Neues Projekt für ChorweilerKinder mit Musik stärken

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Ein kleines Mädchen mit rosafarbenem Kleid hält eine Geige aus Pappe unterm Arm.

Das Musikprojekt „Panorama“ setzt sich für gleiche Bildungschancen ein.

Das „Panorama“-Projekt will mit seinem präventiven Bildungsansatz benachteiligten Kindern im Kölner Norden ermöglichen, ein Instrument zu lernen.

Musik verändert die Welt und das Leben von Kindern“ – Aus dieser Idee heraus ist „Panorama“ geboren. Und nach dieser Devise entwickelte das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) den präventiven Bildungsansatz, der im nächsten Jahr auch in Chorweiler starten soll. Die Idee dahinter: Allen Kindern, vor allen aber denen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, durch das Erlernen eines Instruments dabei zu helfen, an sich zu glauben, Selbstbewusstsein zu entwickeln und in einer Gemeinschaft, genauer: in einem kleinen oder großen Orchester, zu wachsen.

Zukunftschancen und Bildungsgerechtigkeit verbessern 

„Wir möchten 24 Kindern ab vier Jahren die Chance geben, neue Perspektiven für ihren Lebensweg zu entdecken und ihre Zukunftschancen aktiv und zu verbessern“, sagt Andreas Dierssen, „Panorama“-Mitinitiator beim CJD – und fügt an: „Das Jugendamt Chorweiler versucht seit vielen Jahren gemeinsam mit örtlichen Initiativen neue Zugänge für Kinder zu schaffen. Ein großangelegtes musisches Angebot war jedoch noch nicht dabei. Unser Panorama-Projekt will diese Lücke nun schließen und bietet langfristig und intensiv Unterstützung für Kinder ab drei Jahren an.“ Dabei sollen Musikpädagoginnen und -pädagogen mit den Kindern an zwei Tagen in der Woche spielerisch zusammenarbeiten. An einem dritten Wochentag treffen sich dann alle zur „Tutti-Probe“.

Wir sind der Auffassung, dass jedes Kind ungeachtet seines sozialen und kulturellen Hintergrunds eine faire Chance haben muss, sein Potenzial zu entdecken und zu entfalten
Andreas Dierssen, „Panorama“-Mitinitiator

Es ist unumstritten: Bei den meisten Musik-Projekten wird eine entsprechende Vorbildung vorausgesetzt. Für üblich haben Kinder, die in einem Orchester spielen, privaten Einzelunterricht und können erst teilnehmen, wenn sie ein bestimmtes Niveau erreicht haben. Da dieser Unterricht – auch an vielen Musikschulen – recht kostspielig ist und von den Eltern erwartet wird, ihre Kinder zum Üben anzuhalten, ist das Musizieren im klassischen Orchester noch immer einer Minderheit vorbehalten.

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Nur vier Euro pro Woche vom Staat für Bildung

Wie es um die Chancengleichheit in Sachen Bildung bestellt ist, beweist ein kurzer Blick auf den Betrag im Hartz-IV-Regelsatz, der bei Kindern von sechs bis 14 Jahren für Bildung vorgesehen ist, lediglich 16,61 Euro im Monat, was damit rund vier Euro pro Woche entspricht. Ein Klavier-, Klarinetten- oder Kontrabass-Unterricht ist dafür in der Regel nicht zu haben. Hier möchte „Panorama“ Abhilfe schaffen.

Ein Grundschulmädchen hält eine gelbe Stofffahne in die Luft und tanzt, es ist umgeben von Mitschülern, die auch Fahnen schwingen und sich begeistert bewegen.

Panoramakinder aus dem Pilotprojekt in Berlin-Siemensstadt in Aktion.

„Wir sind der Auffassung, dass jedes Kind ungeachtet seines sozialen, kulturellen oder religiösen Hintergrunds eine faire Chance haben muss, sein Potenzial zu entdecken und zu entfalten. Doch gerade auch die Corona-Pandemie hat uns eindrücklich gezeigt, wie weit entfernt wir davon sind“, sagt Dierssen. Soziale Benachteiligung und finanzielle Begrenzungen ließen viel zu oft keine individuellen Wege zu, die innewohnenden Möglichkeiten zu entdecken, geschweige denn zu nutzen.

Viel zu wenig Kita-Plätze auch in Köln-Chorweiler

„Mit dem Blick auf Köln-Chorweiler wurde schnell deutlich: Hier muss Panorama helfen“, sagt Dierssen und meint damit, dass in diesem Kölner Sozialraum besonders viele Kinder und Jugendliche in schwierigen finanziellen Verhältnissen aufwachsen. Bei knapp der Hälfte der Unter-15-Jährigen sind die Eltern auf staatliche Leistungen angewiesen. Etwa zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner haben einen Migrationshintergrund. Und ein besonders hoher Prozentsatz der Kinder hat keinen Kita-Platz. „Für diese Kinder mit herausfordernden Bildungsgeschichten ist es meist schwer, aus den vorgezeichneten Biografien auszubrechen, weshalb wir ihnen im Panorama-Projekt die Chance geben möchten, neue Erfahrungen und Fähigkeiten zu lernen, um so gestärkt ein aktiver Teil der Gesellschaft zu werden“, sagt Dierssen.

Das Bewusstsein, ein wesentlicher Teil einer Gemeinschaft zu sein, lässt sie ein erstes Gefühl von Teilhabe erleben und ein Verständnis dafür entwickeln
Andreas Dierssen

Ein „Panorama“-Pilotprojekt, bei dem bis zu 200 Kita- und Grundschulkinder teilnehmen, startete im Jahr 2013 im Berliner Migrationsstadtteil Siemensstadt. Dort gab es auch schon vier Auftritte von „Panorama“-Kindern im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Dass und welche positive Wirkung „Panorama“ auf die beteiligten Kinder hat, zeigte eine Untersuchung der Universität Nürnberg-Erlangen, die das Berliner Pilotprojekt wissenschaftlich begleitet und ausgewertet hat.

„Panorama“ stärkt die Schulfreude und das Selbstbewusstsein

„Die Schulfreude der Panoramakinder ist wesentlich größer als die der Vergleichsgruppe, auch ein gestärktes Selbstbewusstsein und verbesserte soziale Fähigkeiten können wir nachweisen“, lautet das Fazit der beteiligten Wissenschaftler. Dierssen erklärt warum: „Die Panorama-Kinder lernen, sich an gemeinsame Regeln zu halten und unterstützen sich im gegenseitigen Musizieren. Das Bewusstsein, ein wesentlicher Teil einer Gemeinschaft zu sein, lässt sie ein Gefühl von Teilhabe erleben und ein Verständnis dafür entwickeln. Sie lernen, sich mit und vor der Gruppe zu präsentieren. Das unterstützt nachhaltig die Kompetenzen der Kommunikationsfähigkeit jedes einzelnen Kindes.“

Drei Mädchen im Grundschulalter spielen auf einer Geige aus Pappe

Panoramakinder in Aktion aus dem Pilotprojekt in Berlin-Siemensstadt

Auch in Chorweiler möchte „Panorama“ in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und örtlichen Initiativen mit dem hehren Ziel antreten, Kinder bei dem schwierigen Übergang vom Kindergarten zur Schule zu begleiten, sie stark zu machen, und einen positiven Einfluss auf den gesamten Sozialraum zu haben“, sagt Dierssen. Ein Förderverein hat sich bereits gegründet, der dringend Spenden benötigt.

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