Die Stadt Leverkusen möchte möglichst barrierefrei sein. In einigen Straßen stehen jedoch eingeschränkten Menschen Hindernisse im Weg.
Barrierefreiheit in LeverkusenDie Barriere sitzt „im Kopf“ – und auf dem Gehweg

Andreas Hollstein kommt in einigen Straßen in Leverkusen nicht mehr am Gehweg durch.
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Eigentlich ist es ist kein weiter Weg, den Andreas Hollstein zurücklegen muss, nur vom Leverkusener Forum bis zur Friedlieb-Ferdinand-Runge-Straße. Seit 2008 ist Hollstein auf sein dreirädriges Elektrogefährt angewiesen, ein schwerer Motorradunfall musste er alles neu lernen. Laufen, Besteck halten, essen.

Andreas Hollstein ist Leverkusens Inklusionsbeauftragter.
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Ein Dreivierteljahr verbrachte er im Krankenhaus und in der Reha. „Man wurde einfach aus dem Leben weggenommen“, sagt er. Heute ist er mit seinem dreirädrigen Gefährt – das Gehen ist nicht möglich – weitgehend mobil und unabhängig. In der Fußgängerzone, auf dem Radweg, auf der Straße. „Ich bin unabhängig von Bus und Bahn, komme selbst von Stadtteil zu Stadtteil. Das funktioniert.“
Hindernisse als Alltag
Doch eben voller Hindernisse. Als Hollstein durch die zuvor erwähnte Friedlieb-Ferdinand-Runge-Straße in Wiesdorf fährt, kommt er auf dem Gehweg nicht durch. Zu viele Autos parken halb auf dem Bürgersteig, versperren den Weg. Mit seinem Gefährt ist der Gehweg nicht breit genug. Hier hätten auch Rollstuhlfahrer, Rollatoren oder Kinderwagen ihre Probleme. Das gleiche Bild bietet sich auf der gegenüberliegenden Seite. Hollstein muss also auf die Straße ausweichen. „Auf der Straße werde ich dann öfters einfach weggehupt und beleidigt. Aber ich fahre einfach weiter. Mich tangiert es mittlerweile nicht mehr. Aber es ist einfach sehr schade.“
Zwei Anwohner gehen ebenfalls am Weg entlang, sie kennen das Problem in ihrer Straße. Täglich, sagen sie, sei es dasselbe: Wer hier zu Fuß unterwegs sei, müsse sich seinen Weg erkämpfen. Die geparkten Autos machen den Gehweg auf beiden Seiten zeitweise unpassierbar. „Ich würde mir wünschen, dass man einfach hingeht und sagt: eine Seite parken, andere Seite nicht“, sagt Hollstein. „Dass wenigstens auf einer Seite gesichert ist, dass Fußgänger, Kinderwagen, Leute am Stock und Rollstuhlfahrer durchkommen.“
Sein Dreirad musste Hollstein selbst kaufen. Es ist symptomatisch. „Ich wollte nach draußen und in Bewegung sein – wie früher, als ich noch Motorrad gefahren bin.“ Die Krankenkasse, so berichtet er, habe gezögert. Ein Jahr sei er auf einem einfachen Rollstuhl unterwegs gewesen, weil die Bewilligung ausblieb. Das Problem der versperrten Gehwege beschränkt sich derweil nicht auf die Friedlieb-Ferdinand-Runge-Straße, erzählt Hollstein. „Es gibt mehrere Straßen“, sagt er. „In Lützenkirchen, auf der Friedenstraße – das ist dasselbe. Auf der Hauptstraße ist es teilweise auch ziemlich eng.“
Barrieren sorgen für Frust
Was ihn dabei am meisten frustriert, ist nicht das Parken selbst, sondern das Prinzip dahinter: „Es wird immer von den Betroffenen angesprochen, Anträge müssen geschrieben werden, monatelang muss man dahinter stehen – und dann wird es eventuell umgesetzt, wenn man viel Glück hat. Meistens wird es vergessen oder ein Teil wird umgesetzt, der zweite Teil wird gar nicht mehr angegangen.“
Sein Wunsch an die Stadt ist ein anderer: „Ich würde mir wünschen, dass das über die TBL und die ganzen Behörden, die bauen und umbauen, direkt mit integriert wird. Dass man wenigstens Leute einbezieht und vorher fragt – den Behindertenbeirat, die Inklusionsgruppen, egal wen. Aber dass man überhaupt fragt.“ Und er fügt hinzu: „Wir bauen zum Beispiel Spielplätze für Kinder, die leider auch nicht barrierefrei sind. Das ist glaube ich nur ein einziger in ganz Leverkusen, der das ist.“
Die Barrieren hingegen, davon ist Hollstein überzeugt, sitzen nicht nur im Asphalt. „Sehr oft denke ich, dass die Leute sich gar nicht in die Lage reinversetzen können. Das ist das größte Problem – und dadurch wird der Mensch gar nicht wahrgenommen.“ Er erinnert sich an einen Informationsstand der Inklusionsgruppe, bei dem die meisten Passanten einen großen Bogen machten. „Die haben so eine Panik gehabt. Die Barriere zwischen den Menschen ist einfach zu groß – und es beschäftigen sich zu wenig Leute damit. Viele denken gar nicht daran, dass sie selbst in ganz kurzer Zeit in so einer Situation sein können.“
Stadtverwaltung reagiert
Die Antwort der Stadt auf diese Realität ist so ausführlich wie ernüchternd. Grundsätzlich, teilt die Verwaltung mit, sei das Parken auf Gehwegen gemäß Paragraf 12 der Straßenverkehrsordnung verboten – es sei denn, eine entsprechende Beschilderung oder Bodenmarkierung erlaube es ausdrücklich. Genau das ist in der Friedlieb-Ferdinand-Runge-Straße der Fall: Über den gesamten Straßenverlauf ist das halbseitige Gehwegparken seit Jahren angeordnet und markiert. Begründung: Den Anwohnern fehle es weitgehend an privaten Stellplätzen. Die Voraussetzungen der Straßenverkehrsordnung seien damit erfüllt.
Dass das mit den Anforderungen an Barrierefreiheit kollidiert, ist der Stadt durchaus bewusst. „Das Parken auf Gehwegen stellt nicht nur Leverkusen vor erhebliche Herausforderungen, insbesondere im Spannungsfeld zwischen Parkraumnot, verkehrsrechtlichen Vorschriften und der notwendigen Barrierefreiheit“, heißt es in der Stellungnahme.
Bei den Parkmöglichkeiten in der genannten Straße handele es sich um „Altbestand“, der „aufgrund der angespannten Parksituation im gesamten Siedlungsbereich bislang nicht prioritär aufgegriffen wurde“. Beschwerden wegen mangelnder Barrierefreiheit lägen der Verwaltung aus den vergangenen Jahren, außer vereinzelten Fällen, nicht vor.
Verwaltungsroutine. Die trifft eben auf Menschen, die täglich mit den Folgen leben. Die neuen Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrsordnung, die 2025 in Kraft traten, schreiben eigentlich vor: Gehwegparken darf nur zugelassen werden, wenn „genügend Platz für den unbehinderten Verkehr von Fußgängern, gegebenenfalls mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrern auch im Begegnungsverkehr“ bleibt.
Hollstein mit Appell an die Stadt
Wie viel Platz das konkret bedeutet, bleibt jedoch Auslegungssache: „Für die Beurteilung des unbehinderten Verkehrs sind die Länge der Verengung, das Verhältnis der für das Parken auf Gehwegen in Anspruch genommenen zur gesamten Gehwegfläche, die Dichte des Gehwegverkehrs und die Ausweichmöglichkeiten zu berücksichtigen.“ Weiterhin sei eine „Gesamtwürdigung der jeweiligen Umstände“ stets erforderlich. Ein Spielraum, den die Stadt Leverkusen nach eigener Aussage nutzt – und der Hollstein auf die Straße zwingt.
Immerhin: Kontrolliert wird. Die Verkehrsüberwachung sei regelmäßig in der Friedlieb-Ferdinand-Runge-Straße im Einsatz, teilt die Stadt mit. Im laufenden Jahr 2026 wurden dort bereits 249 Parkverstöße festgestellt und geahndet. Bei gravierenden Behinderungen des Gehwegs würden auch Abschleppmaßnahmen eingeleitet. Langfristig erarbeite man Konzepte zum Umgang mit Gehwegparken. Altbestand jedoch sei „lediglich sukzessive im Rahmen von Neuplanungen und Sanierungen“ anzupassen. Wann das in der Friedlieb-Ferdinand-Runge-Straße der Fall sein wird, lässt die Stadt offen.
Hollstein wartet nicht auf Konzepte. Sein Appell ist so einfach wie er grundlegend ist: „Ich würde mir wünschen, dass jeder, der über Baumaßnahmen zu entscheiden hat, vorher einige Wochen in einem Rollstuhl sitzt und durch die Gegend fahren muss. Damit er mal erlebt, wie schwer das ist. Ich glaube, dann würden auch die Barrieren im Kopf fallen.“ Sein Schlusswort: „Wenn man es richtig macht, einmal von vorne anfängt und direkt richtig baut, braucht man es nur einmal.“


