Abo

Konzert in der PhilharmonieDiesen Karnevalshit spielt Helge Schneider auf der großen Orgel

Lesezeit 4 Minuten
09.02.2024
Köln:
Helge Schneider bespaßt für drei Abende die Philharmonie - Katzeklo auf Rädern.
Foto: Martina Goyert

Helge Schneider und Gitarrist Sandro Giampietro in der Kölner Philharmonie

Karnevalsalternative oder Vorglühen: Helge Schneider gastiert an drei Abenden in der Kölner Philharmonie. Unsere Kritik.

Sandro Giampietros Gitarrensolo kommt gerade noch rechtzeitig, bevor eine Ader platzt. Richtig schön ist das. Man kann durchatmen, sich im Gestühl der Philharmonie zurücklehnen, erholen von Helge Schneiders improvisierten Monolog zum Slow Jam mit dem unfassbar dämlichen Titel „Love on the Couch“. Der sagt eigentlich schon alles, die auf dem elterlichen Kanapee zu liegen Gekommene ergreift die Hand des Sängers und führt sie in … die Tüte mit Erdnussflips.

Es folgt ein werbischer Einwurf über die Güte des Knabbergebäcks, als Nächstes lenkt die Mohair-Wolldecke des jungen Fummlers Aufmerksamkeit ab, Tante Erna, erzählt er apropos, habe die 1972 im VHS-Kurs „Stricken ohne Nadel“ verfertigt. Stricken ohne Nadel? „Nur mit Willenskraft“, präzisiert Helge. Und dann ist es ums Publikum geschehen. Die Kontrolle übers Zwerchfell geht verloren. Man wiegt sich im Sitz, während Schneider weitere VHS-Kurse beschreibt. Wir wollen an dieser Stelle nicht jeden Witz verraten, obwohl, wer weiß schon, was dem Künstler am nächsten Abend einfallen wird? Man hyperventiliert, das Blut pumpt, der Kopf schwillt rot an … bis Giampietro rettet.

Als Holzfäller wollte ich auch gern mal gehen.
Helge Schneider kommentiert einen unkostümierten Karohemdenträger im Publikum

Jahraus, jahrein gastiert Helge Schneider an den tollen Tagen in der Kölner Philharmonie, an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Ein Ausgehangebot für Karnevalsmuffel oder das bestmögliche Vorglühen vorm Weiterfeiern, es passt für beide Fraktionen. Was man auch daran erkennen kann, dass verlässlich die eine Hälfte des Publikums kostümiert erscheint, während andere in Zivil gehen – um dann von Schneider für ihr kariertes Hemd gelobt zu werden: „Als Holzfäller wollte ich auch gern mal gehen.“

Alles zum Thema Kölner Philharmonie

Die Musik ist verlässlich gut, Schneiders Altherrentrio – neben Giampietro noch Willy Ketzer am Schlagzeug und Reinhard Glöder am Kontrabass, der seine Soli vokalisiert – wird wie gewohnt vom rauschebärtigen Ausdruckstänzer Sergeij Gleithmann und von Teekoch Bodo Oesterling begleitet, den Schneider nach Lust und Laune schikaniert. Ebenso zuverlässig wechseln sich Originale wie „Es gibt Reis, Baby“, „Wurstfachverkäuferin“ oder das unvermeidliche „Katzeklo“ mit Standards wie Charlie Parkers „Dexterity“ oder Duke Ellingtons „Mood Indigo“ ab.

Alles andere entsteht im Augenblick: Jazzhumor mit melancholischen Blue Notes, immer gleich, immer wieder neu. Ganz sanft und klassisch beginnt Schneider am Flügel, vielleicht, denkt man, wird es ja ein eher zurückhaltender Abend, dann justiert er kurz den Klavierschemel nach unten, absurd weit nach unten, federt mit, und schon diese Geste erntet erste Lachsalven. Die an Lautstärke zunehmen, als er in gespielter Kurzatmigkeit die gestopfte Trompete anbläst. Und in den roten Bereich ausschlagen, als er seinen 50er-Jahre-Exotik-Schlager „Die Trompeten von Mexiko“ anstimmt. Was die so machen? Sie laden, fällt Schneider jetzt ein, „zu Kaffee und Kuchen und glasiertem Wildschwein“.

An vierter Stelle folgt dann schon das „Katzeklo“, Schneider lädt zum Mitsingen ein, gibt den Einsatz aber jedes Mal absichtsvoll kurz vor dem Auftakt, der Chor stolpert über seinen eigenen Enthusiasmus. In Japan, erklärt der Künstler, hätte er mit „Katzeklo“ einen Riesenhit gehabt: „Aber mit einem anderen Text und einer anderen Melodie.“

Im Laufe des Konzerts spielt sich Schneider einmal durch die Musikalienhandlung, virtuos bis zum unweigerlich folgenden, komischen Zusammenbruch. Gitarre, Bongo, Saxofon, Vibrafon, nur mit der Panflöte fremdelt er, pfeift lieber über die Bambusrohre. Dabei wurde die mit einer episch langen Geschichte eingeleitet, zu deren Personal ein dickbeiniger Boris Becker, Alice und Ellen Kessler und eine kniehohe Hildegard Knef gehörten – und ein im Aufzug ausgespucktes Gebiss.

Die Namen, die in Schneiders Erzählungen fallen, gehören fast sämtlich zum bundesrepublikanischen Promipersonal der Vorwendejahre. Und je mehr sie dem Vergessen anheimfallen, desto strahlender erstehen sie im Helge-Kosmos wieder auf, als Fixsterne im Himmel des Mülheimer Dadaisten.

Der Abend endet, darauf kann Helge einfach nicht verzichten, an der großen Orgel, feierlich pfeift es durch die Philharmonie, bis man die Melodie erkennt: „Mer losse d’r Dom en Kölle“. Jetzt darf das Publikum ungestört mitsingen, ist drinnen wie draußen Karneval. Aber hier drinnen, in der Konzerthalle, bleibt es für immer 1973.

KStA abonnieren