Telegram, Tiktok, Terrorpläne: Jugendliche radikalisieren sich rasend schnell – und werden auch in NRW zur wachsenden Bedrohung.
Generation DschihadWie Teenager zu Terroristen werden

Der Screenshot eines Propagandavideos der IS-Miliz zeigt voll verschleierte Frauen mit Gewehren: Immer mehr Jugendliche werden im Internet radikalisiert.
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Dünger, Grillanzünder, eine Sturmhaube, ein Messer. Das ist die Ausrüstung, die ein 17-Jähriger in Hamburg zusammengetragen hatte, als Polizei-Spezialkräfte ihn am vergangenen Donnerstag festnahmen. Der Syrer soll einen Terroranschlag geplant haben, inspiriert von der Terrormiliz Islamischer Staat. Laut der Sprecherin der Hamburger Generalstaatsanwaltschaft, Melina Traumann, hatte der Jugendliche mehrere Szenarien durchgespielt: ein Einkaufszentrum, eine Polizeiwache, eine Bar. Die Mittel: Sprengstoff, Molotowcocktail oder Messer. Das Ziel war die Tötung einer unbestimmten Anzahl von „Ungläubigen“.
Siebzehn Jahre alt. Und bereits tief genug in einer Mordphantasie, um sich konkret auf sie vorzubereiten. Der Hamburger Fall ist erschreckend, aber er ist keine Ausnahme. Er ist das jüngste Glied einer langen Kette islamistisch motivierter Anschlagsplanungen, die sich in den vergangenen Jahren quer durch Deutschland zieht. Ihre Besonderheit ist immer wieder dieselbe: Die Täter sind Jugendliche. Manche sind noch keine 15. Und viele von ihnen kommen aus Nordrhein-Westfalen.
Die Telegram-Attentäter
Ostern 2024 werden drei Jugendliche in NRW festgenommen – eine 15-Jährige aus Düsseldorf, ein 15-Jähriger aus dem Kreis Soest, eine 16-Jährige aus dem Märkischen Kreis. Ihnen wird vorgeworfen, im Namen des Islamischen Staates einen Terroranschlag vorbereitet zu haben. Auf die Gruppe kommen die Staatsschützer über die 16-jährige Martha M. aus Iserlohn, die Ausreisepläne zum IS hegt. Über die Auswertung ihrer Handy-Chats stoßen sie auf Mitstreiter. Darunter einen weiteren Jugendlichen aus Baden-Württemberg sowie mutmaßliche Komplizen aus München und der Schweiz.
Die Chatgruppe diskutiert Anschläge auf Polizeistationen, Kirchen und Synagogen in Köln, Düsseldorf, Dortmund und Iserlohn. Geplante Tatmittel: Molotowcocktails, Messer, Schusswaffen. Bei Durchsuchungen in Düsseldorf stellen Beamte eine Machete und einen Dolch sicher. Der Vater der Düsseldorferin soll zuvor bereits IS-Spendengelder gesammelt haben. NRW-Innenminister Herbert Reul zeigt sich entsetzt – und gibt zugleich bekannt, die Terrorpläne seien „schnell und zielgerichtet durchkreuzt“ worden. Im März 2025 verurteilt das Landgericht Düsseldorf alle drei wegen Verabredung zum Mord zu je drei Jahren Haft.
Der Weihnachtsmarkt
Es war nicht das erste Mal, dass ein Weihnachtsmarkt in NRW zum Ziel wurde. Im November 2023 nehmen Ermittler einen 15-jährigen Deutsch-Afghanen aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis und einen 16-Jährigen aus Brandenburg fest. Ihr Plan: einen mit Gasflaschen gefüllten Kleinlaster auf dem Weihnachtsmarkt in Leverkusen-Opladen hochgehen lassen, Anfang Dezember. Der 15-Jährige hat sich bereits Benzin beschafft. Nach dem Anschlag planen die Jugendlichen auszureisen, um sich dem IS anzuschließen.
Zwei Jahre zuvor, 2021, hatte ein 16-jähriger syrischer Schüler einen Sprengstoffanschlag auf eine Synagoge in Hagen vorbereitet. Er kam mit einer Bewährungsstrafe davon – die Richter befanden, er habe noch keine konkreten Maßnahmen ergriffen.
Der 14-Jährige und Tiktok
Im Dezember 2025 gerät ein 14-jähriger Schüler aus Köln ins Visier der Staatsschützer. Emirhan A. soll einen Anschlag auf einen Kölner Weihnachtsmarkt geplant haben. Auf seinem Tiktok-Account finden sich IS-verherrlichende Videos. Den Treueschwur auf den selbsternannten IS-Kalifen kommentiert er mit den Worten: „Bevor es zu spät ist.“
Das Bundesamt für Verfassungsschutz liefert entscheidende Hinweise. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt wegen des Verdachts der Verbreitung verfassungswidriger Propagandamittel. Der Jugendliche wird vorläufig in Gewahrsam genommen. Ein Staatsschützer sagt: „Wir nehmen den Vorgang sehr ernst, sind vermutlich gerade noch rechtzeitig gekommen.“
Das Messer in Essen
Dann, Frühjahr 2025, ein Berufskolleg in Essen. Ein 17-jähriger Kosovare attackiert eine Lehrerin mit einem Messer. Sie überlebt schwer verletzt. Auf den Datenträgern des Tatverdächtigen finden Ermittler Videos, deren Inhalt die Staatsanwaltschaft veranlasst, die Zentralstelle für Terrorismusbekämpfung einzuschalten. Reul sagt im Innenausschuss: „Hinweise auf einen islamistisch motivierten Hintergrund verdichten sich.“
Der Generalbundesanwalt prüft eine Übernahme des Verfahrens. Pikant: Dem Staatsschutz war der Jugendliche nicht bekannt – obwohl er seit 2023 wegen Bedrohung, Waffendelikten und gefährlicher Körperverletzung polizeilich aktenkundig war.
Nicht nur Islamismus
Die Bedrohung durch jugendliche Extremisten beschränkt sich nicht auf den islamistischen Terrorismus. Im Mai 2025 geht der Generalbundesanwalt gegen eine mutmaßliche rechtsextreme Terrorzelle vor: die „Letzte Verteidigungswelle“, gegründet spätestens im April 2024, fünf Verdächtige im Alter von 14 bis 18 Jahren, zwei davon aus Südbrandenburg. Die Gruppe soll Anschläge auf Geflüchtete und politisch Andersdenkende geplant haben.
Bereits im Sommer 2023 war ein 13-jähriger Kölner Neonazi aufgefallen, der Bombenanschläge auf ein Asylheim plante und Anleitungen zum Bau von Sprengsätzen in einschlägige Chatgruppen postete. Da er strafunmündig war, blieb als einzige Option die Unterbringung in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung. Auch dort rückte er laut Ermittlern nicht von seinen Terrorfantasien ab.
Digitale Radikalisierung als Systemfehler
Was alle islamistischen Fälle verbindet: das Smartphone. Der NRW-Verfassungsschutzbericht bringt es auf den Punkt: „Extremismus wird jünger und digitaler.“ Islamistische Influencer erreichen auf Tiktok Millionen Aufrufe. Die Algorithmen spielen radikale Inhalte in die Feeds von Kindern, die noch in der Schule sitzen. Aus Neugier wird Sympathie, aus Sympathie Überzeugung. Und daraus in erschreckend kurzer Zeit konkrete Gewaltbereitschaft. Laut einer Studie des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg war jede fünfte Person, die zwischen 2016 und 2022 in Deutschland islamistisch motivierte Terroranschläge vorbereitete oder durchführte, noch keine 18 Jahre alt.
Im NRW-Lagebild Islamismus ist von einem neuen „Lifestyle-Gefühl“ die Rede: Es sei zunehmend „schick“, Dschihadist zu sein: als Mittel der Abgrenzung, der Identitätssuche, der Zugehörigkeit. Was früher Monate oder Jahre dauerte und physische Netzwerke erforderte, vollzieht sich heute in Wochen – in Kinderzimmern, auf Schultoiletten, im Bus.
Die blinden Flecken
Der Essener Fall mit der niedergestochenen Lehrerin zeigt, wo die Lücken sind. Ein Jugendlicher, mehrfach polizeilich auffällig – und doch nicht auf dem Radar des Staatsschutzes. Das sei kein Versagen eines einzelnen Beamten, heißt es in Sicherheitskreisen. „Es ist das Problem einer Sicherheitsarchitektur, die mit dem Tempo digitaler Radikalisierung nicht Schritt hält.“ Die Vernetzung zwischen Jugendhilfe, Schulen, Polizei und Verfassungsschutz bleibe „viel zu oft noch an entscheidenden Stellen löchrig“.
Die Jugendlichen, die in Düsseldorf, Leverkusen, Essen und Köln auffielen, sind verurteilt, in Haft oder unter Beobachtung. Der Hamburger Syrer sitzt fest. Aber die Bedingungen, die sie hervorgebracht haben – die Plattformen, die Algorithmen, die Ideologie, die ungehindert durch Kinderzimmer fließt – bestehen weiter. Weitgehend ungebremst.
