Mark Oette engagiert sich neben dem Beruf für den Verein Caya.
„Caya“Wo Wohnungslose in Leverkusen medizinisch versorgt werden

Der Bus von Oette ist eine mobile Hausarztpraxis.
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Punkt 9 Uhr am Donnerstag: Ein schwarzer Bus parkt neben dem Gemeindehaus der Bielert-Kirche in Opladen. Ein Mann steigt aus, verbindet ein oranges Kabel mit einer Stromquelle. Fahrgäste befinden sich im Bus nicht, stattdessen: eine Liege mit Papierüberzug. An einer Wand sind Desinfektionsspender und Handschuhspender angebracht.
Der Bus ist so etwas wie eine mobile Hausarztpraxis, der Fahrer ist Mark Oette, Facharzt für Innere Medizin. Lange war er Chefarzt im Severins-Klösterchen in Köln. Seit 31 Jahren kümmert es sich neben seiner beruflichen Tätigkeit um die medizinische Versorgung von Menschen, ohne festen Wohnsitz. Über den Kölner Verein „Gesundheit für Wohnungslose“ sorgte er mit vielen ehrenamtlichen Ärzten, Ärztinnen, Schwestern und Fahrern dafür, dass wohnungslose Menschen zumindest eine medizinische Grundversorgung bekommen.
Denn der Bedarf ist hoch und steigt. „2021 haben wir den Verein Caya gegründet“, erzählt der Mediziner. Caya steht für „comes as you are“ (Englisch für „Komm, wie du bist“). „Über den betreiben wir eine Praxis in der ‚MülHeimer Arche‘ für Obdachlose“, einem Verein in Köln‑Mülheim. Dort wird niederschwellige medizinische Hilfe auf normalem Hausarztniveau angeboten und der Zulauf ist riesig.
200 Menschen in Leverkusen ohne festen Wohnsitz
„Inzwischen haben wir rund 800 Menschen behandelt“, erzählt Oette. Um die Hilfe auch an entferntere Orte zu bringen, hat der Verein dann den Bus angeschafft, der seit Juli auch in Opladen steht. Im Leverkusener Stadtgebiet gab es 2024 laut einer Mitteilung der Stadtverwaltung an die Mitglieder des Ausschusses für Soziales, Gesundheit und Senioren rund 200 Menschen ohne festen Wohnsitz.
Alles, was in der Arche-Praxis möglich ist, geht auch hier. Hier können EKGs geschrieben und Ultraschalluntersuchungen durchgeführt werden. Bei Bedarf veranlasst das medizinische Personal Blutuntersuchungen oder sie impfen unter anderem gegen Tetanus und Hepatitis. Medikamente gegen Kopfschmerzen, Fieber, Bluthochdruck. „Betäubungsmittel haben wir allerdings keine im Wagen“, erklärt der Arzt. Im Notfall kann er die aber verschreiben.
Was bewegt den Mediziner, sich für Menschen zu engagieren, die keinen Zugang zur medizinischen Versorgung haben? Die Antwort ist einfach und wiegt doch schwer: „Es ist wichtig, dass die Menschen bei uns die gleiche Qualität an Behandlung erfahren, wie die Menschen, die in den Hausarztpraxen sitzen. Das hat etwas mit Menschenwürde zu tun.“
Viele haben in ihrer Vergangenheit Vorurteile, Ausgrenzungen und Diskriminierung erlebt.
Keine adäquate medizinische Hilfe zu bekommen, betreffe nicht nur Wohnungslose, sondern auch Menschen ohne Krankenversicherung, Menschen, die zwar krankenversichert sind, aber aus vielerlei Gründen keinen Zugang zur regulären Hausarztpraxis haben. „Es gibt Menschen, die sind nach kurzer Zeit im Wartezimmer verhaltensauffällig“, erklärt der Internist. „Das passt dann nicht.“ Aber auch Menschen, die sich illegal im Land aufhalten, fallen durch Deutschlands medizinische Maschen. „Verarmte Rentnerinnen und Rentner tauchen auch gerade vereinzelt auf“, erklärt Oette weiter.
Es sei nicht einfach, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen. 35 Ärztinnen und Ärzte, fünf medizinische Fachangestellte und zehn administrativ unterstützende Ehrenamtliche kämpfen täglich um das Vertrauen der Patientinnen und Patienten, die bei ihnen Hilfe suchen. „Viele haben in ihrer Vergangenheit Vorurteile, Ausgrenzungen und Diskriminierung erlebt. Dies führt zu großem Misstrauen. Das dauert, bis sich das langsam abbaut.“
Es sei dramatisch, wie wenig wert sich viele Menschen seien, berichtet der Vereinsgründer weiter. „Ich hatte da einen Patienten, dem konnte ich nicht mal mehr die Socken ausziehen, so verklebt waren die. Da hat auch Einweichen nichts gebracht. Wir mussten die runterschneiden.“ Dieses Runterschneiden war aber mehr als nur eine momentane Notwendigkeit. Das Kümmern setzte beim Patienten etwas in Gang. Stück für Stück habe er anschließend die Motivation wiedergefunden, etwas besser für sich zu sorgen.
Neben der medizinischen Hilfe gibt es auch praktische. „Wenn wir sie haben, geben wir in der kalten Jahreszeit Socken aus.“ Auch Desinfektionstücher, Sonnenmilch und Kondome in Einzelpäckchen können sich die Menschen einstecken. Und wer Lust auf ein Bonbon hat, darf in ein Glas greifen, das im Eingangsbereichsteht. Hin und wieder bekommt der Verein selbst gestrickte Socken. „Besonders benötigen wir große Größen wie 45 und 46“, erklärt der Arzt. Wer Caya mit Socken unterstützen will, kann sie donnerstags von 9 bis 11 Uhr in Opladen abgeben und von 12 bis 15 Uhr in Köln am Zülpicher Platz vor der Kirche.
Aber auch in der Arche nimmt man sie gerne. Ebenfalls dringend gebraucht wird Unterwäsche. Die komplette Finanzierung des Vereins läuft über Spenden. Die Tätigkeiten werden ehrenamtlich geleistet.
