„Ich will ja, aber...Wie wir uns im Alltag überlisten können, um klimafreundlicher zu leben

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Mann fährt mit Arbeitstasche auf einem Fahrrad Foto: Getty Images/iStockphoto

Fahrradfahren ist besser fürs Klima als Autofahren – in der Theorie weiß das jeder – aber wie setzen wir das Wissen um?

Wir würden gerne klimafreundlich leben – doch oft stehen wir uns dabei selbst im Weg. Ein Psychologe erklärt, was dabei im Gehirn passiert.

Der Flug in den Urlaub, das Rindersteak im Restaurant, die tägliche Autofahrt ins Büro trotz ÖPNV-Alternative: Klimafreundliches Verhalten fällt uns im Alltag oft schwer, trotz guter Absichten. Warum ist das so? Was hat das mit Denkfaulheit zu tun? Und können wir sie überlisten? Anlässlich des weltweiten Klimastreiks an diesem Freitag haben wir Thomas Brudermann befragt. Der Psychologe ist Professor für Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Graz und hat in seinem Buch „Die Kunst der Ausrede“ 25 der beliebtesten Klima-Ausflüchte in den Blick genommen.

Herr Brudermann, mal angenommen, ich finde Klimaschutz richtig und wichtig, sehe aber, dass manche meiner Alltagshandlungen im Widerspruch dazu stehen: Was kann ich tun?

Thomas Brudermann: Das Naheliegendste wäre, die Handlungen entsprechend anzupassen. Aber Verhaltensänderungen sind relativ schwierig. Sie könnten zweitens auch Ihre Einstellung ändern, also zur Einsicht gelangen: Ich bin halt kein Klimafreund. Doch das wäre ebenfalls ein aufwendiger, zudem schmerzhafter Prozess. Deshalb passiert am häufigsten Möglichkeit drei: das Überbrücken der Kluft zwischen Einstellung und Verhalten durch Rechtfertigungen – oder eben Ausreden. Weil es für unser Gehirn die einfachste, energiesparendste Variante ist.

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In dieser Hinsicht fällt dem Menschen also das Energiesparen leicht?

Ja, unser Gehirn ist sehr gut darin. Es braucht viel Zucker. Von allen Organen ist es dasjenige, das am meisten Energie frisst. Deshalb versucht es, möglichst energieeffizient zu arbeiten. Ausreden können dabei helfen.

Beim Klima scheinen wir für Ausreden besonders anfällig zu sein.

Das hat verschiedene Gründe. Die Klimakatastrophe ist abstrakt, der eigene Beitrag dazu nicht direkt wahrnehmbar. Das überfordert unser intuitives Denken, das direktes Feedback gewohnt ist: Wir tun etwas – und sehen einen unmittelbaren Effekt. Dazu kommt, dass man sich beim Klimawandel als Einzelner machtlos vorkommt: Was würde es ändern, wenn ich mich klimafreundlich verhalte? Außerdem erschweren die Rahmenbedingungen klimafreundliches Verhalten. Die klimaschädliche Handlungsoption ist oft billiger und bequemer.


Der weltweite Klimastreik findet an diesem Freitag, 15. September, statt, initiiert von Fridays for Future. In Köln startet der Streik um 16 Uhr am Kölner Hauptbahnhof. Es gibt eine Lauf- und eine Fahrradroute. Beide enden in der Kölner Südstadt, wo parallel von 14 Uhr bis 21 Uhr ein Straßenfest auf der Bonner Straße stattfindet.


Eine beliebte Ausrede, die Sie in Ihrem Buch thematisieren, lautet: „Ich bin doch schon umweltfreundlich (im Großen und Ganzen)“.

Hier spielt ein weiteres Problem mit hinein: Es gibt massive Wissenslücken in Bezug darauf, welche Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise wirklich wirksam sind. Teilweise sagen Menschen, sie würden ja beim Einkaufen schon die Plastiktüte weglassen und immer brav das Licht ausschalten. Gleichzeitig fliegen sie mehrmals pro Jahr in den Urlaub. Im Vergleich zum Urlaubsflug sind Plastikverzicht und Lichtausschalten aber Peanuts. Bei einem Flug Berlin-Bangkok und retour fallen – pro Passagier – Emissionen von mehr als fünf Tonnen CO2-Äquivalenten an. Für dieselbe Menge CO2 kann ich über hundert Jahre lang täglich eine Plastiktüte verbrauchen oder, beim gegenwärtigen deutschen Strommix, einen durchschnittlichen Haushalt mehr als 40 Jahre lang beleuchten. Rein rechnerisch geht sich dieses Aufwiegen verschiedener Verhaltensweisen also nicht aus. Verlockend ist dieses „moralische Lizenzieren“ trotzdem.

Was entgegnen Sie, wenn jemand in Ihrem Bekanntenkreis so argumentiert?

Es ist natürlich schwierig, den Menschen das gute Gefühl zu nehmen, umweltfreundlich zu sein. Das hat mit einem positiven Selbstbild zu tun. Die Menschen fühlen sich gut, wenn sie das Licht ausschalten, Müll trennen, hin und wieder mit dem Rad fahren. Und das ist ja auch in Ordnung! Aber natürlich brennt es mir dann schon auf der Zunge zu sagen: Ja, aber diese drei Flüge pro Jahr, wie siehst du die eigentlich? Es ist schwer, Menschen zu überzeugen. Letztendlich müssen sie sich selbst überzeugen, und das kann man durch die richtigen Fragen unterstützen. Es ist aber ein schmaler Grat. Man muss aufpassen, dass man die Menschen nicht verliert. Denn, wenn man sie immer nur nervt …

… dann greifen sie zu einer weiteren Ausrede aus Ihrem Buch: „Ich kann und will es nicht mehr hören.“

Naja, die meisten sagen es gar nicht so explizit. Aber sie wollen es trotzdem nicht mehr hören. Oft ist es deshalb am besten, klimafreundliche Verhaltensweisen einfach vorzuleben, sie sichtbar zu machen. Indem man beispielsweise von der tollen Radtour kürzlich erzählt. Oder zu einem gemeinsamen vegetarischen oder veganen Abendessen einlädt.

Gibt es eine Ausrede, die bei Politikern besonders beliebt ist?

„Neue Technologien werden das Klima retten.“ Einen solchen Technologieoptimismus nehme ich momentan sehr stark wahr – Stichwort E-Fuels. Diese Idee, dass Technologien es schon irgendwie richten werden und wir dann unser Verhalten eben nicht ändern müssen. Es ist mir wichtig zu betonen, dass Technologien ein wesentlicher Beitrag für den Übergang in eine klimafreundliche Gesellschaft sind. Aber eben nicht der einzige. In manchen Bereichen kommt man mit Technologie sehr weit, etwa in der Energieerzeugung. Aber es gibt auch Bereiche wie Mobilität und Ernährung, in denen es nicht so einfach geht. Da braucht es auch Verhaltensänderungen.

Bei welchen Klima-Ausreden ertappen Sie sich manchmal selbst?

Das passiert immer seltener. Für mein Buch habe ich mich so intensiv mit dem Thema beschäftigt, dass ich mir die eigenen Ausreden nicht mehr glauben kann. Wenn ich ein Auto nehmen würde, um die fünf Kilometer zum Tennisplatz zu fahren, dann weiß ich, dass ich mir im Grunde etwas vormache. Dafür fällt es mir inzwischen um einiges leichter, klimafreundlich zu leben – beispielsweise, mich pflanzlich zu ernähren oder mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen. Seit ein paar Jahren fliege ich auch nicht mehr.

Und welche Ausreden standen früher bei Ihnen hoch im Kurs?

Da waren es die üblichen Verdächtigen, etwa: „Mein Beitrag zum Klimawandel, der ist doch so klein!“ Und manchmal war ich halt einfach zu bequem. Wobei das aber tatsächlich ein wichtiger Punkt ist: Klimafreundliches Verhalten darf nicht zu aufwendig sein. Denn wie gesagt, Verhaltensänderungen fallen uns ohnehin schon schwer.

Menschen sind eben etwas denkfaule Gewohnheitstiere. Das wird bei der Lektüre Ihres Buchs deutlich.

Unseren Alltag bestreiten wir vor allem mit Automatismen: Man geht zum Auto, setzt sich rein, fährt zur Arbeit. Und das ist generell auch sinnvoll. Wenn wir über jede kleine Entscheidung intensiv nachdenken müssten, wären wir überfordert. Deshalb hinterfragt man Gewohnheiten nur in bestimmten Gelegenheitsfenstern.

Zum Beispiel?

Umzug, Berufswechsel, Familiengründung. Eher selten. Aber die gute Nachricht ist: Es können sich auch nachhaltige Gewohnheiten bilden. Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, nicht mehr zu fliegen, sich vegetarisch zu ernähren oder den ÖPNV zu nutzen, muss darüber nicht jedes Mal aufs Neue nachdenken. Auch Klimafreundlichkeit ist automatisierbar.

Könnte ein Jahreswechsel dafür ein gutes Gelegenheitsfenster sein? Da werden ja immer eifrig Neujahrsvorsätze geschmiedet.

Der Jahreswechsel ist eine Phase, in der man meist Urlaub hat. Etwas Ruhe und Abstand. Zeit, ein bisschen nachzudenken. Das ist schon mal besser als in intensiven Arbeitsphasen, während denen man abends nurmehr müde ins Bett fällt. Allerdings wissen wir ja, dass Neujahrsvorsätze oft genug scheitern. Und das liegt daran, dass die Rahmenbedingungen auch im neuen Jahr meist noch die alten sind. Verhaltensänderungen werden sehr viel leichter durch Änderungen im Entscheidungskontext. Solange die Umstände die gleichen bleiben, sind auch Entscheidungen sehr schwer zu ändern.

In Ihrem Buch schlagen Sie deshalb vor, klimafreundlicher zu werden, indem man den Kontext seiner Alltagsentscheidungen ändert. Wie könnte das konkret aussehen?

Man kann zum Beispiel sein Fahrrad so abstellen, dass es den Weg zum Auto blockiert – damit ist eine Gewohnheitsroutine unterbrochen. Oder man schließt ein Gemüsekisten-Abo ab. So hat man immer viel Gemüse zuhause und zieht das dann auch vielleicht öfter dem Fleischgericht vor. Es hilft auch schon, wenn man auf Instagram dem Öko-Hans folgt und nicht dem Vielflieger-Johannes. Es geht darum, dass man sich klimaschädlichen Versuchungen von vornherein weniger aussetzt.

Haben Sie diesen Trick auch schon mal an sich selbst ausprobiert?

Ich habe irgendwann – das ist schon ein paar Jahre her – die Bonusmeilen-Karte, die man als Kunde einer Fluglinie automatisch bekommt, einfach zerschnitten. Und mich von allen Newslettern abgemeldet, in denen Flugreisen beworben werden. Stattdessen habe ich den Bahn-Newsletter abonniert. Wenn ich jetzt Werbung für Urlaubsziele bekomme, sind das Destinationen, die man halt mit dem Zug erreicht. Ich habe mich auch von Facebook abgemeldet. Dort haben die Leute immer diese Sonderangebote für Urlaube in der Karibik gelikt.

Das sind viele kleine, klimafreundliche Schritte. Für die großen Rahmenbedingungen allerdings ist die Politik zuständig.

Das stimmt. Andererseits: Politik passiert ja nicht in einem Vakuum. Strukturen sind nichts fix Vorgegebenes. Wir tragen mit unseren Entscheidungen tagtäglich dazu bei – nicht nur bei Wahlen. Man sieht oft so ein Hin- und Herschieben der Verantwortung. Wir sagen als Bürgerinnen und Bürger: Die Politik soll es richten. Die sagt: Die Unternehmen wollen nicht. Und die Unternehmen sagen: Ja, aber die Kundinnen und Kunden, die wollen das nicht. Also, das ist nicht wirklich konstruktiv. Ich würde hier für einen Perspektivenwechsel plädieren. Weg von: Was sollen die anderen tun? Hin zu: Was kann ich eigentlich beitragen?

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