Krawall und Ausschreitungen kosten den Staat Millionen. Nun wird in NRW darüber gestritten, ob die Profivereine dafür mitzahlen müssen.
Polizeieinsätze im ProfifußballWer soll für Hochrisikospiele in NRW zahlen?

Auch mit Pyrotechnik wird die Stimmung etwa im Stadion des 1. FC Köln angeheizt.
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Nicht nur für die Fußballfans des 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach ist es das wichtigste Spiel der bisherigen Bundesligasaison – auch die Polizei wird am Sonntag im Großeinsatz sein. Das Derby im Kölner Rhein-Energie-Stadion (Anstoß: 15.30 Uhr) ist wegen mehrerer gewalttätiger Auseinandersetzungen beider Fanlager in der Vergangenheit eines der Spiele mit besonderem Sicherheitsbedarf. Das kostet den Steuerzahler viel Geld – und darüber ist in NRW eine Debatte entbrannt.
Der nordrhein-westfälische Landesrechnungshof fordert, Fußballvereine künftig an den Kosten für besonders aufwendige Polizeieinsätze bei Hochrisikospielen zu beteiligen. Nach Berechnungen der Finanzkontrolle hätte das Land in der Saison 2024/25 dafür rund 7,9 Millionen Euro einnehmen können, wenn es für sogenannte „Rotspiele“ Gebühren erhoben hätte. Wären auch Spiele mit erhöhtem, aber nicht höchstem Risiko einbezogen worden, wären bis zu 15 Millionen Euro möglich gewesen. Damit hätte sich in der vergangenen Saison in NRW etwa die Hälfte der gesamten Personalkosten für Polizeieinsätze bei Spielen der ersten drei Ligen decken lassen.
Die Forderung der Rechnungsprüfer trifft auf politischen Widerstand. Innenminister Herbert Reul setzt auf mehr Verantwortung der Vereine, eine engere Zusammenarbeit mit Polizei und Verbänden und weniger Polizeieinsatzstunden. Andere halten es für nicht gerechtfertigt, dass die Allgemeinheit die zusätzlichen Kosten eines kommerziellen Fußballbetriebs allein trägt. Damit geht es in NRW nicht nur um Geld, sondern auch um die grundsätzliche Frage, wo staatliche Verantwortung endet und die Verantwortung der Veranstalter beginnt.
Ein Urteil, kein Auftrag
Rechtlich ist die Lage seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Anfang 2025 klarer, politisch aber nicht einfacher. Das Gericht bestätigte, dass Gebühren für den zusätzlichen Polizeiaufwand bei kommerziellen Hochrisikoveranstaltungen grundsätzlich mit dem Grundgesetz vereinbar sein können. Grundlage war die Regelung in Bremen, wo Veranstalter seit mehr als zehn Jahren für bestimmte Polizeikosten herangezogen werden. Das Urteil verpflichtet andere Länder jedoch nicht, diesem Modell zu folgen.

NRW-Innenminister Herbert Reul: In der vergangenen Saison besuchte der CDU-Politiker das Heimspiel des 1. FC Köln gegen Heidenheim.
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Das Saarland plant ein vergleichbares Modell. Die Landesregierung könnte eine Regelung auf den Weg bringen, muss es aber nicht. Der Deutsche Fußball-Bund hat darauf reagiert und einen Grundsatzbeschluss gefasst. Sollte der Verband selbst per Gebührenbescheid für Polizeimehrkosten in Anspruch genommen werden, will er die Kosten mindestens anteilig an den jeweiligen Heimverein weitergeben. Der DFB hält Gebühren für den falschen Ansatz, bereitet sich aber darauf vor, dass die politische Landschaft nicht überall beim bisherigen Modell bleibt.
Reul setzt auf Kooperation und Verantwortung
Nordrhein-Westfalen hat bislang keinen entsprechenden Gebührentatbestand geschaffen. Innenminister Herbert Reul lehnt eine pauschale Kostenumlage ab. Sicherheit beim Fußball gelinge nur als Team, sagte Reul dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Der CDU-Politiker setzt auf Zusammenarbeit. In der auch von ihm initiierten „Stadionallianz“, an der alle NRW-Clubs der ersten drei Profiligen beteiligt sind, sitzen die Bundespolizei sowie Sicherheits- und Fanbeauftragte mit am Tisch. „Sicherheit beginnt nicht am Stadiontor und endet nicht mit dem Schlusspfiff“, sagte der Innenminister. Die Polizei müsse ihren Job machen, die Vereine aber auch. Dazu gehörten wirksame Einlasskontrollen, verbesserte Ordnungsdienste, ein entschlossenes Vorgehen gegen Straftäter und „eine klare Kante gegen Gewalt, Pyrotechnik und Störer“.

Jochen Ott , Vorsitzender der SPD-Fraktion in Nordrhein-Westfalen, Oppositionsführer und Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2027, fordert eine bundeseinheitliche Lösung zur Kostenbeteiligung der Fußballvereine.
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In der vergangenen Saison sind bei der NRW-Polizei rund 450.000 Arbeitsstunden im Zusammenhang mit Fußballspielen angefallen. Darauf habe das Land bereits reagiert, versicherte Reul. Bei Spielen, bei denen erfahrungsgemäß wenig passiere, seien zu Beginn dieser Saison Polizeikräfte reduziert worden. Klar jedoch sein, endlos könne die Geduld bezüglich der Probleme im Profifußball nicht sein. Wenn die Vereine nicht zur Kasse gebeten werden wollten, „müssen sie liefern und mehr Maßnahmen ergreifen als bisher“, sagte der Minister unlängst noch vor Beginn der laufenden Saison im Gespräch mit unserer Zeitung: „Die großen Fußballklubs müssen endlich dafür sorgen, dass in ihren Stadien Ruhe und Ordnung herrscht - und das läuft nicht zufriedenstellend.“ Detaillierte Vorgaben, „was bis wann erfüllt sein muss, um mögliche Kosten abzuwenden“, würde die Kooperationsvereinbarung mit den Clubs jedoch nicht enthalten, teilte ein Sprecher des Innministeriums jetzt mit.
SPD: Vereine sollten bei Hochrisikospielen mitzahlen
Julia Höller von der Landtagsfraktion der Grünen hält ebenfalls daran fest, dass „öffentliche Sicherheit zuallererst eine staatliche Aufgabe“ sei: „. Es muss darum gehen, dass Fußballspiele weniger Polizeieinsatzstunden verursachen, nicht darum, dieselben Einsätze anders zu finanzieren.“ Das lasse sich durch verbindliche Zusammenarbeit mit Vereinen und Verbänden, starke Fanprojekte, Prävention und einen dauerhaften Dialog mit den Fanszenen erreichen, glaubt und hofft Höller.

Henning Höne, Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion, will keine Kostenbeteiligung der Proficlubs für Polizeiensätze.
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SPD-Chef Jochen Ott indes hält die Forderung des Rechnungshofs für berechtigt. Der Profifußball sei ein Milliarden-Geschäft, an dem viele Menschen viel Geld verdienten. Die Frage, warum der Steuerzahler auch die Kosten besonders aufwendiger Polizeieinsätze bei Risikospielen allein tragen solle, sei deshalb „durchaus berechtigt“, so Ott: „Für uns ist jedoch wichtig: Wir wollen eine bundesweit einheitliche Lösung.“ Sonst entstehe die widersprüchliche Situation, dass etwa beim Derby zwischen Arminia Bielefeld und dem VfL Osnabrück die Polizeikosten beim Hinspiel in NRW vom Fußballverein mitbezahlt werden müsse, während für das Rückspiel in Niedersachsen keine Rechnung gestellt werde. „Daher sollten sich die Innenministerkonferenz, DFL und DFB gemeinsam auf eine bundesweite und faire Regelung einigen“, fordert der Sozialdemokrat.
FDP: „NRW sollte stolz auf seine Traditionsvereine sein“
FDP-Landeschef Henning Höne indes lehnt eine Kostenbeteiligung der Vereine strikt ab. „Die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, ist staatliche Kernaufgabe – und für seine Kernaufgaben muss der Staat selbst aufkommen“, betonte der Freidemokrat. Nur weil eine Kostenbeteiligung verfassungsgemäß sei, müsse sie „noch lange nicht richtig sein“. Gerade außerhalb des Stadions hätten die Clubs auf mögliche Ausschreitungen kaum Einfluss.
„Den Vereinen bei sogenannten Risikospielen pauschal eine Rechnung zu schicken, wäre zudem ein weiteres Signal des Generalverdachts gegen alle Fußballfans“, so Höne: „Nordrhein-Westfalen sollte stolz auf seine erfolgreichen Traditionsvereine sein und nicht nach neuen Wegen suchen, sie finanziell zu belasten.“
