Wie dreckig ist Kölns Luft?So viele Schadstoffe stößt Kölns Industrie aus – Das sind die gesundheitlichen Folgen

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Dampf, Qualm und Rauch kommen aus einem Schornstein auf dem Gelände der Shell Rheinland Raffinerie.

Wie hoch ist die Schadstoffmenge, die durch die Industrie in Köln in die Luft gelangt? Nicht nur Shell gehört zu den größten Industrieunternehmen in der Region. (Symbolbild)

70.000 Menschen in Deutschland sterben pro Jahr an den Folgen von Luftverschmutzung. Was atmen wir in Köln ein? Eine Analyse der Industrie-Ausstöße.

Atmen wir uns krank? 

60 Milliarden Euro hat die Luftverschmutzung durch die größten Industrieanlagen die deutsche Wirtschaft allein im Jahr 2017 gekostet, hat die Europäische Umweltagentur (EUA) berechnet. Die Kosten entstehen vor allem durch die Belastung des Gesundheitssystems, weil Menschen durch Luftverschmutzung Krankheiten entwickeln oder frühzeitig sterben.

„In Deutschland ist die Luft zwar schon viel besser geworden. Trotzdem verzeichnen wir immer noch etwa 70.000 Todesfälle im Jahr durch Luftverschmutzung“, sagt Umweltepidemiologin Barbara Hoffmann von der Uniklinik Düsseldorf. „Das darf uns nicht kaltlassen.“

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Wie viele Schadstoffe stoßen die Kölner Industrieanlagen aus?

Wie sieht es also ganz lokal, hier vor Ort in Köln, mit der Luftverschmutzung aus? Um das zu erfassen, hat der „Kölner Stadt-Anzeiger“ in Zusammenarbeit mit dem Recherchenetzwerk Correctiv.Europe und Correctiv.Lokal Daten der EUA zur industriellen Luftverschmutzung ausgewertet. Wie gut oder schlecht die Kölner Luft ist, lässt sich jedoch nur teilweise erfassen, weil große Industrieanlagen und Viehzuchtbetriebe nur etwa 20 Prozent der gesamten Luftverschmutzung in der EU ausmachen. Der Rest kommt aus privaten Haushalten, dem Verkehr, der Landwirtschaft.

Trotzdem können Daten zu industrieller Luftverschmutzung ein Indikator dafür sein, um zu erfassen, wie Köln emissionstechnisch dasteht. Wir haben uns exemplarisch Daten für das Treibhausgas Kohlendioxid (CO₂) und den Luftschadstoff Stickstoffoxid (NOx) angeschaut. CO₂ ist als klimarelevantes Gas verantwortlich für den Treibhauseffekt. Stickstoffoxid ist, wie Ozon oder Feinstaub, ein Luftschadstoff, der sich auf unsere Gesundheit auswirkt.

Die Lebensdauer der Stoffe unterscheidet sich dabei stark. „Stickstoffoxide sind gerade einmal einen Tag lang in der Atmosphäre, bevor sie oxidieren“, erklärt Robert Wegener vom Institut für Klima- und Umweltforschung am Forschungszentrum Jülich. „CO2 hingegen verbleibt teils über mehrere Jahrhunderte in der Atmosphäre.“ Während CO2 sich deshalb verteilt und global wirkt, ist das bei Luftschadstoffen anders. Sie werden vor Ort ausgestoßen und wirken auch vor Ort.

Wie nah man an einem Industrieriesen wohnt, macht daher einen gewaltigen Unterschied in Bezug darauf, wie die Luftschadstoffe zu Menschen vordringen und sie gesundheitlich schädigen können. Entscheidend ist dafür aber nicht nur die Industrie. „In der Stadt ist der Verkehr die Hauptquelle für Luftschadstoffe, vor allem Autos“, sagt Wegener.

CO₂-Ausstoß sinkt in Köln kaum - warum ist das so?

Der industrielle CO₂-Ausstoß in Köln bewegt sich seit Jahren auf konstant hohem Niveau. Die aktuellsten Daten stammen aus dem Jahr 2021, dort lag die erfasste ausgestoßene Menge der Industrie im Kölner Stadtgebiet bei rund 6,6 Milliarden Kilogramm. Damit liegt Köln deutschlandweit auf Platz 15 – hinter Industriehochburgen wie Duisburg (Platz 1), aber vor den anderen Millionenstädten Berlin, München und Hamburg. An Stickstoffoxiden wurden 2021 mehr als 4,2 Millionen Kilogramm in Köln ausgestoßen. Damit liegt Köln deutschlandweit auf Platz 12, auch hier befinden sich die Hotspots im Ruhrgebiet und im Osten Deutschlands.

Robert Wegener vom Forschungszentrum Jülich

Robert Wegener vom Forschungszentrum Jülich

Die größten industriellen CO2-Verursacher im Kölner Stadtgebiet waren 2021 die Chemiefirma Ineos mit 2,6 Milliarden Kilogramm, das Heizkraftwerk Niehl der Rhein-Energie sowie der Shell Energy Park im Kölner Süden (jeweils 1,4 Milliarden Kilogramm). Der Ausstoß der städtischen Abfallentsorgungs- und Verwertungsgesellschaft (AVG) liegt mit 300 Millionen Kilogramm deutlich darunter. Auch bei den Stickstoffoxiden liegen Ineos (1,5 Millionen Kilogramm) und Shell (960.000 Kilogramm) vorne.

Auf Anfrage verweisen die Firmen darauf, mit ihren Emissionen keine gesetzlichen Grenzwerte zu überschreiten. Die von Correctiv erfassten Daten beziehen sich auf überschrittene Schwellenwerte, ab denen die Unternehmen ihre Ausstöße lediglich zu Protokoll geben müssen. Sie sind nicht rechtlich bindend, gelten derzeit lediglich als Empfehlung. „Die AVG überschreitet den Schwellenwert allein aufgrund der Größe ihrer Restmüllverbrennungsanlage“, heißt es von der AVG. „Diese Größe ist aber erforderlich, um den Abfall aus den privaten Haushalten, wie auch aus Gewerbe und Industrie behandeln zu können. Eine Unterschreitung der Schwellenwerte ist daher nicht möglich.“

Rhein-Energie und Shell verweisen darauf, dass es Grenzwerte für CO2-Emissionen nicht gibt – stattdessen erwerben die Firmen Emissionszertifikate. Laut Rhein-Energie reduziere man die handelbare Zertifikatmenge jährlich. Durch die perspektivische Umrüstung der eigenen Kraftwerke auf Wasserstoff werde man die Emissionen zusätzlich senken. Und eine Ineos-Sprecherin sagt: „Wir wissen, vor welchen Herausforderungen die Welt heute und in Zukunft steht und sind uns unserer Rolle bei der Bewältigung dieser Herausforderungen bewusst.“

Luftverschmutzung kann zu Asthma, Herzinfarkten und zum Tod führen

Auch Umweltforscher Robert Wegener sieht die Energiewende als essenziellen Faktor, um CO2-Emissionen zu senken. Dass der CO2-Ausstoß in Köln in den vergangenen Jahren nicht signifikant gesunken sei, hänge mit der Energiewende zusammen. „Solange sie nicht stärker voranschreitet, werden die Emissionen nur schrittweise zurückgehen.“ Der Ausstieg der Kernenergie spiegele sich in den Emissionen von Kohle und Erdgas wider, die deshalb verstärkt gebraucht würden. Trotzdem müsse man sich neue Ziele setzen, so Wegener. „Wir sind technisch heute auf einem ganz anderen Stand, unsere Grenzwerte müssen daher ambitionierter sein.“

Umweltepidemiologin Barbara Hoffmann von der Uniklinik Düsseldorf.

Umweltepidemiologin Barbara Hoffmann von der Uniklinik Düsseldorf.

Das sieht auch Umweltepidemiologin Barbara Hoffmann so. Sie hat zu Studien beigetragen, auf denen neue WHO-Richtlinien für maximale Luftschadstoffkonzentrationen basieren. Die EU-Grenzwerte sollen sich künftig an diesen, nun deutlich strenger gefassten, Richtlinien orientieren. Das hat das EU-Parlament in diesem September beschlossen. „Bei Schadstoffkonzentrationen oberhalb der WHO-Richtwerte muss mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen gerechnet werden“, erklärt Hoffman. Deshalb sei die Absenkung der Grenzwerte auf das Niveau der WHO-Richtwerte so wichtig.

„Durch die Luftverschmutzung erhöht sich die Sterblichkeit in der Bevölkerung. Asthmaanfälle, Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Zuckerkrankheit können dadurch ausgelöst werden.“ All diese Krankheitsbilder könnten deutlich reduziert werden, wenn Schadstoffkonzentrationen sinken. Dass Deutschland die aktuellen gesetzlichen Grenzwerte nicht überschreite, sei kein großer Gewinn. „Die Grenzwerte waren bereits bei ihrer Einführung 2008 veraltet“, so Hoffmann. „Sie entsprechen nicht mehr dem Stand der Wissenschaft. Wir erkennen glasklare Zusammenhänge zwischen der Luftqualität und der Gesundheit, auch bei den heute in Deutschland vorkommenden Luftschadstoffkonzentrationen.“


Diese Recherche ist Teil einer Kooperation des Kölner Stadt-Anzeiger mit Corectiv.Europe und Corrcetiv.Lokal. Beide Projekte fördern den Lokaljournalismus und stärken somit die Demokratie. Mehr unter correctiv.org/lokal.

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