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Jüdischer FriedhofLeverkusener Pfadfinder pflegen Grün – Reifenhändler nebenan baut Halle

5 min
Der Davidstern am Eingang zum jüdischen Friedhof

Der Davidstern am Eingang zum jüdischen Friedhof

Auf und neben dem jüdischen Friedhof in Opladen gibt es in diesen Tagen viele Veränderungen.

Wer auf der Westseite des jüdischen Friedhofs in Opladen nahe der Mauer steht, hat den Geruch von Autoreifen in der Nase. Hinter der mehr als mannshohen Mauer ist auf dem Eckgrundstück Kölner Straße/Robert-Blum-Straße seit Jahrzehnten ein regionaler Reifenhändler angesiedelt. Dessen Gelände ist zur Robert-Blum-Straße umzäunt. Große Container eines münsterländischen Entsorgungsunternehmers stehen auf dem Areal. Ein Bagger ist mit Abrissarbeiten beschäftigt. 

So weit, so gut, der Abriss neben dem jüdischen Friedhof eröffnet ja die Chance auf etwas Neues. Was da entsteht, erläuterte Marc Johann, Inhaber und Geschäftsführer von Premio Reifen Johann, im Gespräch mit dem „Leverkusener Anzeiger“. Anstelle einer alten Halle soll eine neue gebaut werden. Die mehr als mannshohe Mauer, die das Betriebsgelände vom jüdischen Friedhof trennt, sei von dem Abriss nicht berührt und werde stehen bleiben.

Das ist von Bedeutung für den Friedhof, wie bei einem Besuch des Totenackers anlässlich der jährlichen Grünpflegearbeiten deutlich wird, die der Leverkusener Pfadfinderstamm Orion seit vergangenem Jahr für den jüdischen Verein Davidstern übernimmt.

Abbrucharbeiten auf einem Firmengelände

Auf dem Gelände des Reifenhändlers laufen Abbrucharbeiten. Im Hintergrund sind die Kastanien zu sehen, die vor dem Eingang zum jüdischen Friedhof stehen.

Denn, so erläutern die Pfadfinder, der städtische Gedenkstein aus dem Jahr 1968 ist an die Mauer zum Reifenhändler angelehnt. Die Pfadfinder hatten im Oktober 2025 erstmals die Grünpflege auf dem Friedhof erledigt. Pfadfinder Burkhard Hinz erklärt: „Viele der Mitglieder des Vereins sind betagt und können die Wege selbst und das Grün um die Gräber selbst nicht mehr pflegen.“ Da sprangen die Pfadfinder ein. 

Der Gedenkstein lehnt an der Mauer zum Gelände des Reifenhändlers.

Der Gedenkstein lehnt an der Mauer zum Gelände des Reifenhändlers.

Sie stutzten auch am Mittwoch wieder die Weißbuchenhecke, die den Sichtschutz zur Robert-Blum-Straße bildet, mähten das Gras auf den Wegen und befreiten die Grabeinfassungen von allerlei Unkraut. Man sei in sehr gutem Kontakt zum jüdischen Verein, der zur jüdischen Gemeinde Düsseldorf gehört, so Hinz. „Kürzlich bekamen wir eine Einladung zum jüdischen Neujahrsfest.“ Das fiel in diesem Jahr auf Mitte September.

Der jüdische Friedhof an Opladens Nordrand existiert seit den 1830er Jahren. Der Kaufmann Samuel Seckel erwarb 1830 das Grundstück, damit die jüdische Gemeinde hier einen Friedhof einrichten konnte, berichtet der Bergische Geschichtsverein. Der Friedhof zählt damit zu den ältesten auf Leverkusener Stadtgebiet, die noch in Betrieb sind. In vielerlei Hinsicht ist er aber völlig anders als die anderen Friedhöfe in der Stadt. Das hat mit der jüdischen Begräbniskultur zu tun. Und mit dem Holocaust.

In Deutschland hat sich seit der Romantik das Schönheitsideal für christliche und kommunale Friedhöfe durchgesetzt, dem auch viele Friedhöfe in der Stadt sehr entsprechen: Eine parkähnliche Anlage mit hohen alten Bäumen und mit Pflanzen und Blumen geschmückten Gräbern gilt als schön und den Toten angemessen. Damit sie in diesem Sinn schön aussieht, muss sie gepflegt werden. Die Totenruhe ist ein zentraler Aspekt, aber wer eine Grabstätte von der Stadt oder Gemeinde pachtet, tut das in aller Regel für einen begrenzten Zeitraum. Die Ruhefristen sind meist auf 30 oder 40 Jahre begrenzt, wenn auch verlängerungsfähig. 

Menschen arbeiten auf einem jüdischen Friedhof.

Die Pfadfinder richteten den jüdischen Friedhof am Mittwoch her.

Ein jüdischer Begräbnisort dagegen kommt ohne Pflanzen- und Blumenschmuck auf den Gräbern aus. Die neueren Gräber auf dem jüdischen Friedhof an der Robert-Blum-Straße haben als Grababdeckung alle eine Natursteinplatte. Auch Besucher und Besucherinnen des Friedhofs bringen keine Blumengestecke mit oder zünden Kerzen an. Stattdessen steht rechts am Tor zum Friedhof ein kleiner Behälter mit Kieselsteinen. Wer mag, nimmt einen Stein und legt ihn auf das Grab eines Freundes oder Angehörigen – zum Zeichen, dass er da war. Zeichen der Vergänglichkeit, schiefstehende Grabsteine zum Beispiel, oder verwitternde Inschriften, werden bewusst zugelassen. Die Totenruhe gilt ewig. Jüdische Begräbnisstätten dürfen nicht mehr angerührt werden. 

Ein Behälter mit kleinen Steinen am Eingang

Ein Behälter mit kleinen Steinen am Eingang

Das war den Nazis egal. Sie schändeten auch den Opladener Friedhof und es ist nur dem Mut eines Opladener Bürgers zu verdanken, der mit dem Abräumen der Grabmale beauftragt war, dass 20 von ihnen, einige davon aus dem 19. Jahrhundert, erhalten blieben. Er vergrub sie, anstatt sie zu zerstören, und erhielt sie so der Nachwelt. Auf zwei städtischen Stelen sind die Namen aller vermerkt, von denen man weiß, dass sie bis 1991 auf dem jüdischen Friedhof begraben wurden. 71 Namen stehen darauf.

Eine weitere Stele nennt die Namen aller Jüdinnen und Juden aus Leverkusen, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungen und Ermordungen wurden. Hier sind 45 Namen verzeichnet, versehen mit dem Ort ihres Todes, soweit das bekannt ist. Der Jesaja-Vers, der die Stele ziert, betont, dass die Erinnerung an sie nicht aufhört: „Denen will ich in meinem Hause ein Denkmal geben, einen ewigen Namen“.

Der Bayer-Chemiker Leo Rosenthal war 1939 für viele Jahrzehnte der letzte, der auf dem Friedhof beerdigt wurde. Schüler und Schülerinnen des Landrat-Lucas-Gymnasiums hatten sein Schicksal im vergangenen Jahr recherchiert. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es viele Jahre lang kein weiteres Begräbnis an der Robert-Blum-Straße. Seit 1999 steht der Friedhof als Ganzes auf der städtischen Denkmalliste.

Erst 2007 kommt es zu einem – allerdings wiederum für fast ein Jahrzehnt einzigen – neuen Begräbnis. Der frühere Bibliothekar der Knesset, Kurt Shimon Wallach, der in den 1950er Jahren nach Deutschland zurückgekehrt war, lässt sich hier begraben. Er ist ein Urenkel von Samuel Seckel, wie auf dem Grabstein vermerkt ist. 

2015 und 2016 hat es drei weitere Beerdigungen auf dem Leverkusener jüdischen Friedhof gegeben. 

In der ersten Fassung des Artikels hatten wir irrtümlich geschrieben, dass das Geschäft des Reifenhändlers geschlossen sei. Wir haben die entsprechende Passage korrigiert.