Megatrends der ArbeitsweltNRW-Studie:Einfluss der KI noch weitgehend ungeklärt

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11.06.2025, Köln: Bei Ford in Niehl ist eine neue Produktion für Autobatterien entstanden.

Foto: Michael Bause

Bei Ford in Niehl ist im vergangenen Jahr eine neue Produktion für Autobatterien entstanden. Künstiche Intelligenz hat dort längst Einzug gehalten. 

Bei der Frage, welche Folgen der Einsatz Künstlicher Intelligenz im Industrieland NRW auf die Arbeitsplätze und die Produktivität hat, tappen die Forscher noch im Dunkeln.

Wer Klaus Böckmann zuhört, könnte glatt zu der Überzeugung gelangen, der Pflegedirektor der Knappschaft Kliniken Westfalen GmbH habe die Arbeit neu erfunden. An den vier Klinikstandorten der Gruppe im Großraum Dortmund gibt es keinen Fachkräftemangel. Im Gegenteil. Die Mitarbeitenden stocken zum Teil von Teilzeitjobs sogar wieder auf. Weil das Unternehmen ihnen garantieren kann, an allen 64 Ferien- und Brückentagen in einem Kalenderjahr frei zu haben. Nicht allen auf einmal, aber der Plan geht auf. Vor drei Jahren hat Böckmann das Arbeitszeitmodell für die Pflege in einer Klinik eingeführt – und wird es in diesem Jahr auf alle ausweiten.

Die Rechnung sei recht einfach, sagt der Pflegedirektor. „Für viele Eltern, alleinerziehend oder nicht, ist die Kinderbetreuung in Ferienzeiten das größte Problem.“ Das hat Böckmann aus der Welt geschafft.

Zu den 30 Tagen Urlaub nach Tarif kann im Pflegedienst der Knappschaft jeder auf freiwilliger Basis weitere 34 Tage ansparen – über einen Lohnverzicht von 13 Prozent. „Wir überlegen ständig, wie wir aus der Mitarbeitersicht attraktiv werden.“ So kämen auch andere Modelle zustande wie drei Jahre Vollzeit bei 75 Prozent Gehalt und das auch im vierten – bei drei Monaten Urlaub.

Digitale Technologien führen nicht automatisch zu höherer Produktivität

Dieses Modell ist nur ein Beispiel für die radikalen Veränderung einer Arbeitswelt, bei der die Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und mehr Flexibilität den Menschen immer mehr abverlangt. Was alles geschehen muss, damit dieser Prozess auch gelingt, hat das NRW-Arbeitsministerium in einer groß angelegten Studie mit dem Titel „Neue Formen der Arbeit“ über drei Jahre vom Forschungsinstitut Prognos untersuchen lassen, deren Ergebnisse am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellt wurden.

„Wir brauchen ein klares Bild, wie wir diese Entwicklung mit Digitalisierung und KI in Nordrhein-Westfalen gestalten wollen“, sagt Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). „Und dabei nicht nur die Führungskräfte, die ganz Beweglichen, die gut Informierten mitnehmen, sondern auch jene, die sich mit Lernen und neuen Dingen etwas schwerer tun und sich große Sorgen machen, ob sie bei dem Tempo mithalten können.“

Wir müssen auch jene mitnehmen, die sich mit Lernen und neuen Dingen etwas schwerer tun
Karl-Josef Laumann (CDU), NRW-Arbeitsminister

Was sind die Megatrends der modernen Arbeitswelt und welche Folgen haben sie für auf die Beschäftigten? Das sind die zentralen Aussagen der Prognos-Studie.

Digitale Technologien und KI führen nicht automatisch zu höherer Produktivität

Für Deutschland liegen bis zum Ende des letzten Jahres noch keine messbaren Daten vor, „ob die Produktivität durch KI steigt oder andere Arbeitsmarkteffekte eingetreten sind“, sagt Alice Greschkow, Leiterin der Prognos-Studie. Das liege daran, weil in den Unternehmen die strategischen, kulturellen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen für die Einführung von KI fehlen.

Für die Führungsebene ist KI zwar das Topthema, es hapert aber bei der Einführung, weil die klare Strategie fehlt und die Beschäftigten zu spät einbezogen werden. Der Fokus liege zu sehr „auf der Herstellung und dem Verkauf der neuen Technologien“, sagt Verena Nitsch, Direktorin des Instituts für Arbeitswissenschaft an der RWTH Aachen.

„Die Personen, die sie anwenden und sich mit der Arbeitsgestaltung befassen, werden zu wenig berücksichtigt. Wenn dann etwas schiefläuft, sagen die Anbieter, ihr habt ja auch nicht alle Module gekauft. Macht das mal und schon wird auch die Produktivität steigen.“ Dabei müsse man doch zunächst die Frage klären, in welchem Fall eine Arbeitskraft produktiver ist, wenn sie statt 50 mit KI-Unterstützung 100 E-Mails täglich schreibe. Ohne klare Strategie stoße die Einführung der neuen digitalen Werkzeuge vor allem auf Ängste und Widerstand.

ARCHIV - Nicht nur eine gute Mama und Partnerin, sondern auch beruflich erfolgreich sein: Viele Mütter fühlen sich gesellschaftlichem Druck ausgesetzt.  (zu dpa: «Kind und Karriere – geht das nun, oder nicht?») Foto: Julian Stratenschulte/dpa - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++

Kind oder Karriere: Vor allem für Frauen ist das immer noch eine Frage, die häufig zu Teilzeitarbeit im Homeoffice führt.

Homeoffice birgt auch Risiken

Der Anteil der Menschen, die mobil arbeiten, also nicht nur sporadisch an ihrem Arbeitsplatz erscheinen, ist seit der Pandemie in NRW leicht zurückgegangen, liegt aber über dem Niveau vor Corona. Vor allem bei hochqualifizierten Jobs in großen Unternehmen und im IT-Sektor ist Homeoffice gefragt. Mobile Arbeit gelinge dort, „wo klare Regeln, eine tragfähige Vertrauenskultur und eine gute technische Infrastruktur vorhanden sind“, heißt es in der Studie. Wo diese Voraussetzungen fehlten, drohten Entgrenzung, soziale Isolation und eine schleichende Ausweitung der Arbeitszeit. Das Modell des vollständigen Homeoffice berge strukturelle Produktivitätsrisiken, wenn der informelle Austausch und das kollektive Lernen in Teams dauerhaft wegfielen.

Digitale Transformation führt nicht automatisch zu Massenarbeitslosigkeit

Die Digitalisierung in Produktion und Fertigung schreitet in NRW voran. Das Tempo ist jedoch sehr unterschiedlich. Großunternehmen sind die Vorreiter, den kleinen und mittleren fehlt häufig das Geld. Die Tätigkeitsprofile verschieben sich weg von Routinejobs, die zunehmend automatisiert werden. Gefragt sind stattdessen analytische, interaktive und digitale Kompetenzen. Das bedeutet einen höheren Bedarf an Weiterbildung, die in immer kürzeren Abständen und eher in Kleingruppen und Online als in mehrtägigen Veranstaltungen erfolgen muss.

Neue Formen der Sozialpartnerschaft entstehen

„Ich bin Arbeitsminister in einem Bundesland, wo die soziale Partnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften am meisten und breitesten gelebt wird“, sagt Laumann. „Sie gehört zu unserer DNA ist bis heute in größeren Betrieben das richtige Instrument.“ In kleineren Betrieben hätten sich aber längst andere Formen des Teamworks entwickelt, „die ich nicht geringschätze. Wir sollten das alles ein bisschen lockerer sehen. Heute gibt es in der Arbeitswelt sehr viele soziale Partnerschaften auf informeller Ebene, die auch funktionieren. Mit Transparenz, Vertrauen und in Gesprächen.“

Soloselbständige arbeiten oft unter prekären Bedingungen

Die Zahl der Soloselbständigen ist laut der Studie nach einer langen Wachstumsphase wieder leicht rückläufig. Aktuell liege der Anteil bundesweit bei 4,2 Prozent. Ein pauschales Bild von Soloselbstständigkeit gebe es nicht. So gebe es erfolgreiche Soloselbstständige etwa in IT-Berufen mit überdurchschnittlichem Grundeinkommen. Ein erheblicher Teil sei aber von prekären Arbeitsbedingungen betroffen, die sich durch geringe Einkommen und unzureichende soziale Absicherung auszeichneten. Besonders in den Bereichen Handwerk, Kultur- und Kreativwirtschaft sowie in Gesundheitsberufen seien diese Risiken verbreitet.

03.05.2022, Köln: Ehrenfeld, LieferandoRadfahrer an der Venloer Straße stadtauswärts, Höhe Innere Kanalstraße. Foto: Max Grönert

In aller Regel ein Nebenjob: Lieferando-Radfahrer an der Venloer Straße.

Lieferdienste-Fahrer haben häufig einen anderen Hauptverdienst

Seit der Pandemie sind Lieferdienste für Essen, neue Fahrdienste oder andere Kurierdienstleistungen aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Entgegen dem Klischee sei das Bildungsniveau im Bereich der sogenannten Plattformarbeit tendenziell hoch. Häufig hätten die Beschäftigten einen anderen Hauptverdienst.

Gemeinsamer Nenner dieser Form der Arbeit ist die Vermittlung von Aufträgen über eine digitale Plattform. Zugleich sei der Anteil von Migranten etwa bei Lieferdiensten oft überdurchschnittlich hoch, weil zum Beispiel Sprachbarrieren kaum eine Rolle spielten. Hier müsse der Arbeitsschutz besonders kontrolliert werden. 25 Prozent der Menschen in dieser Branche verfügen über weniger als 1500 Euro im Monat, davon die Hälfe weniger als 400 Euro. 38 Prozent liegen zwischen 1500 und 3000 Euro.