Frauenrechte weltweit in GefahrDestruktive männliche Herrschaft ist keine muslimische Spezialität

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Eine Afghanin in Burka in Kandahar

Eine Afghanin in Burka auf der Straße in Kandahar

Wo Frauenrechte unter die Räder geraten, tun es Demokratie und Menschenrechte meist insgesamt - was uns extreme Sorgen machen muss. 

Unter den politischen Slogans des Jahres 2022 dürfte jener aus dem Iran der bekannteste sein. „Frau, Leben, Freiheit“ riefen Tausende in den Straßen der Islamischen Republik, nachdem die Kurdin Jina Mahsa Amini wegen eines – wie es heißt – schlechtsitzenden Kopftuchs inhaftiert und misshandelt wurde und schließlich umkam. Mittlerweile sollen über 500 Demonstranten getötet worden sein.

Die religiösen Extremisten an der Macht wissen sich nicht mehr anders zu helfen, als Oppositionelle hinzurichten. Als Nächster könnte der Arzt Hamid Ghareh-Hassanlou mit dem Leben bezahlen müssen – ein Mann, der als Wohltäter landesweit bekannt ist. Dass Frauen und die Frauenfrage zum Ausgangspunkt allgemeinen Aufbegehrens einerseits und Repression andererseits werden, sieht der Rest der Welt aber nicht allein im Iran. Er sieht es in Afghanistan, wo die radikalislamischen Taliban gerade Mitarbeitern von Hilfsorganisationen die Arbeit erschweren – ebenfalls wegen des Kopftuches.

Und er sah es 2021 in Belarus, wo mutige Frauen den Aufstand gegen den Diktator Alexander Lukaschenko anführten. Diese Gleichzeitigkeit ist ein Symptom. In der islamischen Welt wenden sich die Frauen gegen überkommene Regeln. Dabei geht es weniger um das Kopftuch als solches. Es geht um die Freiheit, sich dafür oder dagegen zu entscheiden. Neu ist, dass Männer im Iran Frauen zur Seite springen, die in der Öffentlichkeit von Anhängern des Mullah-Regimes attackiert werden. Das wiederum verdeutlicht, dass es nicht die Muslime an und für sich sind, die für Rückständigkeit stehen. Vielmehr wird der Islam von autoritären Kräften zur Unterdrückung der Bevölkerung genutzt.

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Der Belarusse Lukaschenko und sein russischer Spießgeselle Wladimir Putin sind Machos, wie sie im Buche stehen.
Markus Decker

Dies zeigt sich ebenso in der Türkei des autoritären Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der zur Legitimation auf religiöse Versatzstücke zurückgreift. Man braucht sich jedenfalls nur Bilder aus Afghanistan, dem Iran oder der Türkei von vor 50 Jahren anzusehen, um zu wissen: Alle Länder waren in Sachen Emanzipation der Geschlechter schon mal weiter. Ohnehin ist destruktive männliche Herrschaft keine muslimische Spezialität. Der Belarusse Lukaschenko und sein russischer Spießgeselle Wladimir Putin sind Machos, wie sie im Buche stehen. Wenn Putin die Söhne des Landes in eine sinnlose Schlacht schickt, dann schickt er ihre Mütter gleichsam mit.

Kein Zufall: Ausgerechnet der Iran hilft. Schließlich agiert neben Russland auch China nach innen immer autoritärer und nach außen immer aggressiver. Verantwortlich dafür ist Staatspräsident Xi Jinping. Im von ihm beherrschten 24-köpfigen Politbüro der Kommunistischen Partei sitzt keine einzige Frau. Im Westen scheint die Modernisierung unaufhaltsam voranzuschreiten. In Deutschland amtierte 16 Jahre lang eine Kanzlerin namens Angela Merkel. Außenministerin Annalena Baerbock verficht eine „feministische Außenpolitik“.

Frauen als Gebärmaschinen

Auch im Westen jedoch sind der Kampf um Freiheit und der um Geschlechtergerechtigkeit eng verknüpft. In Polen und Teilen der USA schaffen rechte Populisten das Recht auf Abtreibung faktisch ab. In Washington amtierte mit Donald Trump ein Präsident, der vor sexueller Gewalt nicht zurückschreckt. Sein Machismo steht dem Putins kaum nach. Die AfD schließlich gibt sich bloß dann feministisch, wenn es gegen Muslime geht. Tatsächlich wurzelt sie im Nationalsozialismus, der in Frauen Gebärmaschinen sah.

Das Pendel zwischen Unterdrückung und Freiheit ist ständig in Bewegung und schlägt derzeit gen Unfreiheit aus. Fortschritt ist nie von Dauer. Und wo Frauenrechte unter die Räder geraten, tun es Demokratie und Menschenrechte meist insgesamt. „Frau, Leben, Freiheit“ – das gilt weltweit.

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