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Felix-FestivalMusik mit sagenhafter Langzeitwirkung

3 min
Voces Suaves aus Basel.

Voces Suaves aus Basel.

Collegium Vocale 1704 und Voces Suaves mit Vokalmusik von Barock und Renaissance beim Felix-Festival.

 Selbst dreihundert Jahre später ist diese Musik noch immer so ausdrucksvoll, bewegend und schön, wie sie vermutlich schon bei ihrer ersten Aufführung erlebt wurde. Doch wie benennt man eine solche sagenhafte Langzeitwirkung? Handelt es sich um einen Klassiker? Ist es ein Schlager, Evergreen, Megahit?

Die scheußlichen Begriffe sind diesem Gesang völlig unangemessen. Die Singstimmen spannen ruhig fließende Linien, die über harmonische Zielpunkte hinaus unversehens weitertragen, sich verflechten, ausdünnen, neu ansetzen und zu sehnsüchtigen Vorhalten überlagern. Das ebenso sanfte wie beharrliche Ziehen und Ranken ist Ausdruck der im Original lateinischen Verse: „Von deiner Liebe, Herr, ist erfüllt die Erde / Lehre mich deine Gesetze!“ Diese wunderbare Musik ist die „Statio I“ aus Jan Dismas Zelenkas „Statio quadruplex pro Processione Theophorica“, komponiert 1709 für eine Fronleichnamsprozession in der Prager Salvatorkirche.

Der 1679 geborene tschechische Komponist hatte das Unglück, Zeitgenosse der 1685 geborenen Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel zu sein, deren bis heute überaus lebhafte Rezeption das Schaffen vieler anderer Barockmeister verdrängt. Doch Zelenka schrumpft neben den beiden Großmeistern mitnichten zum Kleinmeister, sondern behauptet sich gleichrangig auf Augen- beziehungsweise Ohrenhöhe mit großem Erfindungsreichtum und rhetorisch ganz eigen sprechendem Ton. Das zeigte die Gegenüberstellung seiner Musik mit Motetten von Bach im Gastspiel des Prager Collegium Vocale 1704 beim Felix-Festival in der Kölner Philharmonie.

Collegium 1704
(Chor und Orchester).

Das Collegium 1704 (Chor mit Orchester).

Während Zelenka als katholischer Dresdner Hofkomponist wirkte, war Bach evangelischer Thomaskantor im hundert Kilometer entfernten Leipzig und nahm die Werke des Kollegen mit Interesse auf. Zelenkas „Responsoria pro hebdomada sancta“ entstand 1722 für die österliche Passion von Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Das erste der dreimal neun Stücke beginnt hoch expressiv mit einem verminderten Akkord als Ausdruck größter Betrübnis „Tristis“. Dissonanzen und kleinteilige Wechsel entfalten immer wieder große dramatische Kraft. Zu den berühmten Jesus-Worten „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ kontrastieren rhythmisch harte Akkorde mit chromatisch schmelzenden Linien. Die je acht Frauen- und Männerstimmen des Collegium Vocale 1704 haben allesamt solistisches Profil. Der Gründer und Leiter Václav Luks lässt sie mit ebenso bestimmtem wie differenziertem Dirigat zum Basso Continuum sowohl virtuos hervortreten als auch polyphone Doppelchöre und gemischte Chöre bilden sowie bei Chorälen zum homogenen Gesamtklang verschmelzen.

Ein Konzert für alle Sinne

Von Bach erklangen die Motetten „Jesu, meine Freude“ BWV 227, „Komm, Jesu, komm“ BWV 229 und als Schlusspunkt „Singet dem Herrn ein neues Lied“ BWV 225. Letztere gab den erstklassigen Sängerinnen und Sängern reichlich Gelegenheit, mit hoch virtuosen Koloraturen, rhythmisch pulsierenden Fugen sowie antiphonalen Gegenüberstellungen von Soloquartett und Choral zu glänzen. Ein großartiger Jubelgesang – gefolgt von stehenden Ovationen, und als Zugabe erneut Zelenkas berührende „Statio I“.

Zuvor hatte in St. Mariä Himmelfahrt das Basler Vokalsextett Voces Suaves mit perfekt ausgewogener Dynamik und Farbe, kristallklarer Intonation und strahlend den Raum füllenden Schlussakkorden begeisterte. Die barocke Kirche bot hierfür den in jeglicher Hinsicht idealen Ort: akustisch für die sanft vom Raum getragenen Stimmen; spirituell für die Messen und geistliche Madrigale von Palestrina und de Monte; farblich-atmosphärisch wegen des sanft einfallenden Abendlichts, das zum mattgoldenen Timbre der ausgezeichneten Sängerinnen und Sänger das Blattgold des prächtigen Hochaltars erleuchtete. Ein Konzert für alle Sinne.


Beim Originalklang-Festival Felix steht noch bis zum 31. August die Musik des osteuropäischen Kulturraums Böhmen im Mittelpunkt. Am Samstag, 30. August, findet mit „Felix Urban“ ein ganzer Tag Musik bei freiem Eintritt statt. In der Kölner Innenstadt wird sich die junge Musikszene genreübergreifend mit der Musik vergangener Jahrhunderte auseinandersetzen.