Uni DüsseldorfCampino hält Vorlesung als Gastprofessor – er distanziert sich von altem Toten-Hosen-Song

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Toten-Hosen-Sänger Campino als Gastprofessor im Hörsaal der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, hier bei seiner ersten Vorlesung am 2. April.

Toten-Hosen-Sänger Campino als Gastprofessor im Hörsaal der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, hier bei seiner ersten Vorlesung am 2. April.

Punkrocker Campino von den Toten Hosen war Gastprofessor in der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Und es wurde politisch.  

Lange Menschenschlangen vor dem Hörsaal-Gebäude und große Aufregung beim Auftauchen des Dozenten, das hat es in der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf so bestimmt noch nicht gegeben. Der Gastprofessor war auch nicht irgendwer, sondern Tote-Hosen-Frontmann Campino. Und Rektorin Anja Steinbeck war nach der zweiten Vorlesung des Musikers so entzückt, dass sie Campino auf die Schulter klopfte und sagte: „Für mich war es ein Highlight meiner Amtszeit.“

Campino rief aus: „Wir alle gegen die Dummheit“

Im Konrad-Henkel-Hörsaal diskutierte Campino mit Toten-Hosen-Biograph Philipp Oehmke über die „Kakophonie unserer Zeit“, in der alle etwas zu sagen hätten und jeder etwa über soziale Medien zu jeder Zeit seinen Senf dazu geben könne. Als Einstieg zitierte der Musiker diverse Kommentare, die sich um seine erste Vorlesung Anfang April drehten. Hier hatte Campino die lyrische Komponente von Musiktexten hervorgehoben und unter anderem mit den Gedichten von Erich Kästner verglichen.

Campino bei seiner zweiten Vorlesung in der Uni Düsseldorf. Links Autor Philipp Oehmke, rechts Toten-Hosen-Gitarrist Kuddel.

Campino bei seiner zweiten Vorlesung in der Uni Düsseldorf. Links Autor Philipp Oehmke, rechts Toten-Hosen-Gitarrist Kuddel.

„Wir alle gegen die Dummheit“, hatte Campino ausgerufen. Internet-User schrieben „Was hat diese hirntote Hose an der Uni verloren?“, „Seine Mutter mochte ihn nicht, weil sie früh erkannte, dass aus ihm ein Arschloch wird“ und „Champagnersozialist“. Besonders amüsiert zeigte sich der Sänger über die Betitelung des „Systemkasper, der 25 Prozent der Bevölkerung diffamiert“. „25 Prozent? Da liegt ja gerade die AfD!“ Dabei habe er ja gar nicht gesagt, wen er im Hörsaal als dumm bezeichnet habe.

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Mit KI könnte Olaf Scholz das nächste Toten-Hosen-Album singen

„Dieser Lärm im Internet ist kein Problem, solange man den nicht da raus holt“, sagte Campino, der mit bürgerlichem Namen Andreas Frege heißt, und bezeichnete es als besorgniserregend, wenn Zeitungen sich aus 1000 Kommentaren die vielleicht 70 negativen rauspickten und daraus eine Geschichte machten. Dass er selbst sich dieser vermeintlichen Vorgehensweise von Medien für seinen launigen Einstieg bedient hatte, ging für den Punkrocker aber offenbar in Ordnung.

Das Internet mit eigenen Kanälen sei aber auch ein Vorteil für Künstler, nicht mehr auf die Gunst der Medien angewiesen zu sein. Nach dem Fußball-Schmähsong „Bayern“ etwa „war das Verhältnis zum bayrischen Rundfunk lange angeknackst“, sagte Campino, was sich auf die CD-Verkäufe ausgewirkt habe. Bald könnte sich mit Künstlicher Intelligenz aber ohnehin jeder seine Platten selber basteln. Campino: „Wenn wir das wollen, dann wird Olaf Scholz das nächste Toten-Hosen-Album singen.“

Campino distanziert sich von frühem Hosen-Song „Ülüsü“

Selbstkritisch wurde es, als Journalist Oehmke frühe Songtexte der Toten Hosen ansprach, die man so heute nicht mehr bringen würde. „Ülüsü“ etwa vom ersten Album „Opelgang“ aus dem Jahr 1982. Das Lied dreht sich um einen deutschen Jungen, der sich vor seiner Familie für seine türkische Freundin schämt. „Heute hört sich das entsetzlich an“, so Campino, der den ironisch gemeinten Song als Versuch bezeichnete, sich dem damals hochkochenden Thema Ausländerfeindlichkeit zu nähern.

Heute würde „Ülüsü“ von Rechten missbraucht, nach dem Motto: „Schaut Euch die Hosen an, die haben sowas gesungen.“ Campino: „Das ist gefährlich, wenn Texte nicht verstanden werden, weil sie entweder handwerklich falsch sind oder der Empfänger es nicht verstehen will.“ Ein paar Jahre später habe man es mit „5 vor 12“ dann ohne Ironie versucht. Der Song aus dem Jahr 1990 handelt von einem türkischen Gemüsehändler, der von Rechtsextremen krankenhausreif geprügelt wurde.

Campino glänzte als früherer Student mit Abwesenheit

Mit dem Lied „Sascha ... ein aufrechter Deutscher“ (1993) habe man dann den Nazis den Spiegel vorhalten und ihnen zeigen wollen, wie jämmerlich sie doch seien. Rechte Politiker hätten sie daraufhin wegen Volksverhetzung angezeigt. Dass sie sich in den Songs zum ersten Mal zu Deutschland bekannt haben, „das war für uns Punks ein großes Problem“, sagte Campino. Aber es sei auch im Ausland, etwa in Argentinien, wichtig gewesen zu zeigen: „Nein, wir sind nicht alle so.“

Zwei Stunden philosophierte der Gastprofessor im Hörsaal, spielte mit Hosen-Gitarrist Kuddel auch thematisch passende Songs. „Morgen bin ich wieder ganz normaler Bürger“, sagte Campino den 680 Zuschauern, die die begehrten Tickets gewonnen hatten. Für Campino schloss sich damit ein Kreis. Er war selbst Student an der Uni Düsseldorf, glänzte aber in den Vorlesungen mit Abwesenheit. Ein Campus-Konzert der Toten Hosen im Jahr 1985 endete mit der Zerstörung des Mensa-Inventars.

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