„Auf das SUV zu verzichten, kommt nicht in Frage“

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Nachhaltigkeit ist schon fast ein Modewort geworden. Was bedeutet der Begriff für Sie?

Nachhaltigkeit bedeutet die Frage, wie eine Gesellschaft mit Krisen umgeht. Heute geht es um die Klimakrise, wir haben eine Finanzkrise erlebt, auch unsere Demokratie steckt in einer Krise. Auch Kriege gefährden unsere Existenz.

Wie geht denn eine nachhaltig agierende Gesellschaft mit Krisen um?

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Ein wesentlicher Faktor für die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber Krisen ist die kulturelle Vielfalt. Sie bietet eine größere Bandbreite an Lösungen bei jedem Problem. Eine Monokultur bedeutet, alles auf eine Karte zu setzen. Es ist eine Besonderheit vieler Ideologien, dass die Ursache des Problems zur vermeintlichen Lösung gemacht wird.

Wie groß ist die kulturelle Vielfalt in unserer Gesellschaft?

Ein Symptom dafür, dass wir in einer Monokultur leben, ist die Tatsache, dass wir Wirtschaftswachstum als Allheilmittel für alle Probleme betrachten. Es gibt in unserem Bundestag keine Partei, die Dogmen wie Wachstum ernsthaft hinterfragt, in der Politik wird meistens alles dem „Wachstum“ unterordnet. In den Universitäten werden heute immer noch die gleichen Wirtschaftsmodelle gelehrt, die zur Finanzkrise geführt haben. Nachhaltiger sind jedoch Gesellschaften, die kulturelle Alternativen zulassen, statt sie zu zerstören oder abzuwerten. Die Fragen lauten, ob es keine Alternative zu der Formel „Wohlstand gleich Wirtschaftswachstum“ gibt und wer vom Wachstum profitiert und wer dafür zahlt? Was wir uns als reines Wachstum vorstellen ist eine Illusion, denn nichts wächst ohne Kosten. Diese werden meistens ausgelagert und in der Gesamtrechnung nicht berücksichtigt.

Was sind denn die Kosten des Wachstums?

Für die landwirtschaftlichen Monokulturen, die uns täglich ernähren, ist die Subsistenzwirtschaft in anderen Ländern komplett zerstört worden, die kleinen Bauern leben nun in den Slums der Großstädte. Was früher im Ruhrgebiet produziert wurde, wird heute in China und Indien hergestellt: Entsprechend ist der Zustand der Flüsse und der Luft dort, während der Himmel über der Ruhr wieder blau ist. Aber die Verlagerung der Kosten auf die Schwächeren funktioniert auch innerhalb Deutschlands: Immobilienunternehmen bereichern sich hier auf Kosten der Mieter. Fehler von Vorständen in Großkonzernen zahlt die Belegschaft. Die höchste Autodichte weisen Kölns wohlhabende grüne Quartiere auf, die Abgase des Autoverkehrs werden jedoch vor allem von Menschen eingeatmet, die sich keine hohen Mieten leisten können. Die Kosten des Wachstums, das uns die Klimakrise beschert hat, werden auf unsere Kinder ausgelagert.

Aber ist es nicht schwierig, aus diesem System der Gewinnmaximierung auszusteigen?

Die Frage müsste doch lauten: Wie kann ein System überhaupt weiter bestehen, in dem allein das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr als die Hälfte des weltweiten Vermögens besitzt, während viele Menschen in Armut leben müssen? Ich frage mich, warum manche Menschen lieber einen Kulturkampf gegen Flüchtlinge führen, die oft nichts besitzen – und nicht gegen die Steueroasen und die Cum-Ex-Geschäfte, die unser Gemeinwesen deutlich stärker plündern. Solche Wahrnehmungsblasen sind gefährlich und werden irgendwann implodieren. Die Frage ist nicht, ob sich die Situation ändern wird, sondern nur wie? Durch einen Kollaps oder indem wir lernen, zu kooperieren und den radikalen Wandel gemeinsam zu meistern?

Wie könnte dieser Wandel aussehen?

Wir haben lange gehofft, dass er von oben kommen könne: durch große internationale Klimakonferenzen, die UNO und die EU als Friedensprojekte oder eine neue Koalition an der Regierung. Bei zentralen Indikatoren sind wir jedoch durch diese Strategie kaum vorangekommen, im Gegenteil: Die CO2-Emissionen nehmen weltweit weiter zu, und dies nach 24 UN-Klimakonferenzen! Eine einseitige Steuerung der Gesellschaft von oben nach unten, vom Globalen zum Lokalen, war bisher eher Teil des Problems und kann nicht Teil der Lösung sein. Der „Tag des guten Lebens“ in Köln war für mich ein erster Versuch, ein breites Reallabor zu schaffen, um gemeinsam zu lernen, wie wir eine andere Entwicklung vor der eigenen Haustür angehen können, mit den eigenen Nachbarn zusammen. Es ist der Versuch, Freiräume für Alternativen in der Stadt zu schaffen. Diese werden leider immer enger statt größer. Die Stadt wird zunehmend privatisiert, kommerzialisiert oder durch Autos besetzt.

Was können wir in Köln tun?

In einer Demokratie geht man davon aus, dass die Politik die Interessen einer großen Mehrheit der Bevölkerung vertritt. Wir müssen uns die Frage stellen, ob das in Köln so ist und was sich ändern muss. Die Stadtentwicklung wird heute stark von Investoren bestimmt, die nicht einmal in dieser Stadt leben. In der Boden- und Wohnpolitik würde ich jedoch mehr auf Gemeinwesen statt auf Privatwesen setzen. Megatrends wie die Auswirkungen der Erderwärmung auf das Mikroklima werden kaum berücksichtigt. Die Reduktion des motorisierten Straßenverkehrs ist fast tabu. Köln ist eine Autostadt, entsprechend schlecht ist die Luftqualität. Doch so oder so kommen wir an einem radikalen Wandel in der Mobilität nicht vorbei. Kopenhagen oder Amsterdam zeigen, wie es gehen kann.

Welche Probleme sehen Sie in Ihrem Heimatviertel Sülz ?

In Sülz hat sich die Gentrifizierung längst vollzogen, die Mieten steigen weiter. Die Bewohnerschaft wird homogener. Der Bezirk Lindenthal ist eine Wohlstandsinsel. Viele Menschen kaufen zwar im Biosupermarkt; auf das SUV oder auf einen Fernflug zu verzichten, kommt jedoch nicht in Frage. Der öffentliche Raum ist durch Autos zugeparkt. Ich wünsche mir mehr soziale und kulturelle Vielfalt, mehr Einzelhandel und Handwerk, mehr Gemeinschaftsräume und partizipative Prozesse, in denen sich die Nachbarn gemeinsam die Frage stellen, in was für einer Stadt sie wie zusammenleben wollen. Meine Hoffnung ist, dass das hohe Bildungsniveau in solchen Bezirken einer kritischen Selbstreflexion dient. Für arme Menschen zu spenden oder Bio zu kaufen, beruhigt zwar das Gewissen, reicht aber nicht aus, um unsere Gesellschaft insgesamt gerechter und nachhaltiger zu machen.

ZUR PERSON

Davide Brocchi wurde 1969 in Rimini geboren. Er studierte Sozialwissenschaften, Politik, Psychologie und Philosophie, unter anderem bei Umberto Eco an der Universität Bologna.1992 zog er nach Deutschland. Brocchi lebt in Sülz und ist als-Sozialwissenschaftler freiberuflich tätig. Unter anderem initiierte er das Bündnis Agora Köln sowie den „Tag des guten Lebens“. (se)

Davide Brocchi: Nachhaltigkeit und soziale Ungleichheit. Warum es keine Nachhaltigkeit ohne soziale Gerechtigkeit geben kann. Springer Verlag

Davide Brocchi: Große Transformation im Quartier. Wie aus gelebter Demokratie Nachhaltigkeit wird, Oekom Verlag München, 2019

www.davidebrocchi.eu

Tag des guten Lebens in Ehrenfeld

Nachbarschaft macht Zukunft – so lautet die Überschrift zum Tag des guten Lebens 2019. Er wird am Sonntag, 15. September, in Ehrenfeld stattfinden. Das Aktionsgebiet, das an diesem Tag frei von Autos sein soll, umfasst den westlichen Teil des Stadtteils. Er liegt zwischen Ehrenfeld-/Melatengürtel und Äußerer Kanalstraße, Weinsberg- und Subbelrather Straße. Zudem gehört auch die Hüttenstraße dazu, weil dort der Hauptstützpunkt des City Leaks Festivals eingerichtet ist, ein Projektpartner des Tags des guten Lebens.

In den Straßen und auf Plätzen sollen Ideen und Visionen für ein zukunftsfähiges, gerechtes Köln erlebbar gemacht werden. Das Projektbüro für den Tag des guten Lebens befindet sich im Bürgerzentrum Ehrenfeld, Venloer Straße 429. Anwohner können Ideen direkt anmelden unter der Ehrenfeld-2019-Aktionsplattform.

Vereine und Organisationen können Aktionen über die Tag-des-guten Lebens-Homepage anmelden. (Rös)

www.ehrenfeld-2019.tagdesgutenlebens.de

www.tagdesgutenlebens.de/mitmachen/

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