Meine RegionMeine Artikel
AboAbonnieren

Nach FehlstartErik ten Hag steht bei Bayer 04 schon vor dem Aus

5 min
Leverkusens Trainer Erik ten Hag (r.) und Sportgeschäftsführer Simon Rolfes

Leverkusens Trainer Erik ten Hag (r.) und Sportgeschäftsführer Simon Rolfes

Bayer 04 Leverkusen hat erst einen Punkt nach zwei Spielen – und intern rumort es. Die Zeit von Trainer Erik ten Hag könnte bereits abgelaufen sein.

Es sind erst zwei Spiele in der Fußball-Bundesliga absolviert und doch sah Robert Andrich am späten Samstagnachmittag die Zeit gekommen, zu einer bemerkenswerten Brandrede anzusetzen. Der Kapitän von Bayer 04 zerlegte seine Mannschaft – ohne sich dabei auszunehmen – nach allen Regeln der Sprachkunst.

„Wir haben zu viele Leute, die sich mit anderen Sachen und nur mit sich beschäftigen. So sah das Spiel auch aus. Jeder hat für sich gespielt, jeder ist auf dem Platz rumgelaufen für sich allein“, sagte der Nationalspieler. „Jeder spielt sein eigenes Spiel. So kannst du gegen keinen Gegner der Welt gewinnen. Und bei aller Liebe, Bremen in allen Ehren, die haben es super gemacht und haben sich reingehauen. Aber du darfst hier niemals irgendwas hergeben. Aber wir haben es gemacht und es verdient hiergelassen. Da müssen wir ehrlich sein.“

In einem schwachen Bundesligaspiel hatte es Leverkusen bei Werder Bremen irgendwie zu einer 3:1-Führung gebracht – und war nach dem Platzverweis gegen Niklas Stark sogar mit einem Mann mehr auf dem Rasen. Dass beim Gang in die Kabinen auf der Videowall ein 3:3 prangte, ließ den Vizemeister in eine Art Schockzustand verfallen. Nach dem 1:2 gegen Hoffenheim zum Auftakt ist Bayer 04 mit nur einem Punkt und zwei schlechten Auftritten meilenweit von seinen eigenen Ambitionen entfernt.

Keine Treuebekenntnisse der Bosse

Und so steht der neue Trainer Erik ten Hag bereits Ende August auf der Kippe. Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ werden sich die Verantwortlichen zunächst um die Abwicklungen der restlichen Wechsel bis zur Schließung des Transferfensters am Montag kümmern und dann beraten, ob dem Niederländer zugetraut wird, Bayer wieder in die richtige Bahn zu bringen. Öffentliche Treuebekenntnisse vermied die Führungsetage am Samstag.

Beispielhaft für die Situation bei Bayer war eine Szene in der 63. Minute, als Christian Kofane einen Elfmeter und die Gelb-Rote Karte gegen Stark herausgeholt hatte. Der gerade eingewechselte Exequiel Palacios schnappte sich den Ball, wollte den Strafstoß schießen. Patrik Schick, der schon das 1:0 erzielt hatte, ging in die Diskussion, wollte Palacios mehrmals den Ball wegnehmen, der ihn immer wieder wegzog. Am Ende schoss Palacios den Ball sogar beleidigt ein paar Meter weg, sodass sich Schick einen anderen Ball von Werder-Keeper Mio Backhaus geben ließ. Andrich hatte auf dem Platz die Entscheidung treffen müssen, dass Schick den Elfmeter ausführen darf.

„Natürlich sind das Sachen, die ein Zeichen für den Gegner sind. Oh, die führen 2:1 auswärts, die können das 3:1 machen und die beschweren sich erstmal über einen Elfmeter. Das sind immer so Kleinigkeiten, die den Gegner natürlich aufbauen“, betonte Andrich. Schick schoss und chippte den Ball in Mitte zum 3:1 ins Tor. Erik ten Hag sagte zu der Szene: „Wir haben eine klare Rangordnung mit Schützen eins, zwei, drei. Das haben wir nicht ausgeführt. Das geht nicht, das habe ich schon angesprochen, das ist nicht akzeptabel.“ Demnach stand Palacios vor Schick auf dem Zettel.

In der ersten Hälfte war Leverkusen das effektivere von zwei unterdurchschnittlichen Bundesligateams. Nathan Tella bereitete nach katastrophalem Fehler in der Bremer Hintermannschaft das 1:0 von Schick vor. Zugang Malik Tillman erhöhte auf 2:0, ehe Werder kurz vor dem Pausenpfiff durch Romano Schmids Elfmeter auf 1:2 verkürzte. „Ich will nicht alles schlechtreden, aber bis zum 3:1 war das auch schon Not gegen Elend“, sagte Andrich. Doch das eigentlich Elend folgte für Bayer nach dem 3:1.

„Das darf nie passieren im Profifußball“, sagte ten Hag zur letzten halben Stunde im Weserstadion. In den vergangenen beiden Jahren hätte Leverkusen die Überzahl mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dazu genutzt, den Gegner laufen zu lassen und über Ballbesitz das Spiel zu Ende zu bringen. Stattdessen ließ Leverkusen erst einen Konter zum 2:3 durch Isaac Schmidt zu, um daraufhin der Bremer Mannschaft – angefeuert von einem entfesselten Publikum – fast komplett das Spiel zu überlassen. Die Folge waren mehrere gefährliche Angriffe der Bremer, die schließlich im Treffer zum 3:3 gipfelten, das Karim Coulibaly in der vierten Minute der Nachspielzeit nahezu ohne Gegenwehr erzielte.

Flashbacks bei Robert Andrich

Andrich sagte, er hätte „ein paar Flashbacks“ und spielte auf die Saison 2022/2023 an, als Gerardo Seoane Anfang Oktober, als Bayer auf Platz 17 stand, gehen musste und durch Xabi Alonso ersetzt wurde. „Es sind so viele Sachen, die aufeinander fallen. Aber das hat nur mit eigener Motivation zu tun. Am Ende sind wir auf dem Platz und müssen das regeln“, sagte Andrich, nahm aber auch ten Hag in die Plicht. Der Trainer sei „der, der oben steht. Er muss natürlich von ganz oben am meisten Ruhe reinkriegen.“

Derzeit ist unklar, ob ten Hag dazu überhaupt noch die Gelegenheit bekommt. Eine Entlassung eines Trainers, der ein Team neu übernommen hat, bereits nach dem zweiten Spieltag gab es in der Bundesliga jedenfalls noch nie. Nach der Länderspielphase kommt das perfekt gestartete Eintracht Frankfurt in die Bay-Arena. Dann geht es darum, den Rückstand auf die Eintracht nicht auf acht Punkte anwachsen zu lassen. Wer bei dieser Partie als Coach auf der Leverkusener Bank sitzen wird, ist derzeit völlig offen.