Johanns benötigte zwei neue Knie, sie hatte eine „fortgeschrittene Pangonarthrose“, wie es medizinisch korrekt heißt, in beiden Gelenken.  Ihr Zuhause habe sie deshalb vor Schmerzen kaum noch verlassen können. Das Remigius-Krankenhaus ist als Maximalversorger in der Endoprothetik auf solche Fälle spezialisiert. Chefarzt Decking macht eigenen Angaben zufolge 200 Knie im Jahr.

Und technologische Unterstützung gehört für ihn inzwischen fest dazu – „Pheno4U“ nennt die sich, entwickelt von der Firma B. Braun. Die Technik ist sozusagen eine digitale Plattform für die Planung vor und während einer Operation. Dazu kommt ein Navigationssystem, das sich „OrthoPilot“ nennt. Das klingt alles recht abstrakt. Was das bedeutet, erklärt Decking, der, wie er sagt, gar keine Knie mehr ohne das System operiere.

Für Sigrid Johanns ist das neue Knie „ein Stück Lebensqualität“.

Für Sigrid Johanns ist das neue Knie „ein Stück Lebensqualität“.

Decking steht vor einem Kunststoffbein, das auf einem Tisch liegt. In der Mitte des Beins ist das Knie, das sich, wie am menschlichen Körper auch, in verschiedene Richtungen drehen und beugen lässt. Ein paar Meter weiter steht ein kleiner Bildschirm. Darauf sind Ausschnitte des vor ihm liegenden Knies zu sehen. In der Hand hält der Arzt eine Art mechanische Fernbedienung, die mit einer Vorrichtung verbunden ist, die am Knie befestigt ist. Wenn er damit einen Punkt im Knie anvisiert und auf den Knopf drückt, erscheint nach einem Klick auf dem Bildschirm genau der Ausschnitt, den er mit seinem Pointer ausgesucht hatte. So viel zur Navigation.

Und zur Technik. Denn das Wichtige an dem Aufbau ist das, was er für den Patienten oder die Patientin bewirkt: ein Knie beziehungsweise ein Kniegelenk, das individuell auf den Menschen zugeschnitten ist. Und mit dem der Patient oder die Patientin weniger Schmerzen haben soll.

Denn offenbar war das jahrzehntelang nicht selbstverständlich. In der Mehrzahl der Fälle habe die konventionelle Methode bei Knie-OPs geholfen, sagt Decking. Aber es gab immer rund 15 Prozent, die nicht zufrieden waren. Denn sie hatten ihre X- oder O-Beine verloren.

Den Patienten die Beinachse wiederzugeben, die sie ein Leben lang hatten.
Ralf Decking, Chefarzt

Was er meint: Man sei lange davon ausgegangen, bei der Operation eine gerade Beinachse erreichen zu müssen. Also keine X- oder O-Beine mehr. Das Problem sei aber gewesen, dass sich etwa Bänder im Knie eben an diese Beine angepasst hätten. Und das zu ändern, hat vereinzelt Beschwerden hervorgerufen. „Normale Beine sind nicht gerade“, sagt Decking und zeigt es bei sich selbst: Auch der Arzt hat leichte O-Beine.

Das Ziel sei also, ein möglichst natürliches Kniegelenk zu bekommen. Und dabei hilft die Technik. Denn im Vorfeld misst das Krankenhausteam alles genau aus. Die Beweglichkeit, die Beinwinkel, man schaut sich die Bänder an. Diese Daten werden dann ins System eingepflegt, damit das neue Bauteil an die richtige Stelle gelangt. Und während der OP kann Decking dann ganz genau sehen, was im zu operierenden Knie geschieht.

56 Minuten benötigt Decking mit der Technik für ein Knie. Mit Navigationssystemen in Operationen zu arbeiten, sei zwar nicht neu, sagt Decking. Aber das, was das Remigius nutze, sei sozusagen der Stand der Evolution. „Das entwickelt sich immer weiter“, sagt er. Und die Zukunft des Operierens sei das ohnehin. Interessant: Laut Decking ist die Zukunft des Operierens also immer noch der Chirurg, der die Schnitte macht, und kein Roboter. Er könne mit Unterstützung der Technik das Knie während der Operation ausbalancieren, die Spannung der Bänder besser planen und die neun Rotationsmöglichkeiten des Knies im Hinblick auf die natürliche Beinachse ausrichten.

Das habe zur Folge, dass man mutiger sein könne. Eine O-Bein-Krümmung von drei oder vier Grad habe man früher wahrscheinlich für zu risikoreich erachtet: „Da hätte man gesagt, das hält vielleicht nicht.“ Inzwischen sei das aber kein Problem. Denn im Grunde gehe es darum: „Den Patienten die Beinachse wiederzugeben, die sie ein Leben lang hatten.“ Bei Sigrid Johanns hat das offenbar funktioniert.