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Faktencheck
Kann Deutschland das 1,5-Grad-Ziel halten, wenn Lützerath fällt?

Ein Banner mit der Aufschrift "1,5°C heißt: Lützerath bleibt!" hängt an einem verlassenen Gebäude. Davor stehen Polizisten.

„Die 1,5-Grad-Grenze verläuft vor Lützerath!“ So lautet die Botschaft der Aktivisten und Aktivistinnen, die derzeit gegen die Räumung des Braunkohledorfes protestieren.

Sind die deutschen Klimaziele wirklich verloren, wenn die Kohle unter Lützerath verfeuert wird? Oder können sie durch andere Einsparungen dennoch erreicht werden? 

„Die 1,5-Grad-Grenze verläuft vor Lützerath!“ So lautet die Botschaft der zahlreichen Initiativen und Aktivisten, die aktuell gegen die Räumung des Braunkohleortes im Rheinischen Revier protestieren. Der Tagebau Garzweiler II hat sich schon bis an den Rand der kleinen Ortschaft gefressen. An der Abrisskante wartet ein Schaufelradbagger des Energiekonzerns RWE darauf, die Kohle unter Lützerath hervorzuholen – und sie für die Sicherung der Stromversorgung zu verfeuern.

Geschieht das, sei das 1,5-Grad-Ziel verloren, warnen die Kohlegegner. Um einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern, müsse die Kohle deshalb in der Erde bleiben. Durch Einsparungen in anderen Bereichen sowie den vorgezogenen Kohleausstieg könnten die Klimaziele dennoch erreicht werden, heißt es von der Gegenseite. Die Argumente beider Seiten im Faktencheck.

„Die Klimaziele sind mit der Abbaggerung Lützeraths nicht zu halten“

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Bei diesem Punkt muss zunächst zwischen den deutschen Klimazielen, wie sie durch das Bundes-Klimaschutzgesetz festgelegt sind, und dem Pariser Klimaabkommen unterschieden werden. Der völkerrechtliche Vertrag, den auch Deutschland 2015 unterzeichnet hat, legt fest, dass die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau von 1850 begrenzt werden soll. Unterscheiden muss man in der aktuellen Debatte zwischen beiden Zielsetzungen deshalb, weil die deutschen Klimaschutzmaßnahmen aktuell nicht mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatibel sind. Hinzu kommt, dass die Bundesrepublik derzeit auch die selbst gesteckten Ziele verfehlt.

Professor Dr. Niklas Höhne vom NewClimate Institute

Professor Dr. Niklas Höhne vom Kölner NewClimate Institute

Das bestätigt Professor Niklas Höhne, Klimaforscher und Mitbegründer des Kölner NewClimate Institute im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Wir sind aktuell weit davon entfernt, die eigenen Klimaziele zu erreichen, geschweige denn das 1,5-Grad-Ziel.“ Das macht auch Claudia Kemfert, Energie- und Klimaökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer aktuellen Stellungnahme deutlich: „Das 1,5-Grad-Ziel ist mit der geplanten Abbaggerung (von Lützerath, Anm.d.Red.) nicht zu halten.“

Die deutschen Klimaziele hingegen seien mit der Abbaggerung Lützeraths nach Ansicht des Umweltbundesamtes (UBA) nicht verloren, wie ein Sprecher dieser Zeitung erklärt. Anders als andere Sektoren, hat die Energiewirtschaft lediglich drei konkrete Jahresziele, nämlich 2020, 2022 und 2030. Laut Bundes-Klimaschutzgesetz sollen die Emissionen im Sektor Energiewirtschaft stetig von 257 Millionen Tonnen in 2022 bis auf 108 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente in 2030 sinken.

Doch laut aktuellen Berechnungen von Agora Energiewende, die der Thinktank in seiner Auswertung des Energiejahres 2022 vor kurzem veröffentlicht hat, sind die CO₂-Emissionen in der Energiewirtschaft aufgrund des höheren Einsatzes von Kohlestrom vergangenes Jahr erstmals wieder gestiegen. Demnach betrugen sie zum Jahresende 255 Millionen Tonnen CO₂. Damit konnte das vorgeschriebene Reduktionsziel nur knapp eingehalten werden.

„Die Mehremissionen müssen an anderer Stelle eingespart werden“

Da der erhöhte Einsatz von Kohlestrom eine kurzfristige Maßnahme zur Überbrückung der Gasknappheit infolge des Ukraine-Kriegs sei, müsse das dennoch nicht unbedingt das Erreichen des 2030er-Ziels infrage stellen, erläutert der Klimaforscher Höhne. Zumal die Mehremissionen, die in Lützerath entstehen, an anderer Stelle wieder eingespart werden könnten. Zumindest in der Theorie, doch die Realität sieht derzeit nicht danach aus. „Eigentlich ist das nur ein Rechentrick“, sagt Höhne. „Denn jede Tonne CO₂, die emittiert wird, ist in der Atmosphäre und muss wieder ausgeglichen werden. Und das passiert eben in den anderen Sektoren nicht, insbesondere nicht im Verkehrssektor, wo im Prinzip gar keine Einsparungen zu sehen sind.“

Auch laut dem UBA müssten „schnellstmöglich in jedem Sektor ambitionierte Klimaschutzinstrumente beschlossen werden.“ Dann seien die Sektor-übergreifenden Ziele noch erreichbar. 2022 wurde das Gesamt-Reduktionsziel von 756 Millionen Tonnen CO₂, das sich aus der Summe der Vorgaben für alle Sektoren ergibt, laut Agora Energiewende um 5 Millionen Tonnen knapp verfehlt.

„Der frühere Kohleausstieg sorgt nach 2030 für weniger Emissionen“

Es sei zwar so, dass durch die krisenbedingte Kohle-Renaissance bis 2030 zunächst etwas mehr emittiert werde, zu begrüßen sei aber, dass die Krisen-Maßnahme mit dem beschleunigten Kohleausstieg von RWE bis 2030 kombiniert worden sei, heißt es vom UBA. „Damit wird deutlich, dass das Ziel auch in der momentanen Lage nicht aus dem Blick verloren geht.“ Höhne kritisiert diese Argumentation: „Das stimmt leider nur so halb, denn es zeichnet sich ab, dass sich Kohle nach 2030 überhaupt nicht mehr rentiert.“

Klimapolitische Maßnahmen wie das Emissionshandelssystem würden den Preis für CO₂ so hoch treiben, dass sich der klimaschädliche Energieträger schlichtweg nicht mehr lohne, also unrentabel werde. „Das heißt, RWE hatte zwar die Option, noch bis 2038 Kohle zu verfeuern, hätte diese Option aber auch ohne Vorziehen des Kohleausstiegs wahrscheinlich nicht genutzt“, betont der Experte. „Das wiederum bedeutet: Es finden nach 2030 überhaupt nicht weniger Emissionen statt, aber vor 2030 wird dafür ganz klar mehr emittiert.“

Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie des Beratungsunternehmens Aurora Energy Research. Demnach werde kurzfristig mehr Kohle als geplant verfeuert und damit 61 Millionen Tonnen mehr an CO₂ emittiert. Deutschland werde dadurch seine Klimaziele im Energiesektor verfehlen.

„Die 1,5-Grad-Grenze verläuft vor Lützerath“

Maximale co2-Budgets

Maximale CO₂-Budgets zur Einhaltung der Klimaziele.

Entscheidend sei letztlich nicht das Ausstiegsdatum, sondern das verbleibende CO₂-Budget, heißt es weiterhin vom DIW, und das werde deutlich überschritten. Stand 2022 durfte Deutschland insgesamt nur noch 3,1 Gigatonnen Kohlendioxid emittieren, um das 1,5-Grad-Ziel mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit einzuhalten. „Man kann dieses Budget aufteilen auf unterschiedliche Sektoren und sogar auf einzelne Kraftwerke“, erklärt der Klimaforscher Niklas Höhne. Dabei werde deutlich: Um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, dürfe nur ein gewisser Teil des Tagebaus Garzweiler II abgebaut werden. „Und die Linie, die man dabei zieht, verläuft vor Lützerath. Darauf stützen sich die Klimaaktivisten, das ist legitim.“

Grundsätzlich sei es aber schwierig festzulegen, „welche Tonne CO₂ es letztlich ist, die das Fass zum Überlaufen bringt. Deswegen ist es kompliziert, das Reißen der Klimaziele exakt an den Tonnen festzumachen, die unter Lützerath liegen“, so der Experte. „Aber unter der Prämisse, dass wir weit weg sind von dem, was wir eigentlich versprochen haben, zählt natürlich jede Tonne Kohlendioxid.“ Insofern steht und fällt das Klimaziel zwar nicht mit Lützerath, es sieht dennoch derzeit nicht danach aus, dass die Mehremissionen an anderer Stelle tatsächlich eingespart werden.

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