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Interview„Wenn es hart auf hart kommt, ist die Kirche auch heute noch freigiebig“

Lesezeit 9 Minuten
„Ich bin einfach gerne Priester. Punkt“ – Michael Seewald

„Ich bin einfach gerne Priester. Punkt“ – Michael Seewald

Köln – Herr Professor Seewald, in der Lebensgeschichte von Menschen gibt es den Altersstarrsinn. Ist die katholische Kirche als Institution in der gleichen Phase angekommen?

Neben Altersstarrsinn gibt es ja auch Altersmilde, die einen Menschen Dinge umso lockerer sehen lässt, je älter er wird. In der katholischen Kirche haben wir beides: oft genug einen ausgeprägten Starrsinn, aber auch eine über die Jahrhunderte entwickelte Großzügigkeit.

So? Wo denn?

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Die Entwicklung vieler Dinge, die uns heute eng vorkommen, verdankt sich historisch einem Bemühen um Großzügigkeit. Die Möglichkeit, nach der Taufe Buße zu tun und Vergebung zu finden, musste in den ersten Jahrhunderten des Christentums hart erkämpft werden. Zunächst hatte man als Chance zum Heil nur die einmalige Taufe. Wer danach verschoss, war verloren. Auch Fegefeuer und Ablässe hatten im Mittelalter die Funktion, den Menschen doch noch in den Himmel zu verhelfen. Das Ganze ist irgendwann gekippt und hat mehr Angst als Hoffnung gebracht. Das war nicht im Sinne der Erfinder. Aber wenn es hart auf hart kommt oder wenn es ans Sterben geht, ist die Kirche auch heute noch freigiebig.

Wenn es ans Sterben geht… Keine besonders lebensbejahende Perspektive!

Das stimmt. So eine Verengung auf die Todesgefahr sehen wir ja auch gerade beim Kommunionstreit der katholischen Bischöfe. Das Kirchenrecht sagt, dass Menschen, die keine Katholiken sind, nur angesichts von Todesgefahr oder einer anderen „schweren Notlage“ zur Kommunion gehen dürfen. Das kann man nun engstirnig oder großzügig auslegen. Was wir gerade erleben, sieht eher wie kirchlicher Altersstarrsinn und nicht wie Altersmilde aus.

Eben! Die Mehrheit der deutschen Bischöfe ist mit ihrem Bemühen um etwas mehr Großzügigkeit auf Widerstand einer Minderheit gestoßen, die in Rom Gehör gefunden hat.

Diese ärgerliche Geschichte hat drei Ebenen: die Sachebene, die Kompetenz- und die Machtebene. In der Sache geht es um eine Klärung, wer unter welchen Umständen zur Kommunion gehen darf. Da hinein spielt zweitens das Problem: Wer soll das entscheiden dürfen? Der Papst, die nationalen Bischofskonferenzen, der einzelne Bischof oder gar das Gewissen der Betroffenen? Drittens stellt sich eine Machtfrage, in der es um Kontrolle und Kontrollverlust geht. Was bei dieser Problem-Mixtur herausgekommen ist, ist ein ziemlich explosives Gemisch.

Der Papst hat es selbst mit angerührt, indem er den Bischöfen erst relativ freie Hand gab, die Handreichung dann aber doch kassieren ließ.

Offenbar hat der Papst in seinen Gesprächen sehr viel Verschiedenes gehört. Zuletzt ist es den Befürwortern der Handreichung augenscheinlich wieder gelungen, ihm klarzumachen, dass das Dokument keine allgemeine Freigabe des Kommunionempfangs beabsichtigt, sondern für Einzelfälle eine dogmatisch und pastoral verantwortete Lösung anbietet. Das müsste ja auch in seinem Sinne sein. Der ganze Vorgang zeigt: Wer eine so herausgehobene Stellung hat wie der Papst, ist umso mehr auf sachliche, unaufgeregte und unparteiische Informationen angewiesen. Damit scheint es in diesem Pontifikat gelegentlich zu hapern. Das bringt den Papst dann in unangenehme Situationen.

Welchen Ausweg sehen Sie im konkreten Fall?

Es gibt durchaus Lösungen, die ganz auf der Linie klassischer Dogmatik liegen. Zur Kirche gehört nicht nur, wer im konfessionellen Sinne katholisch ist, sondern jeder Getaufte. Evangelische Christen sind mit den katholischen Teil der einen Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil ist da ganz klar. Das Problem ist nun, dass Katholiken und Protestanten nicht in „voller“ Kirchengemeinschaft stehen, weil es weiterhin Lehrdifferenzen gibt. Bei konfessionsverschiedenen Ehen, und nur um die geht es ja in dem aktuellen Streit, werden die evangelischen Partner aber zu sakramentalen Akteuren innerhalb der katholischen Kirche. Sie spenden ihren katholischen Partnerinnen oder Partnern ein Sakrament, bemühen sich mit ihnen womöglich um eine christliche Erziehung ihrer Kinder und bilden so, wieder im Sprachgebrauch des Konzils, eine Hauskirche. Die Bindung eines evangelischen Christen an die katholische Kirche kann in einem solchen Fall enger werden als die der meisten Katholiken. Was will man mehr?

Anerkennung aller katholischen Glaubenslehren – von der päpstlichen Unfehlbarkeit bis zu den Mariendogmen. Das haben Kardinal Rainer Woelki und der Passauer Bischof Stefan Oster als Vertreter der Minderheit im Kommunionstreit mehrfach gefordert.

Dann dürfte auch kaum noch ein Katholik zur Kommunion gehen. So kann man das Problem natürlich auch lösen. Klappe zu, Affe tot.

Es wird ja immer wieder gesagt, worüber die Bischöfe da streiten, versteht kein Mensch. Und von Verboten lässt sich ohnehin keiner mehr beeindrucken. Müssten Sie als Theologe dann nicht Verständnishilfe leisten, oder verstehen Sie es auch nicht?

Verstehen und Verständnis sind zwei verschiedene Dinge. Ich würde schon vermuten, dass ich verstehe, worüber in der Kirche gestritten wird. Nur fehlt mir manchmal das Verständnis dafür. Ein schwaches Argument, und davon geistern gerade einige herum, wird nicht dadurch besser, dass man es ständig wiederholt.

Welches Argument halten Sie für besonders schwach?

Da gibt es einige Kandidaten. Manche behaupten ja, die im Kirchenrecht niedergeschriebenen Bedingungen für den Kommunionempfang - und vor allem die kleinkarierteste ihrer Lesarten - seien eine von Gott geoffenbarte Wahrheit. Wie man auf so etwas kommt und wer das glauben soll, ist mir ein Rätsel. Wenn die Menschen kirchliche Lehren oder Normen konsequent nicht mehr verstehen, geschieht das vielleicht nicht nur aus Ignoranz. Die Kirche könnte das vielmehr auch als Hinweis deuten, ihre Lehre und deren Verkündigung zu überdenken.

Überdenken – und ändern, obwohl doch in der Kirche angeblich immer alles so bleiben soll, wie es „von Anfang an“ war?

Ich bitte Sie! Heute ist doch in der Kirche ziemlich wenig noch so, wie es zu Anfang war. Meinen Sie, der Apostel Petrus hätte schon an die Unfehlbarkeit des Papstes geglaubt? Wenn das, was die Kirche heute lehrt, legitim sein soll, kann sie sich gar nicht auf den Standpunkt stellen, dass alles so sein muss, wie es schon immer war. Die Kirche braucht eine Theorie der Entwicklung. Vergangene Zeiten waren da theologisch oft mutiger und haben größere Spielräume für Veränderung und Reform gesehen, als manche das heute tun.

Vom Straßenrand aus betrachtet, würden sehr viele – insbesondere jüngere - Leute die Kirche als die Geisterfahrerin identifizieren. Warum fahren Sie mit ihren gerade 30 Jahren da eigentlich mit – als Theologe und Priester?

Ich steige nicht in jeden Bus, auf dem irgendetwas Frommes steht. Die Kirche fasziniert mich, und ich bin gerne katholisch. Etwas anderes könnte ich mir in religiöser Hinsicht gar nicht vorstellen. Aber ich bin eben nicht kritiklos katholisch. Eine historische Leistung des Christentums besteht darin, dass sich innerhalb dieser Religion eine Theologie herausgebildet hat, die zugleich kirchlich und kritisch ist. Sie sollte immer beides zugleich sein, weil berechtigte Kritik an der Kirche genauso wichtig ist wie die gläubige Zustimmung zur Kirche. Kritiker haben zwar nicht immer recht, aber ohne den Stachel der Kritik geht es nicht. Sonst wird Religion fanatisch. Dagegen aufzubegehren, ist auch die Aufgabe der Theologen.

Für die „intellektuelle Faszination“ an der Theologie hätten Sie nicht Priester werden müssen. Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

(Überlegt) Metaphysisch ist das jetzt natürlich ungenügend formuliert, aber ich bin einfach gerne Priester. Punkt.

Was ist denn das Schöne am Priestersein?

Viele erzählen da eine rührselige Berufungsgeschichte. Mit so etwas kann ich nicht aufwarten. Bei allen Schwierigkeiten ist Priestersein für mich ein stimmiger Lebensentwurf, meine Form der Nachfolge Jesu, die ich in den Dienst der Kirche stelle. Das macht mir Freude und gelegentlich auch den Menschen, mit denen ich zu tun habe. Ich bin glücklich mit meiner Berufswahl.

„Stimmig bei allen Schwierigkeiten“ – meinten Sie damit auch den Zölibat?

Nicht unbedingt. Ich lebe gerne allein und habe persönlich keinen Veränderungsdruck. Aber voriges Jahr bin ich noch als Verteidiger des Pflichtzölibats in den Ring gestiegen. Das würde ich jetzt nicht mehr tun, da ich um ein Jahr an Erfahrungen mit der Kirche reicher bin, die für mich alles andere als positiv waren. Die Kirche ist so lange nett, wie man sagt, was sie gerade hören will. Macht man das nicht, gibt es Ärger. Der aber wird gerade für Priester umso schwerer erträglich, je mehr die Kirche sich zu ihrer Ersatzfamilie stilisiert und Unterschiede in Sachfragen persönlich werden.

Mutter Kirche…

Klar, die Kirche hat mütterliche Züge, aber auch stiefmütterliche. Ihre kritischen Kinder werden verketzert, unliebsame Theologen werden überwacht, denunziert, und auf absurde Weise wird versucht, sie zu ideologischer Konformität zu zwingen. Ich gebe diesem Druck nicht nach und bewahre mir meine Freiheit. Aber dafür muss man kämpfen, und dazu braucht man Kraft. Die muss irgendwo herkommen. Für viele sind Ehe und Familie Orte, die natürlich auch viel Kraft kosten, die aber doch jene Stärke geben, die man braucht, um gut zu leben. Diese Möglichkeit sollte die Kirche auch den Priestern eröffnen, sofern sie das möchten.

Wenn Sie in der Kirche etwas ändern könnten – was wäre das erste?

Schwierige Frage. Ich bin Professor, nicht Politiker. Der erste Änderungswunsch aber wäre der allergrundsätzlichste und damit vielleicht auch gleich der letzte: Die Kirche braucht mehr Freiheit nach innen. Manche glauben immer noch, der Einsatz von Autorität könnte offene Fragen dauerhaft beantworten. Das Gegenteil ist der Fall: Autorität ohne Argumente schreckt denkende Menschen ab. Um herauszufinden, welches Argument wie stark ist, muss man frei abwägen. Das geht derzeit bei den heiklen Themen in der Kirche nur dort, wo man sich diese Freiheit erkämpft. Ich sage ja nicht, dass ich immer recht habe, aber ich beanspruche für mich auch die Freiheit, zu irren.

„Mehr Demokratie wagen“ in der Kirche, von der immer wieder gesagt wird, sie sei keine.

Das ist ein komischer Satz: „Die Kirche ist keine Demokratie.“ Wer so etwas sagt, versteht weder, wie eine Demokratie funktioniert, noch versteht er, wie religiöse Urteilsbildung abläuft. Denn weder ist in einer Demokratie alles beliebig, noch ist in der Kirche nichts verhandelbar. Auch eine Demokratie fußt auf normativen Grundlagen. Das unterscheidet sie ja gerade von der Tyrannei. Die Kirche wiederum ist normativ an das gebunden, was sie als „geoffenbart“ ansieht und – das wird häufig unterschlagen – an das, was vernünftig ist. Was aber nun tatsächlich geoffenbart sein soll und was vernünftig ist, muss im freien Streitgespräch herausgefunden und verhandelt werden. Da zählt eben die Stärke von Argumenten und nicht, ob jemand ein violettes, ein rotes oder ein weißes Käppchen trägt.

Zur Person

Michael Seewald, geboren 1987 in Saarbrücken, ist einer der jüngsten Professoren Deutschlands und jüngster Inhaber eines theologischen Lehrstuhls. 2016 wurde er im Alter von 29 Jahren als Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster berufen. Er ist dort Nachfolger unter anderem von Joseph Ratzinger und Karl Rahner.

Seewald hat katholische Theologie, Politikwissenschaften und Philosophie studiert. 2013 wurde er zum Priester geweiht. In seinem aktuellen Buch „Dogma im Wandel“ befasst er sich mit Möglichkeiten der Lehrentwicklung in der katholischen Kirche.

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