Der Kölner Stadrat hat die Gründung eines Fachbeirats für Mädchenarbeit beschlossen. Fragen und Antworten zum neuen Gremium.
Neuer FachbeiratStarke Stimme für starke Mädchen

Der neue Fachbeirat für Mädchenarbeit soll als Sprachrohr dienen für die Belange von Mädchen und jungen Frauen in der Verwaltung und der Politik.
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Es sind immer die Mädchen, die sich zu kümmern haben – um den Störenfried in der Klasse, die Mithilfe im Haushalt, die kleinen Geschwister. Es sind auch mehr Mädchen als Jungen, deren Alltag von Angst geprägt ist. Jedes fünfte von ihnen wird Opfer von sexualisierter Gewalt – in der digitalen wie realen Welt. Mädchen wird eingeredet, sie seien handwerklich nicht begabt und taugten auch nicht für Finanz-, Technik- oder Führungsangelegenheiten. Mit der Folge, dass sie ihre Interessen aufgrund verfestigter Rollenbilder entwickeln.
Nirgendwo auf der Welt sind Frauen und Männer gleichgestellt – dieses verheerende Urteil haben die Vereinten Nationen erst kürzlich der Gleichberechtigung ausgestellt. In den meisten Ländern erleben Frauen und Mädchen sogar Rückschritte bei der Gleichberechtigung und wachsende Diskriminierung. Dass auch hierzulande traditionelle Rollenbilder wieder erstarken, Frauen- und Mädchenrechte zunehmend in Frage gestellt oder missachtet werden und der Frauenhass deutlich zunimmt, ist kein Bauchgefühl, es ist auch kein ideologisches Gerede sondern statistisch belegt.
Chancengerechte Zukunftsperspektiven für Mädchen
Umso erfreulicher, dass der Kölner Stadtrat in Zeiten steigender Gewalttaten bei gleichzeitig zunehmender Missachtung von Mädchen- und Frauenrechten die Gründung eines Fachbeirats für Mädchenarbeit beschlossen hat – und „wir nun diesen negativen Trends strukturiert entgegenwirken können und den Fortbestand spezifischer Angebote für Mädchen und junge Frauen sichern und ausbauen, um gemeinsam chancengerechte Zukunftsperspektiven zu entwickeln“, sagt Christiane Lehmann.

Haben sich vehement für den Fachbeirat für Mädchenarbeit engagiert (von links): Franziska Schädlich (Pavillon e.V.), Christiane Lehmann (Handwerkerinnenhaus), Sabine Osbelt (Lobby für Mädchen e.V.) und Rabea Maas (anyway Köln e.V.)
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Um so erfeulicher, dass wir nun diesen negativen Trends strukturiert entgegenwirken können und den Fortbestand spezifischer Angebote für Mädchen und junge Frauen sichern und ausbauen, um gemeinsam chancengerechte Zukunftsperspektiven zu entwickeln
Die ehemalige geschäftsführende Vorständin vom „Handwerkerinnenhaus“ gehört neben Sabine Osbelt (geschäftsführende Vorständin Lobby für Mädchen e. V.), Franziska Schädlich (Geschäftsführung des Pavillon e. V.) und Rabea Maas (geschäftsführende Vorständin des anyway Köln e. V.) der „Initiative für die Gründung eines Fachbeirates“ an, die sich zunächst unter Federführung der ehemaligen „Lobby für Mädchen“-Geschäftsführerin Frauke Mahr 14 Jahre lang vehement für die Gründung dieses Gremiums engagiert hat. Und damit dafür, dass Chancengerechtigkeit für junge Frauen in Köln politisch verankert und gestärkt wird.
Was sind die Aufgaben des Fachbeirats für Mädchenarbeit?
„Der Fachbeirat hat als kommunalpolitisches Steuerungselement die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass bei allen Angeboten der Kölner Kinder- und Jugendhilfe sowie in Schule und Ausbildung die Lebenslagen von Mädchen berücksichtigt werden; dass diese spezifischen Lebensrealitäten und Bedürfnisse nicht zu Benachteiligungen führen und dass Gleichberechtigung gefördert wird“, sagt Sabine Osbelt.
Als Mitglied mit beratender Stimme wird der Fachbeirat im Jugendhilfeausschuss die Interessen und Perspektiven von Mädchen vertreten und Empfehlungen aussprechen. Zu seinen Zielen zählen, die Angebote für Mädchen besser zu vernetzen und weiterzuentwickeln, Defizite zu beschreiben, Qualitätsstandards zu entwickeln, Fortbildungen anzuregen und die Öffentlichkeit über die spezifischen Belange der Mädchenarbeit zu informieren.
Wer wird dem neuen Fachbeirat angehören?
Die geplanten 15 Mitglieder sollen sich aus unterschiedlichen anerkannten Trägern der freien Jugendhilfe, die sich der Mädchenarbeit verpflichtet haben, etwa aus den Arbeitsfeldern der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, der stationären Jugendhilfe, Prävention, Beratung, Kultur, des Sports oder der Jugendverbandsarbeit und der Verwaltung zusammensetzen – zum Beispiel aus den Bereichen Gleichstellung, Integration und Vielfalt, Schulentwicklung und Schulsozialarbeit.
Warum braucht es speziell Mädchenarbeit in der Jugendhilfe?
Mädchen und Jungen haben unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse und Neigungen. Deshalb sollten auch die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in einem stärkeren Maße geschlechtsspezifisch ausgerichtet sein. Für den Bereich der Mädchenarbeit bedeutet dies vor allem den Erhalt und Aufbau spezifischer Angebote für Mädchen und junge Frauen sowie eine verbesserte Berücksichtigung der Interessen von Mädchen in gemischt-geschlechtlichen Angeboten. Vor allem Mädchen und junge Frauen mit Behinderung, queere oder sozioökonomisch schwächer gestellte, mit Flucht- und/oder Migrationshintergrund, sind in der Regel ungleich stärker benachteiligt und vulnerabel, brauchen deshalb erst Recht geschützte Räume.
„Viele Mädchen brauchen Orte, an denen sie sich selbst ausprobieren und herausfinden können, was sie wirklich möchten, und wo sie sich für einen Moment nicht um andere oder die Erwartungen, die an sie gestellt werden, kümmern müssen. Angebote der Mädchenarbeit sind solche Orte“, sagt Sabine Osbelt. Schließlich sollten Jugendzentren alle jungen Menschen erreichen, was, laut Franziska Schädlich in Köln selten der Fall sei. „In Kalk etwa besuchen mehr als 80 Prozent Jungen unsere Einrichtung, Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren sind im Offenen Treff seltene Besucherinnen, die meisten kommen nur zu speziellen Mädchenangeboten.“
Die Mädchenarbeit hat als Querschnittsaufgabe der Jugendhilfe also das Anliegen, mit ihren Angeboten zur Gleichstellung von Mädchen und jungen Frauen aktiv beizutragen. „Konkrete Ziele sind, die Selbstbestimmung von Mädchen zu fördern und ihre Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, unabhängig von festen Rollenbildern. Es geht darum, sie zu empowern, sie erleben zu lassen, dass sie etwas bewirken können, sie ernst zu nehmen und sie erleben zu lassen, dass sie Unterstützung erfahren, wenn sie diese brauchen“, sagt Rabea Maas. Mädchenarbeit soll last but not least dazu beitragen, strukturelle Benachteiligungen für Mädchen abzubauen.
Warum gibt es keinen Fachbeirat für Jungenarbeit?
Analog zum Fachbeirat für Mädchenarbeit wird die Gründung eines Fachbeirats für Jungen begrüßt und unterstützt. „Es handelt sich bei geschlechtsspezifischer Jugendhilfe ja nicht um entweder oder sondern um sowohl als auch“, stellt Franziska Schädlich klar. Jungen sollten mit entsprechenden Angeboten dabei unterstützt werden, die tradierten Erwartungen an ihre Geschlechterrolle – der starke, harte, erfolgreiche und emotional zurückhaltende Versorger – zu hinterfragen.
Nicht umsonst ist oberstes Ziel der Jungenarbeit, das partnerschaftliche Verhalten und die Fähigkeit zu gewaltfreier Konfliktlösung zu stärken, auch um der massiv gestiegenen Gewalt an Kitas und Schulen zu begegnen. So sind den Landesjugendämtern in NRW im vergangenen Jahr etwa mehr als 3.000 gewaltsame Übergriffe in Kitas von Kindern gegen Kinder gemeldet worden – allein 2.481 davon waren körperlicher Natur. Damit haben sich in den Kitas die Fälle körperlicher Gewalt von Kindern untereinander gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.
Gewalt gegen Mädchen und Frauen - Zahlen und Fakten
- Laut der aktuellen polizeilichen Kriminalstatistik von 2024 ist mit 18.224 Betroffenen die Anzahl weiblicher Opfer von digitaler Gewalt - wie etwa Cyberstalking, -grooming oder Bedrohungen – im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent gestiegen.
- Um mehr als 73 Prozent in die Höhe geklettert ist mit knapp 560 erfassten Delikten die Anzahl frauenfeindlicher Straftaten. Knapp die Häfte der Delikte entfällt auf den Straftatbestand Beleidigung. Bei den registrierten 39 Gewaltdelikten handelte es sich in den meisten Fällen um Körperverletzungen - und ein versuchtes Tötungsdelikt.
- Von den 53.451 weiblichen Opfern von Sexualdelikten war knapp die Hälfte minderjährig. Die meisten Frauen und Mädchen wurden Opfer von sexueller Beslästigung (36,4 Prozent), Vergewaltigung, sexueller Nörigung und Belästigung (insgesamt 35,7 Prozent) sowie sexuellem Missbrauch (27,5 Prozent).
- 2024 wurden hierzulande 308 Mädchen und Frauen getötet.

