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Energiemarkt
Mehr Windstrom soll dem Klima helfen – doch in NRW stockt der Ausbau

Reporter Peter Berger (rechts) auf einer Windkraftanlage.

Techniker inspizieren ein Windrad im Kreis Heinsberg. Der Bau von Windkraftanlagen in NRW ist 2023 ins Stocken geraten.

Der Bau von Windkraftanlagen ist durch die gestiegenen Energiepreise und die Kreditzinsen teurer geworden. Jetzt soll es höhere Preisgarantien geben.

Der Ausbau der Windkraft in Deutschland kommt trotz der vom Bundestag beschlossenen gesetzlichen Erleichterungen nicht voran. Der Grund: Immer weniger Bieter beteiligen sich an den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur.

Das letzte Angebot zum 1. Dezember wurde mangels Nachfrage schon vor Beginn der Auktion mehr als halbiert. Ursprünglich waren wie im Februar, Mai und September 1333 Megawatt vorgesehen. Doch selbst von den angebotenen 604 MW konnten nur für 189 MW Zuschläge erteilt werden. Damit wird das Jahresziel von 5158 MW weit verfehlt.

Von Beschleunigung noch nichts zu spüren

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In Nordrhein-Westfalen werden 2022 nun 400 MW erreicht. Das sind zwar 70 mehr als im vergangenen Jahr, vom Ziel der schwarz-grünen Landesregierung, die jedes Jahr 1000 MW schaffen will, ist man allerdings weit entfernt.

Die Anlagenbauer stehen gleich vor zwei Problemen. „Wir haben immer noch viel zu wenige Genehmigungen“, sagt Milan Nitzschke, Geschäftsführer der SL Naturenergie aus Gladbeck. Das Unternehmen investiert ausschließlich in Nordrhein-Westfalen und wird in diesem Jahr zwölf Anlagen realisieren. Bei 40 weiteren stehen die Genehmigungen noch aus.

„Die neue, an sich positive Gesetzeslage führt zu großen Verunsicherungen bei den Gemeinden. Sie wissen nicht, ob sie neue Flächen ausweisen und wie sie mit Anträgen umgehen sollen“, so Nitzschke. „Von einer Beschleunigung merken wir noch nichts.“ Viel dramatischer seien jedoch die stark gestiegenen Baukosten von bis zu 30 Prozent. „Bei den Zinsen liegt die Steigerungsrate bei rund 300 Prozent.“

Baukosten um 30 Prozent gestiegen

Windanlagen werden üblicherweise zu 85 Prozent mit Förderkrediten der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) unterstützt. „Vor einem Jahr lag der Zinssatz bei rund einem Prozent, heute sind es knapp vier.“ Das allein mache bei einer Laufzeit von 20 Jahren eine Kostensteigerung von 30 Prozent aus. Dazu kämen noch die gestiegenen Baukosten. „Auch eine Windanlage besteht aus Stahl und Beton“, sagt Nitzschke.

Für eine Windkraftanlage, die man vor einem Jahr mit sechs Millionen Euro kalkuliert habe, müsse man heute neun Millionen ansetzen. „Wir bauen zwar unverdrossen weiter, kommen aber in Dimensionen, wo es unwirtschaftlich wird“, sagt Nitzschke.

Große Hoffnungen setzt der Geschäftsführer des Gladbecker Unternehmens daher darauf, dass die Bundesnetzagentur bei den Ausschreibungen im kommenden Jahr die Fördervergütung bei den Windkraftauktionen bis zu 25 Prozent anheben wird.

Bundesnetzagentur will neue Höchstwerte bei Ausschreibungen nutzen

Bundestag und Bundesrat haben das in der vergangenen Woche mit dem Gesetz zur Strompreisbremse auch beschlossen. Derzeit erhalten die Anlagenbauer in NRW einen garantierten Erlös von 7,4 Cent pro Kilowattstunde – gerechnet auf eine Laufzeit von 20 Jahren. „25 Prozent mehr würden uns schon sehr helfen“, sagt Nitzschke. Derzeit dürfe man nicht mehr als den bundesweiten Durchschnitt von 5,88 Cent bieten. „Aber auch die Zinsen müssen runter.“

Die Bundesnetzagentur wolle „schnell aktuell neue Rahmenbedingungen für erfolgreichere Ausschreibungen im nächsten Jahr schaffen“ sagt deren Chef Klaus Müller. Man werde „nach den erforderlichen Prüfungen schnellstmöglich die vom Bundestag beschlossenen Festlegungskompetenzen im Bereich der Höchstwerte nutzen.“

Bei Windenergieanlagen, die mit Krediten der KfW- und der NRW-Bank finanziert werden, fordert der Landesverband Erneuerbarer Energien (LEE) in NRW „eine schnelle Anpassung der Förderzinsen“. Mit den neuen Höchstwerten allein ließen sich die gestiegenen Kosten nicht abfangen. „Mit 5,88 Cent Vergütung pro Kilowattstunde rechnet sich ein neuer Windpark einfach nicht mehr“, sagt Rainer Priggen, Vorsitzender des LEE NRW.

Gebote an Preisentwicklung bei Rohstoffen koppeln

Der Lobbyverband sieht zudem die Bundesregierung in der Pflicht, die derzeitigen Förderinstrumente für die Windenergie zu überdenken. „Es ergibt durchaus Sinn, sowohl den Gebotshöchstwert als auch den Zuschlagswert an einen bekannten Index zur Rohstoffpreisentwicklung zu koppeln“, so Priggen.

„Diese Indexierung hätte den Charme, dass die Werte bei fallenden Rohstoffpreisen wieder sinken, sodass es kaum zu Mitnahmeeffekten käme.“ Wichtig sei, dass Politiker im Bund und in NRW schnell reagieren. „Ansonsten werden wir 2023 den Zusammenbruch des Ausbaus der Windenergie an Land erleben.“

Windenergieprojekte sind oft nicht mehr wirtschaftlich

„Es gibt keine fundierten Analysen, warum die Ausschreibungen in diesem Jahr derart unterzeichnet sind. Wir haben nur Anhaltspunkte, warum auch für genehmigte Anlagen nicht geboten wird“, sagt Dirk Sudhaus von der Fachagentur Windenergie an Land. Unstrittig sei, dass die stark gestiegenen Rohstoffpreise und Zinsen bei den Unternehmen zu höheren Projektkosten führen, sodass sich derzeit nicht alle Windenergieprojekte wirtschaftlich umsetzen ließen.

„Die Entscheidung der Bundesregierung, dass der Höchstwert bei den Ausschreibungen um bis zu 25 Prozent steigen darf, müsste im kommenden Jahr zu einer Belebung führen. Die Bundesnetzagentur kann das jetzt umsetzen“, so Sudhaus. „Wir müssen abwarten, was bei der nächsten Ausschreibung im Februar 2023 geschieht.“

Das für 2023 vorgesehene Ausschreibungsvolumen von bundesweit 12.840 Megawatt werde vermutlich aber schon deshalb verfehlt, weil so viele Genehmigungen gar nicht zu erwarten seien.

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