Runder Tisch zu Verschickungskindern in NRW gegründet„Wir wollen wissen, wer die Profiteure dieses Systems waren“

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Das undatierte Handout zeigt Kinder beim Tanzen in einem Kurheim in Bad Dürrheim im Jahr 1959.

Das undatierte Handout zeigt Kinder beim Tanzen in einem Kurheim in Bad Dürrheim im Jahr 1959 (Symbolbild)

Der Runde Tisch zu Verschickungskinder kam am Dienstag erstmals in Düsseldorf zusammen. Mit dabei ist auch Detlef Lichtrauter, der selbst vor 50 Jahren Opfer wurde. 

Herr Lichtrauter, zwischen 1950 und 1990 wurden mehrere Millionen Kinder zu angeblichen Therapiezwecken in sogenannte Verschickungsheime gesteckt und haben dort teils brutale psychische und körperliche Misshandlung erfahren. Am Dienstag kam in Düsseldorf erstmals ein Runder Tisch zusammen, der die Geschehnisse aufarbeiten soll. Mit dabei sind auch die Nachfolger der mutmaßlich verantwortlichen Täter-Organisationen. Wie ist das Treffen verlaufen?

Detlef Lichtrauter: Es war ein guter erster Aufschlag mit gegenseitiger Wertschätzung. Alle Seiten haben ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit gezeigt. Was wir aber festgestellt haben: Der Stand der Aktenfunde und der Aufarbeitung ist in den einzelnen Organisationen sehr unterschiedlich.

Wer genau sitzt in der Runde?

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Mitarbeiter des NRW-Gesundheitsministeriums, zwei Vertreter unseres Vereins Aufarbeitung Kinderschickungen NRW, die zugleich Betroffene sind, und was besonders wichtig ist: die Nachfolger der etwa 18 damals verantwortlichen Trägerorganisationen. Darunter Caritas, Diakonie, das evangelische und das katholische Büro, mehrere Orden, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der Landschaftsverband Rheinland, kommunale Spitzenverbände, Krankenkassen und die deutsche Rentenversicherung. Sie alle waren am damaligen System beteiligt. Die Ausmaße waren riesig. Bundesweit sind zehn bis zwölf Millionen Kinder verschickt worden, allein in NRW waren es laut einer ersten Studie, die letztes Jahr vorgelegt wurde, 1,8 Millionen Kinder.

Verschickungsheim Bonn-Oberkassel: „Erbrochenes musste aufgegessen werden“

Sie sind einer der beiden Betroffenen, die am Runden Tisch teilnehmen. Was ist Ihnen und den anderen Kindern in den Heimen widerfahren?

Ich wurde 1973 als Zwölfjähriger für sechs Wochen in das berüchtigte Kindersanatorium Bernward in Bonn-Oberkassel geschickt. Dort haben wir sämtliche Formen psychischer und physischer Gewalt erfahren. Wir wurden geschlagen und haben Psychopharmaka bekommen. Bettnässer bekamen Spritzen mit destilliertem Wasser in den Po und den Rücken gerammt. Wir hatten Redeverbot, Toiletten durften nur zu bestimmten Zeiten benutzt werden. Wir wurden gezwungen zu schlafen und zu essen. Das ging so weit, dass auch Erbrochenes aufgegessen werden musste. Der Leiter unseres Hauses war zudem ein Päderast. Man hat in seinen Privaträumen Aufnahmen mit eindeutig pädophilem Inhalt gefunden.

Mit welchem Ziel wurden die Kinder überhaupt in die Heime verschickt?

Vordergründig ging es darum, gesundheitlich angeblich angeschlagene Kinder aufzupäppeln. Auslöser war häufig die Schuleingangsuntersuchung. Dort wurde festgestellt, dass die Kinder beispielsweise zu blass waren. Um dem ganzen einen medizinischen Anstrich zu geben, wurde das als Anämie, also Blutarmut, bezeichnet. Andere Diagnosen waren schlaffe Körperhaltung oder ein reduzierter Allgemeinzustand. Nach Studium der etwa 7000 Berichte von Betroffenen hat sich eine klare Tendenz abgezeichnet: In den meisten Fällen lag keine medizinische Indikation vor. Der Kurerfolg wurde in Kilogramm gemessen. Damit wir zunehmen, bekamen wir insbesondere fettreiches Essen. Außerdem wurden wir vor die Höhensonne gesetzt, damit wir am Ende der Kur ein frisches, gebräuntes Aussehen vorweisen konnten.

Wie konnte ein solch menschenverachtendes System über 40 Jahre aufrechterhalten werden?

Gerade in den 1960er und 1970er Jahren gab es eine regelrechte Verschickungsindustrie. Kontrollorgane wie Gesundheits- und Sozialämter haben komplett versagt. Wie es zu einem solchen flächendecken Versagen kommen konnte, ist eine der zentralen Fragen, die uns der Runde Tisch beantworten soll.

Die meisten Täterinnen und Täter sind tot

Gab es in dieser Sache jemals Strafverfahren?

Davon ist mir nichts bekannt. Einige wenige Kinder hatten sich den Eltern anvertraut. Die haben sich dann an die Krankenkassen und Gesundheitsämter gewendet. Aus den wenigen Akten, die es dazu gibt, geht hervor, dass die Verantwortlichen gezielt die Glaubwürdigkeit der Kinder infrage gestellt haben. Es hieß, sie seien besonders phantasiebegabt. Man stünde in regelmäßigem Austausch mit den Heimen und dort sei alles in Ordnung. Alles, was passiert ist, erfüllte schon damals den Tatbestand von Straftaten. Es wird uns oft entgegengehalten, dass in den 1950er und 1960er Jahren ja noch ein anderer Erziehungsstil vorherrschte. Das ist zwar richtig, aber wir reden hier von dauerhaft angewandter Gewalt, schwersten Misshandlungen und schwarzer Pädagogik.

Gibt es Verantwortliche, die man juristisch noch zur Rechenschaft ziehen könnte?

Wir gehen davon aus, dass die meisten Täterinnen und Täter bereits tot sind.

Die Taten haben die Schicksale von Millionen Kindern geprägt. Mit welchen Langzeitfolgen haben Sie in Ihrem Leben zu kämpfen?

Die Langzeitfolgen zeigen sich bei den Betroffenen in allen möglichen psychsomatischen Krankheitsbildern: Depressionen, Angst- und Beziehungsstörungen, die Unfähigkeit, Freundschaften aufrecht zu erhalten, Alkoholismus. Ich selbst war lebenslang eingeschüchtert und hatte ein extremes Obrigkeitsdenken, da der Leiter unseres Hauses ein extremer Choleriker war. Einige Betroffene waren laut der Berichte erwerbsunfähig oder wurden frühverrentet.

„Sollte das nicht geschehen, wird es mit uns keine Versöhnung geben.“

Wie zufrieden sind Sie mit dem Engagement des Landes NRW?

NRW gehört nach Baden-Württemberg zum ersten Bundesland, das sich dieser Sache politisch angenommen hat. Inzwischen sind wir federführend. Das Gesundheitsministerium hat recht schnell eine Arbeitsgruppe gebildet, die unseren Verein unterstützt. Dadurch waren wir in der Lage, das auf vier Jahre angesetzte Citizen-Science-Projekt zur Aufarbeitung zu starten. Bundespolitisch sieht es leider nicht ganz so gut aus.

Was meinen Sie?

Da hakt es an allen Ecken und Enden. Es hat allein zwei Jahre gedauert, um Zuständigkeiten zu klären. Bis heute weigert sich das Bundesfamilienministerium, eine bundespolitische Verantwortung für die Aufarbeitung zu übernehmen. Es wird auf die Länder abgeschoben. Aber wir werden nicht aufhören, Druck auszuüben.

Jetzt aber ist erstmal NRW dran. Welches Ergebnis erwarten Sie vom Runden Tisch?

Eine trägerfinanzierte, wissenschaftliche und vor allem unabhängige Aufklärung zur Kinderverschickung. Es reicht uns nicht, wenn etwa die evangelische und katholische Kirche Mitarbeiter in die Archive schickt und die uns dann sagen, sie hätten nichts gefunden. Wie das läuft, haben wir in anderen Fällen ja erlebt. Wir erwarten Antworten auf die Fragen nach den Ursachen von Gewalt und der systematischen Anwendung von schwarzer Pädagogik. Wir erwarten die Aufdeckung von Verantwortlichkeiten. Wir wollen wissen, wer die wirtschaftlichen Profiteure dieses Systems waren. Als Wiedergutmachung stellen wir uns die Einrichtung eines Fonds vor, aus dem heraus Therapieangebote für Langzeiterkrankte finanziert werden.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass man Ihren Forderungen entsprechen wird?

Das werden wir jetzt sehen. Klar aber ist: Sollte das nicht geschehen, wird es mit uns keine Versöhnung geben.

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