„Alltag in der Krise“Stadtarchiv Troisdorf gewährt Einblicke in das Krisenjahr 1923

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Das Stadtarchiv Troisdorf ist am Archivblog 1923 Alltag in der Krise beteiligt.
Archivleiterin Antje Winter und Archivar Johannes ehrengruber

Riesenbeträge ohne Wert: Die Gemeinde Troisdorf und einige Firmen gaben 1923 eigenes Notgeld aus.

Der Archivblog unter der Federführung der Stadtarchive Solingen und Troisdorf will die regionalen Auswirkungen der Krise sichtbar machen.

Ruhrbesetzung, Hyperinflation und Putschversuch: Historiker sehen im Jahr 1923 ein entscheidendes „Krisenjahr für Deutschland“, aber auch für andere Länder. Ihre Spuren haben die atemberaubenden Umbrüche jener Zeit nicht nur in den Metropolen hinterlassen. Dem „Alltag in der Krise“ ist der gleichnamige Archivblog gewidmet, an dem unter der Federführung der Stadtarchive Solingen und Troisdorf und zahlreiche rheinische Archive beteiligt sind.

„Es geht darum, die regionalen Auswirkungen mit Quellen sichtbar zu machen“, sagt Johannes Ehrengruber, Archivar im Stadtarchiv Troisdorf. Keine Sache nur für Experten. „Jeder, der sich dafür interessiert“, solle hier stöbern und sich informieren können.

Archivleiter arbeiten sich durch Aktenbestände aus dem Jahr 1923

Im vergangenen Jahr haben Archivleiterin Antje Winter und ihr Kollege begonnen, Akten und Zeitungen durchzusehen, aus unterschiedlichen Archivalien geeignete Quellen auszuwählen. Aus Aktenbeständen, die aufgeteilt sind in Archivgut der alten Gemeinde Sieglar und der alten Gemeinde Troisdorf.

Über die Archivdatenbank ließen sich die Macher Bestände des Jahres 1923 auswerfen- „Ich habe wirklich jede Akte durchgeblättert“, berichtet Antje Winter, Zeitungen liegen immerhin digital vor. Um die technische Umsetzung kümmerte sich vor allem Johannes Ehrengruber.

Archiv: Schwere Bildlage aus dem Jahr 1923

Als „ganz schwierig“ erwies sich wie schon beim Weltkriegsblog 1914-1918 die Bildlage: Nur wenige Fotos gab es überhaupt, und: „Wir müssen das ja auch auf den Tag datieren können.“ Denn dieses Prinzip haben die Macher des aktuellen Blogs wieder beibehalten: Zu jedem Tag des Jahres haben sie Quellen ausgewählt, die nachvollziehbar machen, was geschah.

Es gibt eine kurze Erklärung, um das Dokument in den geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen, handschriftlich oder in gotischer Fraktur formulierte Zeugnisse wurden transkribiert. „Wir haben viel mit Praktikanten gearbeitet“, sagt Antje Winter, Anteil am Gelingen haben auch die Auszubildenden. In Troisdorf und Solingen hat der Landschaftsverband Rheinland (LVR) das Projekt finanziell unterstützt. Gemeinderatsprotokolle waren eine ergiebige Quelle.

Hyperinflation und kommunales Notgeld

„Aufgrund der Ereignisse waren auch die Verwaltungen sehr rege“, hat Johannes Ehrengruber festgestellt. Die regelmäßig steigenden Preise für Gas und Strom wurden veröffentlicht, ermäßigte Preise für den „Hausbrand“ der Angestellten im Gas- und Wasserwerk protokolliert. Die Preisauskunft, eine Grabstelle koste 30 000 Mark, hatte der Beamte am 4. Juni mit einem Fragezeichen versehen: Auch diese Preise schossen nämlich in die Höhe. Eine damals geprägte 500-Mark-Münzen besitzt das Stadtarchiv Troisdorf.

Die „Finanzkommission“, dem heutigen Haupt- und Finanzausschuss entsprechend, debattierte über die Einführung und Ausgabe von kommunalem Notgeld in den Zeiten der Hyperinflation. Im Protokoll der Troisdorfer Gemeinderatssitzung vom 5. September 1923 ist das nur noch einen Satz wert. Eigenes Notgeld gaben sogar die Troisdorfer Unternehmen aus, wobei dieses stets als „Gutschein“ deklariert war.

Bürgermeister nach Streit mit Besatzungsbehörde ausgewiesen

Unterzeichnet waren die Scheine der Gemeinde damals vom Beigeordneten Amandus Hagen. Bürgermeister Wilhelm Klev war nämlich schon Ende April ausgewiesen worden: Er hatte sich offenbar mit der französischen Besatzungsbehörde angelegt und wurde, so eine Meldung vom 28. April, „mit dem Automobil an die Grenze des besetzten Gebiets gefahren“.

Bis 1924 blieb Klev in Herchen, erhalten ist ein Schriftwechsel mit dem Beigeordneten, dem er Anweisungen aus der Ferne gab. Ergiebige Quellen waren einmal mehr die Schulchroniken. „Da steht manchmal mehr drin als in jeder Zeitung“, sagt Antje Winter; schon zum Weltkriegsblog hatte die ausführliche Bergheimer Schulchronik viele Details geliefert.

Eisenbahner weigerten sich, Kohle nach Frankreich zu transportieren

Für den 10. Mai 1923 vermerkt die Chronik der Schule Blücherstraße, dass Familien französischen Eisenbahnpersonals in Eisenbahnerwohnungen am Talweg einzogen: Denn auch Eisenbahnerfamilien wurden ausgewiesen, hatten sich doch viele Eisenbahner geweigert, Kohle und Erze nach Frankreich zu transportieren.

Französische Arbeiter sollten einspringen. Wenig später verhängten die Besatzungstruppen den Belagerungszustand und eine Ausgangssperre: Am 3. Juni war am Bahnhof ein Sprengsatz detoniert, erst zwei Wochen später durften sich die Menschen in Troisdorf auch nachts wieder frei bewegen.

Fast 600 Einzelartikel hat allein das Stadtarchiv Troisdorf eingestellt, mehr als 530 die Kollegen aus Solingen. Und es werden noch viele mehr werden: Gerade erst war „Halbzeit“ – und die Zeitläufte beruhigten sich in der zweiten Jahreshälfte 1923 keineswegs, sondern gipfelten vielmehr im Putschversuch Hitlers im November.

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