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Keine EM wegen russischen Athleten?Frust bei Leverkusens Para-Athleten über Absage

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Léon Schäfer bei der Para-Leichtathletik-WM in Neu Delhi

Léon Schäfer bei der Para-Leichtathletik-WM in Neu Delhi

Die Para-Leichtathletik-EM ist abgesagt. Bei Sportlern vom TSV Bayer 04 sorgt das für viel Frust. Die Gründe für das Aus sind vielfältig. 

Frust. Enttäuschung. Machtlosigkeit. Das ist der Gefühlszustand vieler Athleten angesichts des Aus der Para-Leichtathletik-EM, die in diesem Jahr hätte stattfinden sollen. Der Weltverband World Para Athletics (WPA) hatte die Suche nach einem Ausrichter unter der Woche ohne Erfolg beendet. Beim TSV Bayer 04 Leverkusen, einem der erfolgreichsten und größten Sportvereine Deutschlands, löst das unter den Beteiligten Wut und Frustration aus.

Leverkusener Athleten sind sauer

„Es heißt immer wieder, dass sich kein Ausrichter gefunden hatte. Das Paralympische Komitee und die Veranstalter haben keinen Nenner gefunden. Das ist unfassbar hart zu hören. Andere Kontinente schaffen es doch auch“, sagt die Para-Athletin Nele Moos im Gespräch mit dieser Redaktion. Die in Duisburg geborene Athletin trainiert seit 2018 beim TSV Bayer 04; 2023 holte sie bei der WM im Weitsprung Bronze, 2024 bei den Paralympischen Spielen in Paris Silber. „Das ist ein Riesenrückschritt. Ich war sauer. Es ist unfassbar frustrierend“, erklärt die 24-Jährige. Und weiter: „Die EM ist eine Plattform und ein Moment, wo wir gesehen werden. Ich als Athletin mache meine Arbeit, keine Ahnung was die ‚hohen Tiere' dort machen. Anscheinend nichts, das ist zumindest das, was uns widergespiegelt wird.“

Mittlerweile habe sie sich damit abgefunden: Es gebe noch weitere Wettkämpfe, auf die man sich freuen könne. Doch mit der Absage wird den Athleten eine Bühne entrissen, das macht sie unmissverständlich klar: „Wir Para-Athleten haben ohnehin Schwierigkeiten, in der Gesellschaft gesehen zu werden. Wenn dann einem diese Bühne genommen wird, ist das ein Schlag in die Fresse.“

Nele Moos vom TSV Bayer 04 freut sich über ihre Silbermedaille.

Nele Moos vom TSV Bayer 04 freut sich über ihre Silbermedaille.

Seit 2021 hat es in Europa keine Meisterschaft mehr gegeben. Besserung ist nicht in Sicht. Auch Léon Schäfer, seit 2011 beim TSV Bayer 04 und Gewinner zahlreicher Medaillen im Weitsprung sowie im Sprint, äußerte sich: „Dass in diesem Jahr wieder keine EM in der paralympischen Leichtathletik stattfindet, ist ein Desaster. Wir Athleten sind jedes Jahr bereit, an den Start zu gehen und zu zeigen, was wir drauf haben. Doch leider zeigt sich immer wieder, wo der paralympische Sport in Sachen Organisation immer noch steht. Immer nur alle zwei Jahre einen Saison-Höhepunkt in Form einer WM zu haben, ist sehr schade.“

Schäfer blickt besorgt auf die Jugend

Der 28-Jährige spricht wie Moos von einer Möglichkeit, die den Athleten weggenommen wird: „Uns wird eine Bühne genommen, uns zu zeigen. Da hängt sehr viel dran. Zum Beispiel Fördergelder oder Sponsorenverträge. Wir können ohne eigenes Verschulden in diesem Jahr keine Sichtbarkeit bei einem internationalen Höhepunkt und damit auch keine Medaillen vorweisen. Und natürlich wäre eine EM ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu den Paralympics in zwei Jahren in L.A. gewesen.“

Schäfer nimmt zudem die jüngeren Sportler in den Blick, die auf einer großen internationalen Bühne noch keine Erfahrungen gesammelt haben. „Für sie ist die Absage sehr bedauerlich. Eine EM ist eine sehr gute Bühne, um sich zu zeigen und erste Erfahrungen zu sammeln. Weil die Leistungsdichte einfach nicht so groß ist wie bei einer WM. Diese Chance wird ihnen nun genommen.“

Doch warum? Ein Blick hinter die Kulissen legt eine Antwort nahe. Das International Paralympic Committee (IPC) mit Sitz in Bonn war eine der Instanzen, die die Rückkehr russischer Para-Athleten befürworteten und möglich machten. Zuvor waren diese aufgrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine, der nach wie vor andauert, nicht zugelassen. Bei den Paralympischen Winterspielen in Italien dankten die Athleten öffentlich dem russischen Präsidenten Wladimir Putin für ihren Erfolg. IPC-Präsident Andrew Parsons befürwortete zudem die Rückkehr russischer Athleten bei den Paralympischen Sommerspielen in den USA 2028. Hinzu kommt: Auch russische Soldaten, die im Krieg gegen die Ukraine verletzt wurden, sollen künftig bei den Paralympics starten dürfen.

Diese Entscheidung stieß auf Entrüstung – und auf Widerstand. Europäische Staaten wollten keine EM austragen, in der russische Narrative propagiert werden. Deshalb fand sich kein Ausrichter. Den Preis zahlen die Athleten – jene, die ihr Leben auf solche Momente ausrichten. Das IPC hat versagt – und untergräbt damit den Anspruch aller Athleten. Bereits vor der anstehenden Para-Schwimm-EM in der Türkei zogen die Niederlande, eigentlich als Ausrichter vorgesehen, ihre Kandidatur zurück; das IPC fand immerhin eine Alternative. 

Nicht nur Russland-Debatte im Fokus

Dass die Krise tiefer reicht als die Russland-Debatte, macht Jörg Frischmann deutlich, hauptamtlicher Geschäftsführer der Parasport-Abteilung beim TSV Bayer 04. Die Anforderungen des Verbandes für den Para-Bereich schrecken potenzielle Ausrichter ab – bei Grand-Prix-Veranstaltungen (Para-Wettbewerb) ebenso wie bei EM, Junioren-WM oder WM. Mögliche Gastgeber seien „in der Vergangenheit verbrannt worden, und das in einer Sportart, die 25 Prozent der Wettbewerbe und Teilnehmer bei den Paralympics stellt.“

Attraktive Disziplinen würden ohne Vorankündigung aus dem Paralympics-Programm gestrichen, die von der WPA vorgeschlagenen Qualifikationskriterien für die Paralympics seien, so Frischmann, „abenteuerlich“. Es fehle an „Fachkompetenz, am Willen zum Kompromiss und an Fachleuten aus der Para-Leichtathletik, die das hauptamtliche Personal beratend begleiten.“

Auch der Wettkampfkalender bereite Sorgen: Athleten, Trainer und Verbände brauchen Planungssicherheit – mit frühzeitig feststehenden Saisonhöhepunkten, nicht erst Ankündigungen in der laufenden Saison. Junioren-Weltmeisterschaften haben seit 2019 nicht mehr stattgefunden; auch in diesem Jahr wurde die Veranstaltung abgesagt. „Was in den letzten Monaten passiert, muss bei der WPA zu Konsequenzen führen“, sagt Frischmann. Die führenden Nationen seien gefordert, das beim IPC zu platzieren und Änderungen einzufordern. Das IPC hatte bei den Paralympischen Spielen in Paris selbst eine „paralympische Revolution“ ausgerufen. Doch eine Revolution, die ihre Athleten dermaßen im Stich lässt, verdient einen solchen Namen nicht.