Die Autoren der Serie „Abgehängt in Köln – Wenn die Postleitzahl entscheidet“ haben Probleme und Perspektiven auch von Chorweiler aufgezeigt.
„Haltestelle Chorweiler wird ausgelassen“Lokalredaktion hat mit Menschen in Chorweiler zu „Abgehängt in Köln“ diskutiert

Talk mit Ex-Streetworker Roman Friedrich (v.r.), Kölns Sozialdezernent Harald Rau, Merve Sahin-Yilmaz von der Bürgerplattform „Stark im Kölner Norden“ und Wahlforscher Ansgar Hudde.
Copyright: Alexander Schwaiger
Die Hitze am Wochenende hat es wieder gezeigt: Im Erdgeschoss mit Garten lässt sie sich weitaus besser aushalten als im Hochhaus. Die Menschen in Chorweiler, besonders diejenigen, die in den Hochhauskomplexen an der Osloer Straße 2 bis 6 wohnen, haben erneut zu spüren bekommen, dass Benachteiligung auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel eine Rolle spielt. Die Serie dieser Lokalredaktion „Abgehängt in Köln – Wenn die Postleitzahl entscheidet“ zeigt Probleme und Perspektiven von vier Kölner Stadtteilen auf, darunter eben Chorweiler. Was ist gut, was ist schlecht, was muss und kann besser werden? Darüber haben die Autoren Uli Kreikebaum und Florian Holler nun auch bei einer Veranstaltung gesprochen.
Mit auf dem Podium im Canyon am Weichselring in Chorweiler saß Kölns Sozialdezernent Harald Rau, der eingangs sagte: „Die Hochhäuser waren in den 60er Jahren als moderne Stadtentwicklung als total progressives Modell gedacht, was aber leider schiefging. Was hauptsächlich schiefging, ist, dass diese Form des Lebens eher segregiert hat, als Menschen zusammenzubringen und zu integrieren.“
Ansgar Hudde, Wahlforscher und Soziologe, erklärte das Wahlmuster, das Chorweiler zuletzt bei der Kommunalwahl zeigte: „AfD trifft Linke“ nennt er es. „Man findet es in erster Linie in Ostdeutschland und in westdeutschen Stadtteilen, die so aussehen, wie hier.“ Nicht die städtebaulichen Siedlungen der 70er Jahre selbst seien zentraler Faktor, aber viele Hochhäuser in schlechtem Zustand stünden auch in Teilen anderer Großstädte, wo sich dieses Wahlmuster zeige. „Das liegt natürlich nicht daran, dass diese Gebäude das verursachen, aber es liegt daran, dass das Stadtteile sind, die nach dem anfänglichen Boom unbeliebt wurden, vernachlässigt wurden.“
Wann sollte eine Stadt eingreifen? Harald Rau sagt: „Die Zuständigkeit der Stadt fängt dann an, wenn die Wohnung solche große Mängel hat, dass man eigentlich in dieser Stadt nicht mehr wohnen kann.“
Hängt Digitalisierung Kölner Stadtteile ab?
Das zum Hauptanteil in städtischer Hand befindliche Wohnungsunternehmen GAG kaufte 2016 zwei der zwangsverwalteten Hochhäuser im Zentrum Chorweilers mit rund 1.200 Wohnungen und saniert sie seitdem. Die Vermieter der anderen Häuser renovieren aber werden vernachlässigt, Menschen leben dort schon lange in verschimmelten Wohnungen, Vermieter sind oft nicht zu erreichen.

Florian Holler befragt das Publikum
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Kritik wurde mittlerweile auch an der GAG laut, weil sie ihr Kundenzentrum in Chorweiler geschlossen hat – und dadurch ebenfalls weniger erreichbar erscheint. Die Leiterin des Kundencenters, das nun auch für Chorweiler zuständig ist, Katharina Link, wies die Kritik zurück: „Wir haben unsere Kundencenter nicht geschlossen, wir haben andere Eingangskanäle gewählt.“ Gemeint sind digitale. „Unsere Wartezimmer waren voll, aber nicht mit Mietern, die mit ihren Anliegen zu uns gekommen sind, sondern mit Menschen, die Wohnungen gesucht haben. Und den können wir gar nicht gerecht werden in Köln.“
Ein Zuschauer wirft ein: „Wenn die persönlichen Ansprechmöglichkeiten noch weiter abgebaut werden, entfernt das diese Menschen auch vom System und deshalb ist das für mich sehr gefährlich.“ Moderator Uli Kreikebaum zitierte die Ergebnisse einer Studie des Politikwissenschaftlers Sebastian Kurtenbach: „Die Menschen in Chorweiler vertrauen dem Staat und auch den städtischen Behörden weitaus weniger, als etwa die Menschen in Kalk.“
Schlechter ÖPNV, Fachärztemangel und fehlende Freizeitangebote hängen Chorweiler ab
Woran das liegen kann, sagte Podiumsgast Merve Sahin-Yilmaz, die Community-Organizerin der Bürgerplattform „Stark im Kölner Norden“ ist: Die ÖPNV-Anbindung ist schlecht, „einige bezeichnen es als Diskriminierung, dass die Haltestelle Chorweiler von vielen Bahnen einfach ausgelassen wird“; der Fachärztemangel ist in Chorweiler größer, „wir haben keine Versorgung vor Ort“; und Freizeitangebote für Jugendliche gibt es zu wenig oder kommen nicht richtig an, „viele hängen dann bei der Aral-Tankstelle rum oder auf Parkplätzen. Das nachhaltig anzugehen, hat viel mit Lebensqualität zu tun.“

Merve Sahin-Yilmaz von der Bürgerplattform „Stark im Kölner Norden“ während der Diskussion in der Chorweiler Kletterhalle Canyon.
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Streetworker Roman Friedrich kennt sich ebenfalls bestens in Chorweiler aus und betonte mehrfach: Chorweiler ist nicht homogen. „Politische und städtische Vertreter müssen mit mehr Kultursensibilität antreten und die Menschen abholen, wo sie gerade sind, anstatt sie zu kritisieren und nur aufzuzeigen, wie viele Defizite sie spüren.“

Ekatharina Thor gibt einen Impuls zur Diskussion in Chorweiler.
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Die Resonanz auf die Serie dieser Redaktion war groß. Ekaterina Thor etwa hatte sich bei den Autoren gemeldet und gab Dienstag einen Impuls zur Diskussion. Die junge Frau wuchs in Chorweiler auf, ihre Oma lebt noch immer in einem der Hochhäuser, das die GAG gerade saniert. Sie sagte: „Dennoch, obwohl sehr viel Ungerechtigkeit da ist, finde ich es immer sehr unangenehm, in so eine benachteiligte Rolle gedrängt zu werden, weil ich unsere Familiengeschichte zum Beispiel überhaupt nicht so wahrnehme.“ Dieses Spannungsverhältnis beschäftigte auch das Publikum: Verstärkt die Berichterstattung über die Probleme im Viertel Klischees? Oder braucht es genau diese Öffentlichkeit, um Veränderungen anzustoßen? Diskussionen und Denkanstöße lieferte sie jedenfalls allemal.
In Mülheim diskutiert die Lokalredaktion des „Kölner Stadt-Anzeiger“ erneut mit Podiumsgästen, darunter Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester und Schul- und Kitaleitenden, und mit Menschen aus dem Veedel. Am Montag, 6. Juli, geht es um 19.30 Uhr im Kulturbunker Mülheim, Berliner Straße 20, los. Der Eintritt ist frei. Anmeldung per Mail: leserforum@kstamedien.de
