Weniger als alle vier Minuten erlebte eine Frau im Jahr 2024 Partnerschaftsgewalt in Deutschland. Marc Thomas arbeitet mit den Tätern daran, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Ein Interview.
„In aller Regel ist Gewalt ein Ausdruck von Hilflosigkeit“Wie Täter lernen, ihr Verhalten zu ändern

Marc Thomas leitet bei der AWO Köln die Arbeit mit Menschen, die in Partnerschaften Gewalt ausgeübt haben.
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Sie arbeiten mit Tätern zusammen. Worum geht es im Kern und was ist die Grundannahme hinter dem Programm „MenschSein ohne Gewalt“?
Marc Thomas: Im Kern geht es darum, dass die Menschen, die hier mitmachen, ob freiwillig oder im Zwangskontext, aufhören, in der Partnerschaft gewalttätig zu sein: Die Gewaltspirale muss von denen beendet werden, die sie aufrechterhalten. Die Grundidee ist, dass jeder Mensch für sein Verhalten verantwortlich ist, und wenn ich gewalttätig bin, kann ich die Verantwortung übernehmen, um etwas zu ändern.
Klassisch heißt es Täter- und Täterinnenarbeit bei häuslicher Gewalt. Es wandelt sich auch zur Arbeit mit Gewaltausübenden, das ist weniger stigmatisierend. Seit 2021 dürfen auch Frauen im Programm aufgenommen werden, was vorher nicht finanziert wurde.
Wir gehen davon aus, dass Gewalt erlernt, aber auch wieder verlernt werden kann und nicht krankheitsbedingt ist. Wer als Kind Gewalt erlebt, lernt am Modell, bewusst oder unbewusst, bis hin, dass Gewalt als normal erlebt wird. Gleichzeitig zeigt die Arbeitserfahrung: Es geht oft um die Themen hinter der Gewalt, zum Beispiel um ein Bedürfnis nach Kontrolle, das aber auch gewaltfrei befriedigt werden kann. In aller Regel ist Gewalt ein Ausdruck von Hilflosigkeit oder Ohnmacht. Wenn ich gewalttätig bin, bin ich nicht mehr ohnmächtig, sondern mächtig.
Was bedeutet in dem Kontext „Gewalt“?
Wir definieren Gewalt sehr breit. Man könnte annehmen, dass nur körperliche Gewalt Gewalt ist. Da gibt es eine interessante Untersuchung dazu: Wenn man nur körperliche Gewalt behandelt, nimmt diese zwar ab, aber psychische Formen nehmen sprunghaft zu.
Das heißt, für uns ist körperliche Gewalt natürlich Gewalt, aber auch verbale, psychische, soziale, ökonomische und sexualisierte Gewalt sind Gewaltformen. Die verschiedenen Gewaltformen können sich auch überschneiden. Wenn jemand, seine Partnerin als „Schlampe“ beschimpft, dann hat das auch eine sexualisierte Färbung und eine psychische Komponente. Nicht nur strafrechtliches Verhalten ist für uns Gewalt. Menschen, die hier mit körperlicher Gewalt an sich arbeiten, die sind oder waren in aller Regel auch schon mal verbal und psychisch gewalttätig. In der Regel baut sich das wie ein Treppeneffekt auf.
Sie arbeiten mit Menschen, die freiwillig kommen, und mit Menschen, die im Zwangskontext zu Ihnen geschickt werden. Wer sitzt in Ihrem Programm?
Unsere Zielgruppe ist ubiquitär, es gibt keine Schichtzugehörigkeit: Ich hatte auch schon mal einen Psychologie-Professor, der mit Auflage kommen musste. Im Schnitt würde ich sagen, die Klienten sind zwischen 35 und 45, aber sehr schichtunabhängig.
Letztes Jahr waren 60 Prozent freiwillig und 40 Prozent im Zwangskontext gewiesen bei uns. Gewiesen heißt über Staatsanwaltschaft, Amtsgericht, Familiengericht, die dürfen Auflagen erteilen im justiziellen Zwangskontext. Das Jugendamt zählt hier auch mit rein: Die dürfen keine Auflagen im eigentlichen Sinne erteilen, aber sie können eine Programmteilnahme empfehlen.
Früher war es häufig andersherum, mehr Zwangskontext, weniger Selbstmelder. Das ist allerdings von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Bei den Frauen gibt es bisher mehr Selbstmeldungen als Zuweisungen. Wobei: Die wirklichen Selbstmelder fallen wesentlich geringer aus. Viele Männer sind hier und sagen: „Ich bin jetzt hier, sonst ist meine Frau weg.“
Da kann man dann nicht mehr von einer eigenen Motivation sprechen. Wie ist die Geschlechterverteilung bei Ihnen, und merken Sie Unterschiede in der Arbeit mit Männern und Frauen?
In der AWO in Köln gibt es aktuell drei Männergruppen und eine Frauengruppe. Es sind wesentlich weniger Frauen bei uns, vielleicht 85 zu 15. Häufig erleben wir Klientinnen schneller in der Verantwortungsübernahme. Bei Männern ist das am Anfang häufig ein Brocken, da kann die Arbeit auch sehr konfrontativ sein, weil viel Verantwortung an die Umwelt und die gewaltbetroffene Person abgegeben wird. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Klientinnen häufig biografisch länger anhaltende Opfererfahrung als die Männer aufweisen. Aber auch die haben in der Regel in ihrem Leben Gewalterfahrungen machen müssen.
Was sind typische Konfliktfelder, die bei Ihnen immer wieder auftauchen?
In der Regel sind das auf den ersten Blick sehr banale Alltagsgeschichten: Haushalt, Kindererziehung. Etwas tiefer gehend: Vertrauen, Bindung, Unsicherheit, negative Erfahrungen. „Du darfst abends nicht raus, weil du sowieso fremdgehen wirst. Du ziehst dich zu knapp an.“ Die Themen dahinter sind tieferliegend: Welche verletzten Bedürfnisse liegen dahinter, die mangelversorgt wurden? Die Verantwortung bleibt dennoch immer bei der gewaltausübenden Person.
Wenn jetzt jemand, oft erst mal unter Zwang, etwa durch eine Auflage, bei Ihnen landet: Wie läuft das konkret ab, vom ersten Kontakt bis zur Gruppenarbeit?
Wer anruft oder sich per E-Mail meldet, bekommt zunächst einen unverbindlichen Informationstermin. Eine Stunde, in der ich das Programm erkläre und schaue, ob eine Programmteilnahme möglich ist. Passt es, folgen drei bis fünf Einzeltermine: Screening-Diagnostik, Anamnese von der Kindheit bis heute, erste Hypothesenbildungen über das Gewaltverhalten und zentral: die professionelle Beziehungsgestaltung zum Klienten. Wir gehen davon aus, dass die Menschen die Experten für sich selbst sind, und arbeiten entsprechend immer auf Augenhöhe. Um gut arbeiten zu können, müssen wir uns auf das individuelle Erleben der Teilnehmenden einlassen.
Zum Ende der Aufnahmephase muss jeder einen eigenen Arbeitsauftrag formulieren. „Ich muss hier sein, weil das Gericht es sagt“ reicht nicht. Konkret könnte ein solcher Auftrag lauten: Ich war gewalttätig, das möchte ich nicht mehr. Danach folgen 34 Gruppensitzungen, einmal die Woche abends. Der Ablauf ist nicht thematisch festgelegt, wir fragen: Wie war die Woche? Gab es Gewalt? Was lief gut? Aus den Dynamiken und Unterschieden in der Gruppe entsteht das, woran gearbeitet wird.
Sind die Teilnehmer und Teilnehmerinnen dann gewaltfrei nach diesen 34 Sitzungen?
Das Programm geht circa ein Jahr. Bei den Menschen, die hier abschließen – das ist jetzt meine unwissenschaftliche Einschätzung –, habe ich bei 65 bis 70 Prozent ein gutes Gefühl. Das heißt aber nicht, dass ich weiß, ob die Personen gewaltfrei bleiben. Was vielleicht dafür spricht, ist, dass wir eine relativ geringe Rücklaufquote haben, also Menschen, die wiederkommen müssen. Es gibt Evaluationsstudien, die die Wirksamkeit belegen. Eine saubere Messung in der Praxis ist aber unheimlich schwierig.
Sie haben beschrieben, dass Sie genau hinschauen, ob jemand überhaupt „arbeitsfähig“ fürs Programm ist. Was sind bei Ihnen Ausschlusskriterien?
Wer eine manifeste Sucht- oder psychische Erkrankung hat, muss zuerst in Therapie. Danach kann er ins Programm. Aber es ist nicht binär: Ein Mann, der viel Cannabis konsumiert, macht gerade parallel Suchtberatung und arbeitet trotzdem an sich im Programm weiter.
Erneute anhaltende Gewalt wäre ein Ausschlusskriterium: Jemand, der immer wieder gewalttätig ist und bei dem sich im erneuten Gewaltverhalten gar nichts ändert, dann würden wir irgendwann sagen, dass das Programm keine Wirkung zeigt oder keine Veränderungsbereitschaft vorliegt. Gleichzeitig muss man sagen, dass ich in zehn Jahren keinen Klienten hatte, der während der Programmteilnahme nicht auch mal erneut gewalttätig wurde. Die Arbeit an Gewaltmustern ist ein kleinschrittiger Prozess, der Zeit benötigt.
Leider sind auch fehlende Deutschkenntnisse ein Problem. Wir können im Einzelsetting arbeiten, wenn jemand nicht gut Deutsch spricht. Aber wir bekommen weder Dolmetscher bezahlt, noch gibt es ausgebildete Dolmetscher, die auch die Ausbildung für die Täterarbeit haben. Wir achten sehr auf Sprache: Wenn jemand sagt „man macht das doch so“, dann sage ich: Nein, nicht man, sondern Sie machen das so. Hier müsste beim Dolmetschen beispielsweise genau drauf geachtet werden.
Sie haben gesagt, dass Verantwortung übernommen werden muss, sonst bringt die Arbeit nichts. Fehlt das Reflexionsvermögen am Anfang, oder ist den meisten schon bewusst, was sie getan haben?
Den allermeisten ist das bewusst. Aber es wird sehr schnell in Abwehr eingebettet. Manche Gewaltformen werden so bagatellisiert, dass sie gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Diese Abwehrstrategien sind meistens unbewusst und schieben die Verantwortung ab, was ganz objektiv gesehen erst einmal sehr funktional ist. Wenn ich sage: „Mir ist die Hand ausgerutscht“, hat das für mich eine andere Färbung, im Vergleich zu: „Ich habe ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen.“ Die Belastung ist dann höher für mich als Täter oder Täterin. Diese Abwehrstrategien müssen erst einmal abgebaut werden, ansonsten wird die Verantwortung nicht übernommen und dann gibt es keine Veränderung im Gewaltverhalten.
Der Widerstand ist zunächst bei allen beobachtbar. Der Abbau dessen ist ein langwieriger Prozess. Wir versuchen das dann zum Beispiel mit einem Perspektivwechsel zu konfrontieren. Wie hat sich deine Frau gefühlt, als du ihr den Hals zugedrückt hast? Was hat dein Kind an dir gesehen? Wie würde dein Kind deinen Gesichtsausdruck beschreiben? Hier findet viel Beziehungsarbeit statt, denn Täterarbeit kann nicht ohne eine professionelle Beziehungsgestaltung zur Klientel gelingen.
Sie arbeiten also auch mit Scham. Ist das Gefühl ein Hindernis oder ein Hebel in der Arbeit?
Die allermeisten Menschen sind sehr beschämt über das, was sie gemacht haben. Deswegen auch die Abwehr: Ich schäme mich so sehr, also muss ich das irgendwie verarbeiten. Man kann mit Scham aber auch methodisch arbeiten, sie erlebbar machen, damit sie als Prophylaxe wirkt.
Wir wertschätzen jeden Menschen, der hier ist, aber lehnen jedes Gewaltverhalten strikt ab. Ein Mensch ist ja nicht immer nur gewalttätig. Es gibt auch Anteile vom Menschen, die gewaltfrei sind. Vor jedem, der sich hier öffnet und an sich arbeitet, ziehe ich den Hut. In einer Gruppe über höchst beschämende Taten zu sprechen, das ist ein Brett.
Das bringt aber auch die Momente, die ich am schönsten finde: Wenn Menschen Veränderungen an sich erleben und merken, ich kann etwas in mir ändern, und dann ändert sich auch wirklich etwas.
Influencer wie Andrew Tate, die online Frauenhass predigen, gewinnen gerade bei jungen Menschen an Bedeutung; Lehrkräfte berichten, dass Schüler ähnliche Denkmuster übernehmen. Sehen Sie in Ihrer Arbeit, dass das Potenzial bei Jüngeren steigt, auch in Richtung Partnerschaftsgewalt?
Noch nicht so benannt, aber sicherlich auch davon geprägt. Offen kommunizierte Misogynie, das ist mehr geworden, auf jeden Fall: Eine Frau muss das und das machen. Ich als Mann darf das und das. Das nimmt zu.
Zu Corona-Zeiten hat sich außerdem abgezeichnet, dass psychische Gewalt zunimmt – noch unwissenschaftlich, das ist mein Bauchgefühl – und auch dass es bei Jüngeren tendenziell mehr Thema wird. Ein noch patriarchal geprägteres Männer- und Frauenbild merke ich schon; im Vergleich zu vor sechs, sieben Jahren ist das mehr oder sichtbarer geworden.
Wenn wir zum Schluss auf Köln und die Region schauen: Ist der Bedarf in einer Großstadt automatisch höher als auf dem Land?
Gewalt gibt es auf dem Land genauso wie in der Stadt, aber viele Einrichtungen im ländlichen Raum haben in den letzten Jahren zugemacht, weil die Finanzierung fehlt. Auch in Köln ist die Lage sehr ernst: eine Stelle im Programm „MenschSein ohne Gewalt“, aufgeteilt auf drei Personen, für eine Millionenstadt. Wenn sich bis nächstes Jahr keine Finanzierung findet, wird es das Programm bei der AWO so nicht mehr geben. Die Zahl der häuslichen Gewaltdelikte steigt jährlich. Wir können schon jetzt nur einen kleinen Teil abdecken und benötigen dringend eine stabile Förderung seitens der Stadt.
Marc Thomas ist Erziehungswissenschaftler, Kriminologe und systemischer Therapeut. Seit sieben Jahren leitet er die Projektarbeit der Täterarbeit bei der AWO.