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„Abgehängt in Köln“OB Torsten Burmester spricht sich bei Podiumsdiskussion für Kitapflicht aus

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06.07.2026, Köln: Talk zu "Abgehängt in Köln" Serie in Mülheim. OB Torsten Burmester wird mit Leiterinnen von Kitas und Schulen über Bildungsgerechtigkeit und die Trennung von Arm und Reich diskutieren. Foto: Arton Krasniqi

Die Podiumsdiskussion des „Kölner Stadt-Anzeiger“ zur Serie „Abgehängt in Köln“ fand im Kulturbunker in Mülheim statt.

Bei einer Veranstaltung zur Serie „Abgehängt in Köln“ diskutierte OB Torsten Burmester mit Leiterinnen und Leitern von Kitas und Schulen über Bildungsgerechtigkeit.

Die Zahl der Erstklässler, die in Köln ein Schuljahr wiederholen müssen, ist hoch. Es liegt vor allem daran, dass es vielen an Deutschkenntnissen mangelt. Vor diesem Hintergrund hat Oberbürgermeister Torsten Burmester sich bei einer Podiumsdiskussion des „Kölner Stadt-Anzeiger“ dafür ausgesprochen, dass es für Kinder im Vorschulalter eine Kitapflicht geben sollte. „Das ist der richtige Weg, aber im Moment fehlen die rechtlichen Rahmenbedingungen“, sagte er am Montag bei der Veranstaltung im Rahmen der Serie „Abgehängt in Köln“.

Mehr als 100 Menschen waren der Einladung der Redaktion in den Kulturbunker Köln-Mülheim gefolgt. Auf diesen Stadtbezirk hatte sich Uli Kreikebaum, neben Florian Holler einer der Autoren der Serie, bei seinen Recherchen dazu konzentriert, wie sich die Spaltung in Arm und Reich im Erziehungs- und Schulsystem bemerkbar macht.

Publikum für Kitapflicht in Köln

Einer der Befunde: Akademikereltern bevorzugen Kitas, die schon Babys aufnehmen, Eltern von Jungen und Mädchen mit Migrationsgeschichte eher solche für Kinder ab drei Jahren. In Stadtteilen mit vielen Migranten führt die Ungleichverteilung dazu, dass in einigen Kitas kaum Kinder sind, die Deutsch sprechen. Die Frage nach der Kitapflicht stellte Kreikebaum, der den Abend federführend moderierte, auch dem Publikum: Mit wenigen Ausnahmen waren alle dafür.

06.07.2026, Köln: Talk zu "Abgehängt in Köln" Serie in Mülheim. OB Torsten Burmester wird mit Leiterinnen von Kitas und Schulen über Bildungsgerechtigkeit und die Trennung von Arm und Reich diskutieren. Foto: Arton Krasniqi

Auch im Publikum waren mit wenigen Ausnahmen alle für eine Kitapflicht.

Auf die Frage zu Beginn, ob es ihn überrasche, dass Köln die am stärksten in arme und reiche Stadtteile getrennte Millionenstadt ist, wurde Burmester grundsätzlich: „Ja, es gibt soziale Ungerechtigkeit in Köln, es gibt sie in Vierteln im Norden und rechtsrheinisch. Politische Aufgabe ist es, sich gegen diese Ungerechtigkeit zu stemmen.“ Eine Trennung in Einrichtungen für Kinder unter und über drei Jahren bestehe bei den 211 Kitas in städtischer Trägerschaft weit überwiegend nicht, in der Regel seien sie gemischt.

Ungleiche Verteilung von Kitaplätzen in Köln

Gleichwohl gebe es eine große Ungleichheit: Während Mülheim und Chorweiler mit einer Quote von unter 50 Prozent deutlich zu kurz kämen, seien andere Stadtbezirke mit Kitaplätzen „überversorgt“. „Da müssen wir ran“, sagte Burmester und erntete Beifall. In seinem Kollegium herrsche Frustration, „weil wir dem Bildungsauftrag kaum nachkommen können“, sagte Christian Redmann-Könen, Leiter der Mülheimer Kita Sonnenstrahlen. Grund sei der Mangel an Geld und Personal. Helfen würde eine Anerkennung der Kita als Bildungseinrichtung durch das Landesjugendamt, denn dann würden Fördermittel fließen. Der Wille der Kolleginnen, „100 Prozent zu geben“, sei groß. In diesem Bemühen „möchten wir gehört und gesehen werden“.

Bei ihren Recherchen waren Kreikebaum und Holler auf die Kita Genovevastraße gestoßen, die nur Kinder ab drei Jahren aufnimmt. 70 Jungen und Mädchen aus 18 Nationen werden hier betreut, allein 28 aus Bulgarien. Sprachlich werden sie gut gefördert, trotzdem werden einige im ersten Schuljahr nicht fließend Deutsch sprechen. Redmann-Könen unterstrich, wie wichtig es sei, dass die Kinder zunächst die eigene Muttersprache gut beherrschen, um sich Deutschkenntnisse aneignen zu können.

Manchen Kindern fehlen Sprachkenntnisse

Die Kitas machten einen „super Job“, sagte Anika Bialk, Leiterin der Grundschule Langemaß in Mülheim, trotzdem fehlten manchen Kindern mangels „Sprachvorbildern“ Kenntnisse. Andrea Badjie, Leiterin der Nelson-Mandela-Hauptschule Buchheim, zeichnete ein gemischtes Bild: Schüler, die in Deutschland zur Grundschule gegangen sind, sprächen gut Deutsch, den Neuzugewanderten mangele es dagegen „oft an Sprachkompetenz“.

Hilfen – auch beim Spracherwerb – gibt es viele, doch wie können Betroffene an sie gelangen? Sich im hiesigen Bildungssystem zurechtzufinden sei schwierig, sagte Julia Wellmann, Sozialraumkoordinatorin im Mülheimer Norden. Sie sprach von einer „komplexen Aufgabe“ mit einigen „Übergängen“, von der Familie zur Kita, dann zur Grundschule und schließlich zur weiterführenden Schule. Hilfreich wäre es, wenn das Jugendamt in der Schule Sprechstunden abhalten würde, sagte Schulleiterin Bialk, denn für viele Eltern sei der Gang zum Amt mit Ängsten verbunden. Andrea Badije begrüßte den Vorschlag: An ihrer Schule mache man bereits gute Erfahrungen mit regelmäßigen Besuchen der Polizei. Dass der Einsatz Künstlicher Intelligenz bei der Arbeit helfen könne, bestätigten alle auf dem Podium.

Diskussion über Änderung des Schulsystems

Sozialdemokrat Jochen Ott, der Ministerpräsident Hendrik Wüst im Landtagswahlkampf herausfordern will, hat angeregt, das Schulsystem umzukrempeln. Im Sinne eines längeren gemeinsamen Lernens solle es künftig nur noch Gymnasien und „Stadteilschulen“ nach Art von Gesamtschulen geben. Das stieß bei Badije auf Ablehnung. Stadtteilschulen wären zu „große Systeme“, in denen „unsere Schüler weiter abgehängt würden".

Zudem funktionierten Gesamtschulen nur, wenn sie je zu einem Drittel von leistungsschwachen, mittleren und leistungsstarken Schülern besucht würden. In benachteiligten Stadtteilen gehe diese Rechnung nicht auf. Stattdessen gelte es, Hauptschulen in ihrer Arbeit zu stärken. Bialk brach eine Lanze dafür, die Grundschulzeit auf sechs Jahre zu verlängern. Und Redmann brachte ins Spiel, in Kitas ein „Chancenjahr“ zur Sprachförderung einzuführen.

06.07.2026, Köln: Talk zu "Abgehängt in Köln" Serie in Mülheim. OB Torsten Burmester wird mit Leiterinnen von Kitas und Schulen über Bildungsgerechtigkeit und die Trennung von Arm und Reich diskutieren. Mit Anika Bialk (Grundschule Langemaß), Christian Redmann-Könen (Kita Sonnenstrahlen), Andrea Badjie (Nelson-Mandela-Hauptschule) und Oberbürgermeister Torsten (v.l.). Moderation von Uli Kreikebaum, Florian Holler.Foto: Arton Krasniqi

An der Podiumsdiskussion nahmen Anika Bialk (Grundschule Langemaß), Christian Redmann-Könen (Kita Sonnenstrahlen), Andrea Badjie (Nelson-Mandela-Hauptschule) und Oberbürgermeister Torsten (v.l.) Teil. Moderiert wurde der Abend von Uli Kreikebaum (ganz rechts) und Florian Holler (ganz links)

Wie Badije hob Burmester den Wert der Hauptschule hervor. „Ich habe lange gedacht, die Gesamtschule sei die Lösung“, sagte er selbstkritisch. „Schulfabriken“ erteilte er eine Absage, dabei befürwortete er das längere gemeinsame Lernen. Zur Sprache kam auch der Einfluss prekärer Wohnverhältnisse auf die Entwicklung der Kinder. Burmester zeigte sich entschlossen, viel für mehr bezahlbaren Wohnraum und den Mieterschutz zu tun.

Thematisiert wurde ebenso die finanzielle Lage der Stadt, die Burmester „verheerend“ nannte. Es komme darauf an, einen genehmigungsfähigen Haushalt vorzulegen, um die Einsetzung eines „Sparkommissars“ der Bezirksregierung zu verhindern, der als Erstes freiwillige Leistungen streichen würde. Maßgabe des unvermeidlichen Sparkurses sei, die Kürzungen rechtzeitig und offen zu kommunizieren und sie sozial ausgewogen und nicht zu Lasten schlechter gestellter Veedel vorzunehmen, so Burmester. Für sozialen Ausgleich sorgten überdies das Startchancen-Programm von Bund und Land, an dem sich die Stadt finanziell beteilige und von dem 76 Kölner Schulen profitieren würden, und die ebenfalls nach einem Sozialschlüssel auf bestimmte Stadtteile verteilten Sozialraumkoordinatoren.

Vielfältig waren die Anmerkungen und Fragen aus dem Publikum. Die Zahl der Kinder in Kitas dürfe nicht zu hoch sein, hieß es, Handys sollten in Kita und Schule tabu sein, für die Umsetzung einer Kitapflicht fehle es an Ressourcen, und die Zusammenarbeit innerhalb der Stadtverwaltung und mit den Trägern müsse besser funktionieren. Andreas Getz vom Therapiezentrum für Kinder mit Förderbedarf sagte, der Vertrag mit der Stadt über die finanzielle Unterstützung sei ohne Vorwarnung gekündigt worden. Zwischendurch bemerkte eine Frau: „Ich finde es toll, dass der Kölner Stadt-Anzeiger das Thema zum Schwerpunkt gemacht hat.“