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Ökonom über Resilienz„Wenn wir am Status quo festhalten, werden wir zum Industriemuseum“

8 min
Portrait von Stefan Kolev

Stefan Kolev ist Leiter des Ludwig-Erhard-Forums in Berlin und berät seit 2025 Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).

Der Ökonom Stefan Kolev fordert eine Um-Industrialisierung des Standorts. Was das für die Auto- und Chemiebranche rund um Köln bedeutet und warum ein Blick nach Osteuropa lohnt.

Herr Kolev, in Ihrer „Agenda des Aufbruchs“, die Sie im April mit Markus Brunnermeier vorgelegt haben, schlagen Sie für die Rettung des deutschen Wirtschaftsstandorts eine Um-Industrialisierung vor. Als Beispiel nennen Sie die Auto- und die Chemiebranche. Wie erklären Sie den Beschäftigten in den Ford-Werken in Köln oder im Chempark in Leverkusen, dass man sie gar nicht mehr unbedingt braucht?

Stefan Kolev: Das ist nicht unser Punkt. Die Menschen werden weiterhin gebraucht. Als jemand, der sich als Marktwirtschaftler versteht, bin ich der Meinung, dass die Kunden am Ende entscheiden, welches Produkt sie zu welchem Preis wollen. Dafür müssen die Produkte aus Köln und Leverkusen wettbewerbsfähig sein. Zu Recht herrscht in der Gesellschaft momentan die Angst vor einer De-Industrialisierung – es kann tatsächlich passieren, dass ganze Branchen verschwinden, wenn wir die Wettbewerbsfähigkeit des Landes nicht zügig wiederherstellen. Wir werden die Stellen in der Form, in der es sie heute gibt, wahrscheinlich nicht bewahren können. Stichwort China, Stichwort KI.

Wichtig ist, dass die Menschen nicht lange arbeitslos werden, sondern dass ähnlich wertvolle und ähnlich würdige Industriearbeitsplätze entstehen, in die man wechseln kann. Vielleicht wird aus der Autofabrik eine Rüstungsfirma. Vielleicht wird die Chemiefabrik ihre Produktion verlegen. Wer mobil ist, wird mitgehen – wer bleibt, muss Möglichkeiten zur Umqualifizierung erhalten. Unsere Vision des Industriestandorts kämpft für den Erhalt der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen – doch die Arbeitsplätze werden sich verändern. Am Status quo festzuklammern, ist menschlich, aber nicht gesund. Wenn wir das tun, werden wir zu einem Industriemuseum. Dann sind wir in zehn bis 20 Jahren völlig aus der Zeit gefallen. Es wäre die Garantie für den Niedergang.

Stattdessen sollte man sich am Ansatz der Resilienz orientieren, schlagen Sie vor. Wie soll sie für die Wirtschaft wirken?

Wir leben in einer Zeit voller Krisen und sie treffen jeden von uns: Unternehmen, Institutionen, Arbeitnehmer, die Politik, die Gesellschaft insgesamt. Nun haben wir die Wahl, entweder wie eine deutsche Eiche im Sturm zu stehen, in der Hoffnung, ihn zu überdauern, aber mit dem Wissen, dass der ganz große Sturm auch die stabilsten, robustesten Eichen entwurzeln kann. Oder aber wir fallen hin – bewusst. Resilienz bedeutet nun, die Fähigkeit zu haben, wieder aufzustehen. Man federt allerdings nicht zum Status quo zurück, sondern hin zu etwas Neuem, etwas Besserem. Man erfindet sich im Zuge des Aufstehens neu. Denn der Schock hat die Welt verändert.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Schauen wir uns den Chempark an. Die Frage dort lautet nicht: Wie bewahren wir Bayer? Sondern – wenn Angestellten droht, den Job zu verlieren – wie schaffen wir Rahmenbedingungen, zu denen es sich lohnt, sich mit einer neuen Idee selbstständig zu machen. Nicht jeder hat dieses Bedürfnis. Aber wenn zehn Prozent dieser Menschen erfolgreich gründen und so den restlichen 90 Prozent ein neues Arbeitsverhältnis ermöglicht wird, wäre das eine Perspektive. Wenn die Bereitschaft für Neuerungen da ist, ziehen ehemalige Bayer-Beschäftigte vielleicht zwei Häuser weiter, in eine etwas andere Firma, mit einem etwas anderen Arbeitsplatz. Diese Übergänge auf dem Arbeitsmarkt müssen besser gestaltet werden. Da ist die Bereitschaft des Einzelnen gefragt, aber auch die der Arbeitgeber und die Unterstützung eines finanziell tragfähigen Sozialstaats, etwa bei der Umqualifizierung.

Wir haben wenig Zeit. Ich vergleiche diese Tage mit dem Jahr 1928. Die nächste makroökonomische Krise – Börsencrash, Bankenkrise – kommt irgendwann. (...) Ich rede da eher von zwei als von zehn Jahren.
Stefan Kolev, Ökonom

Welche dieser Gruppen wollen Sie denn mit Ihrer Agenda am ehesten erreichen? Liegt der Aufbruch eher in den Händen von Wirtschaftsministerin Reiche oder meinem Nachbarn?

Im Grunde genommen ist Ihr Nachbar der Wichtige. Es gibt zwei Arten von Politikberatung. Die eine wendet sich direkt an die Entscheidungsträger in Berlin oder Düsseldorf. Und dann gibt es Politikberatung – und die ist eigentlich entscheidender – die richtet sich an die Bürger. Wenn diese verstehen, dass Resilienz ein erstrebenswerter Prozess ist, dann „bestellen“ sie als Souverän eine resilientere Politik und das müssen die Politiker dann umsetzen. Ein so breites Umdenken ist allerdings eine lange Reise. Und wir haben wenig Zeit. Ich vergleiche diese Tage mit dem Jahr 1928. Die nächste makroökonomische Krise – Börsencrash, Bankenkrise – kommt irgendwann. Man bedenke den Iran-Krieg, die Staatsverschuldung der USA und Frankreich, die KI-Blase. Ich rede da eher von zwei als von zehn Jahren – und diese Zeit müssen wir nutzen. Wir wenden uns mit der Agenda also sowohl an Ihren Nachbarn als auch an die Berliner Entscheidungsträger, genauso an Unternehmen und Institutionen. Und es ermutigt mich, dass wir sehr positive Reaktionen aus allen Bereichen erhalten haben. Wenn der Begriff der Resilienz auch zunächst etwas sperrig wirkt, ist er meines Erachtens der Begriff unserer Zeit – einer, der aus dem krisenhaften Zeitgeist ständig etwas Positives hervorrufen kann.

Von Osteuropa lernen

Interessanterweise empfehlen Sie dabei, sich ein Beispiel an den osteuropäischen Staaten zu nehmen. Sie sind in Bulgarien aufgewachsen. Inwiefern lohnt ein Blick in Ihre Heimat?

Im Grunde beschreibt der Begriff Resilienz mich und die Geschichte meiner Familie. Ich bin 1981 geboren, die 90er waren im Heranwachsen entscheidend. Es war eine Zeit, in der die Generation meiner Eltern auf unheimlich brutale Art Resilienz lernen musste. Es gab keinen Sozialstaat, alles brach zusammen, Männer sind dem Alkohol verfallen, Frauen trainierten sich auf geradezu heldenhafte Art diese Anpassungsfähigkeit an, ohne dass sie den Begriff damals kannten. Die haben verstanden: „Ich brauche einen Job, den alten gibt es nicht mehr. Und morgen wiederholt sich das. Ich muss mental jung bleiben, sonst werde ich abgehängt.“ Ähnlich lief es in den Nachbarländern ab. Und während Deutschland teils immer noch mit einer gewissen Arroganz auf Osteuropa schaut, ist Polen zu einem der größten Handelspartner Deutschlands geworden. Mehr Menschen kehren in diese Länder zurück, als dass sie von dort nach Deutschland kommen. Schauen Sie sich Breslau, Krakau oder Prag an – diese Gesellschaften haben es geschafft, mit Wandel zu leben. So wie sie nach 1989 vom Westen die freiheitliche Ordnung lernten, können wir jetzt von ihnen Resilienz lernen – und sollten es tun. Das Gute ist, dass wir es in Deutschland nicht auf diese harte Tour lernen müssen, wie meine Eltern damals. Mit der Sozialen Marktwirtschaft gibt es das Versprechen, dass die Dynamik von einem Mindestmaß an Sicherheit begleitet wird.

In gewisser Weise soll auch das aktuell geplante Reformpaket auf diese Dynamik eingehen. Reißt die Politik aus Ihrer Sicht das Ruder so rum?

Unter den Reformplänen, die hier in Berlin kursieren und demnächst angestoßen werden sollen, unterscheide ich zwischen zwei Arten: Die, die verhindern, dass wir noch weniger resilient werden, dazu gehört Gesundheit, Rente und Pflege. Ich bediene mich nochmal am Beispiel Chempark: Wie entscheidet sich ein privater Investor dafür, in Leverkusen zu investieren, statt in Holland, Belgien oder Polen? Dafür dürfen die Lohnnebenkosten nicht noch höher werden, als sie ohnehin sind. Dann gibt es Reformen, die tatsächlich einen genuinen Beitrag zu einer neuen Resilienz haben, dazu gehören Steuersenkungen und die strukturelle Kostensenkung bei der Energiewende. Der Staat muss damit zeigen, wie er sich neu erfinden kann.


Zur Person

Stefan Kolev (45) hat im April gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Princeton-Professor Markus Brunnermeier, die „Agenda des Aufbruchs“ veröffentlicht: einen Zehn-Punkte-Plan zur Modernisierung des Wirtschaftsstandorts, der für Aufmerksamkeit in Politik und Medien sorgte.

Darüber hinaus leitet der gebürtige Bulgare seit 2023 das Ludwig-Erhard-Forum für Wirtschaft und Gesellschaft in Berlin und gehört zum persönlichen Beraterkreis von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Seit 2012 ist er zudem Professor an der Westsächsischen Hochschule Zwickau.


Inwiefern könnte eine Steuerreform die Resilienz fördern?

Der Staat muss den Menschen neue Freiräume geben, damit der Einzelne in sich selbst investieren und so resilient werden kann. Das passiert hoffentlich über eine breit angelegte Einkommensteuerreform, also über Steuerentlastungen für Sie und mich.

Das klingt dann doch nach einem sehr liberalen Ansatz.

Durch die Brille der Resilienz betrachtet ist das keineswegs eine liberale Reform, sondern ein unverzichtbarer Beitrag zur individuellen Resilienz. Das Geld kann der Einzelne nutzen: Sparen für die Rente oder sich weiterbilden, den Umgang mit KI lernen zum Beispiel, um schnell in neue Jobs zu wechseln.

Das Sozialsystem „skandinavisieren“

Welche Rolle spielt dann das Sozialsystem in Ihren Überlegungen? Bundeskanzler Friedrich Merz ist der Meinung, der Sozialstaat sei zu teuer und Bärbel Bas und Lars Klingbeil sehen ihn als Grundlage für wirtschaftlichen Wohlstand an. Wer hat denn nun Recht?

Beide. Wir brauchen das Prinzip des Sozialstaats dringender denn je, aber er ist in der aktuellen Form nicht langfristig finanzierbar. Insofern haben beide einen Punkt. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass sie sich in der Annäherung zwischen Dynamik und Stabilität so schwertun.

Auch sie machen konkrete Vorschläge für das Reformpaket. Schauen wir auf Ihre Ideen zum Rentensystem. Wie sähe der Mix aus Dynamik und Stabilität dort idealerweise aus?

Ich spiele gerne mit Wörtern. In dem Fall sage ich: Wir müssen das Sozialsystem skandinavisieren. Gerade Schweden und Dänemark, aber auch Norwegen, hatten in den 90er Jahren Schwierigkeiten, ihren Sozialstaat zu finanzieren. Also haben sie kluge Reformen beschlossen, die das Prinzip wahren, aber finanziell tragfähige Formen finden. In Sachen Rente hat man etwa das Eintrittsalter an die Lebenserwartung geknüpft. Und man hat die Menschen indirekt zu Aktionären gemacht, weil ein Teil der gesetzlichen Rente nicht nur umverteilt, sondern am Kapitalmarkt investiert wird. Durch die Kapitalgewinne hat der Staat sie also dazu befähigt, ein ganzes Stück weit für die eigene Zukunft zu sorgen. Diese skandinavischen Reformen sind für Deutschland aus meiner Sicht das beste Vorbild. Wir hingegen haben etwa 25 Jahre verschlafen und die Kosten der Anpassung steigen mit der Zeit.

Die Energiewende kann nur gelingen, wenn sie nicht gleichzeitig Arbeitsplätze in Köln oder Leverkusen kostet, wenn sie also den Industriestandort nicht durch hohe Energiepreise bedroht.
Stefan Kolev, Ökonom

Außerdem haben Sie eben Energiereformen als genuinen Beitrag zur Resilienzförderung genannt. Bislang habe es aber grundlegende Fehler in der Energiepolitik gegeben, schreiben Sie in der Agenda.

Der Atomausstieg war von Anfang an ein Fehler und beißt sich mit dem Gedanken des Klimaschutzes. Denn Atomkraft ist so gut wie CO2-frei. Hinzu kommt das fortlaufende EEG (Anm. d. Red.: Erneuerbare-Energien-Gesetz), also Subventionen für alle möglichen Erzeuger von erneuerbaren Energien. Mir fehlt die systematische Evaluation dieser Subventionsprogramme. Sie hatten ihre Existenzberechtigung, als die Produktionskosten noch hoch waren. Aber wegen des technischen Fortschritts – heute entsteht der Strom von Solarpanels zum Beispiel sehr günstig – sind Subventionen nicht mehr notwendig. Die Energiewende kann nur gelingen, wenn sie nicht gleichzeitig Arbeitsplätze in Köln oder Leverkusen kostet, wenn sie also den Industriestandort nicht durch hohe Energiepreise bedroht. Nur auf erneuerbare Energie zu setzen, birgt noch eine weitere Gefahr: Wir machen uns wieder abhängig, und zwar von China, die einen Großteil des Materials für den Ausbau der Erneuerbaren liefern.

Heißt, wir sollten uns wieder breiter aufstellen?

Das gebietet die Resilienz, ja. Je breiter man aufgestellt ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, auf die Nase zu fallen. Und im resilienten Sinne sollte man in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auch tabulos über weitere Optionen nachdenken. Gegen Fracking in Deutschland gibt es große Vorbehalte. Nach allem, was Experten für den Bundestag aufgeschrieben haben, sind die unbegründet. Bis Wasserstoff als Energielieferant wirtschaftlich ist, wäre die Förderung von Gas im nördlichen NRW oder südlichen Niedersachsen eine Alternative. Ich formuliere es gerne so: Fortschritt gibt es nicht im Singular, nur im Plural. Die Politik sollte Wege nicht verbauen, sondern mit guten Rahmenbedingungen für alle darauf vertrauen, dass Menschen wie Sie und ich ihre Probleme sehr oft selbst lösen können.