Durch rund 800 Teilnehmer sieht sich der Veranstalter, Queer Euskirchen, in seiner Arbeit bestätigt. Auch die Polizei zog ein positives Fazit.
Christopher Street DayDoppelt so viele Teilnehmer an Parade in Euskirchen wie im Vorjahr

Die Teilnehmer der Parade zogen auch mit einer 23 Meter langen Pride-Flagge durch die Innenstadt. Die wurde mitgetragen von Landrat Markus Ramers und Euskirchens Bürgermeister Sacha Reichelt.
Copyright: Cedric Arndt
Aus allen Richtungen strömten am Samstagvormittag Menschen in farbenprächtiger Kleidung und regenbogenfarbene Fahnen schwenkend durch die Euskirchener Innenstadt. Sie alle hatten ein Ziel: den Klosterplatz ein weiteres Mal in einen Schauplatz guter Laune zu verwandeln.
Zum dritten Mal hatten die Verantwortlichen von Queer Euskirchen e.V. zum Christopher Street Day (CSD) in die Kreisstadt eingeladen – und sie konnten sich über eine noch größere Beteiligung als in den Vorjahren freuen. „Wir rechnen allein bei unserer Parade mit etwa 800 Personen, die mit uns durch die Stadt ziehen werden. Damit würden wir uns im Vergleich zum letzten Jahr fast verdoppeln“, verkündete der Vereinsvorsitzende Winfried Kubitza-Simons.
Pfarrer Gregor Weichsel macht den Auftakt für die Redner
Lächelnd beobachtete er, wie sich der mit zahlreichen Infoständen bestückte Platz schon zur Mittagsstunde schnell füllte. Angelockt durch die Musik der Band „Kallebass“, fanden viele schon vor dem offiziellen Beginn des Bühnenprogramms ihren Weg auf den Klosterplatz, wo bis in die frühen Abendstunden abwechslungsreiche Unterhaltung geboten werden sollte.

„Wir kommen in Frieden und wir bleiben“ lautete das Motto des dritten Euskichener CSD.
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Zu den ersten Besuchern, die, angekündigt durch die beiden Moderatoren Anne Selmer und Fraenkie Rudloff, das Wort an die Versammelten richteten, gehörte Pfarrer Gregor Weichsel von der evangelischen Sophiengemeinde: „Wir sind seit dem ersten CSD hier in Euskirchen dabei und sind sehr dankbar über das Vertrauen, dass wir bei der Queeren Community genießen.“
Gott hat uns alle vielfältiger geschaffen, als wir es lange gesehen haben.
Denn nicht immer habe man sich in dem Maße solidarisiert, wie es rückblickend nötig gewesen wäre. „Wir haben in der Vergangenheit viel Schuld auf uns geladen, weil wir lange an einer einzigen Form zu leben festgehalten haben. Aber Gott hat uns alle vielfältiger geschaffen, als wir es lange gesehen haben, und darum ist es wichtig, diese Fehler einzugestehen und aus ihnen zu lernen.“

Zum dritten Mal hatten Winfried Kubitza-Simons und das Team von Queer Euskirchen zum CSD in die Kreisstadt geladen.
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Das brennende Känguru von Wagenbauer Jacques Tilly war ebenfalls ein Blickfang.
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„Wir kommen in Frieden und wir bleiben“ lautete das Motto des dritten Euskirchener CSD, mit dem die Verantwortlichen auch ihre Dialogbereitschaft zum Ausdruck bringen wollten, wie Winfried Kubitza-Simons betonte: „Auch wenn jemand eine andere Meinung über bestimmte Themen hat, möchten wir ins Gespräch kommen, denn der Friede, den wir uns wünschen, gilt für alle. Auf dass jeder seine Mitmenschen so annimmt, wie sie sind.“
Nach Sachbeschädigungen und Anfeindungen ein Zeichen setzen
Mit dem CSD wolle man ein Zeichen setzen. Und auch nach den Sachbeschädigungen und Anfeindungen, die auf den Verein Queer Euskirchen abzielten, weiterhin für die Menschenrechte für alle einstehen. Kubitza-Simons: „Nicht nur heute, sondern an jedem Tag verteidigen wir unsere hart erkämpften Rechte. Und sind sehr froh, über die vielfältige Unterstützung, die uns hier in Euskirchen entgegengebracht wird.“
Eine Unterstützung, die am Samstag auch auf der kleinen Bühne am Klosterplatz sichtbar wurde. Erneut hatten alle Akteure, die zu der abwechslungsreichen Unterhaltung beitrugen, auf eine Gage verzichtet, um ihre Solidarität zu verdeutlichen.
Auch Musiker Stephan Brings gehört zu den Unterstützern
„Wenn man heute die Nachrichten verfolgt, dann sieht man, dass es immer wichtiger wird, die Botschaft des CSD zu verbreiten“, betonte Musiker Stephan Brings, der längst zu den Stammgästen der Euskirchener Demo zählt: „Am meisten ärgern mich Aussprüche, dass queere Menschen gefährlich für Kinder sind. Als ob man sich eines Tages aussuchen würde, schwul zu sein. Das ist natürlich Quatsch. Man kommt so zur Welt, und es ist wichtig, dies nicht nur in den Großstädten, sondern auch in ländlicheren Gebieten deutlich zu machen.“
Seinen Beitrag dazu leistete Stephan Brings erneut in musikalischer Form und vereinte bei Titeln wie „Jeck Yeah“ selbst ohne die aufgrund eines technischen Defekts ausgefallene Gitarre schnell einen singenden und tanzenden Chor der Anwesenden um sich.

Einen privaten Traum erfüllte sich Organisator Winfried Kubitza-Simons mit dem dritten Heiratsantrag an seinen Mann Mario Kubitza.
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Anwohner hängten eine große Fahne aus dem Fenster.
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Neben weiteren musikalischen Gästen wie Wolfgang Hildebrandt und „Dieva“ sorgte auch die Gewinnerin der Castingshow „The Voice of Germany“ aus dem Jahr 2022, Anny Ogrezeanu, mit ihren Liedtexten über selbst gesammelte Erfahrungen als Queer-Person in der Gesellschaft für Begeisterung. „Ihre Texte sind so echt und hoffnungsvoll, dass ich jedes Mal heulen könnte, wenn ich ihre Musik höre“, schwärmte ein langjähriger Fan. Zusätzlich beteiligten sich Vereine und Institutionen mit insgesamt 36 Ständen, an denen sich die Gäste über die gelebte Vielfalt in Euskirchen informieren konnten.
Und auch auf politischer Ebene fanden sich zahlreiche Fürsprecher, so Nyke Slawik, die in diesem Jahr die Schirmherrschaft über den Euskirchener CSD übernommen hatte. „Ich bin sehr stolz über die vielen Fortschritte, die wir in den letzten Jahren erzielen konnten, wie beispielsweise das Selbstbestimmungsgesetz“, betonte die Grünen-Bundestagsabgeordnete.
Landrat Markus Ramers und die Bürgermeister Sacha Reichelt und Sebastian Glatzel sind mit dabei
Es gebe viel Licht, aber auch viel Schatten – sowohl auf dem bereits beschrittenen als auch auf dem noch vorausliegenden Weg: „Der CSD ist eine politische Demonstration, aber viele sind einfach nur hergekommen, um gemeinsam zu feiern. Trotzdem gibt es Menschen, die das nicht wollen. Davon dürfen wir uns nicht verdrängen lassen. Wir dürfen uns unsere Art zu leben und zu lieben nicht kaputtmachen lassen.“
Auch auf regionaler Ebene verdeutlichten ein weiteres Mal Landrat Markus Ramers und Euskirchens Bürgermeister Sacha Reichelt ihre Unterstützung. Erstmals richtete mit Bad Münstereifels Bürgermeister Sebastian Glatzel auch ein weiterer Amtskollege aus dem Kreis mutmachende Worte an die Anwesenden. Alle drei kamen zwar aufgrund des eng gestrickten Zeitplans nur für einige wenige gemeinsame Minuten auf die Bühne, waren im Anschluss jedoch in den vordersten Reihen der Parade zu finden.

In alle Farben des Regenbogens gekleidet, unterstützten hunderte Gäste den dritten Euskirchener CSD.
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Angeführt durch die Trommelgruppe „Rheinsamba“, machten sich die CSD-Teilnehmer im Anschluss auf den Weg, ihre Friedensbotschaft durch die gesamte Innenstadt zu transportieren. Mit knapp 800 Demo-Beteiligten, die mit bester Stimmung und in allen Farben des Regenbogens gekleidet durch die Straßen tanzten, hatten sich auch die Hoffnungen des Organisationsteams voll erfüllt.
Ein Kompliment gab es nachher von der Polizei für die Teilnehmer und Organisatoren: Die Versammlung sei gut organisiert und diszipliniert verlaufen.
Winfried Kubitza-Simons macht seinem Mann auf der Bühne einen Heiratsantrag
Neben einer 23 Meter langen Pride-Flagge stieß auch die Beteiligung von Anwohnern auf Beachtung, die ein großes Banner mit der Aufschrift „Unsere Liebe ist Revolution“ an ihrer Hauswand herabhängen ließen.
„Ich bin so glücklich und stolz, so viele Menschen hier zu sehen, die gemeinsam für Frieden und Menschenrechte einstehen“, schwärmte Winfried Kubitza-Simons, der sich kurz vor dem Umzug auch einen privaten Traum erfüllen konnte. Auf der Bühne am Klosterplatz fiel der Vorsitzende von Queer Euskirchen plötzlich vor seinem Ehemann Mario Kubitza auf die Knie, um das bereits gegebene Jawort bald schon auch kirchlich zu wiederholen.
„Damit hätte ich heute überhaupt nicht gerechnet, und ich bin sehr glücklich“, freute sich Mario Kubitza: „Nach unserer Lebenspartnerschaft und unserer Ehe für alle ist dies schon unsere dritte Hochzeit. Und ich weiß, wie sehr sich mein Mann diesen Schritt schon seit Jahren wünscht.“ Bald schon solle dieser Wunsch in Erfüllung gehen, wie Pfarrer Gregor Weichsel und Pfarrerin Judith Weichsel betonten, die im Anschluss den bereits feststehenden Termin für die kirchliche Trauung verkündeten.
„An so tollen Tagen spürt man noch deutlicher, wofür man sich immer und immer wieder einsetzt“, so Winfried Kubitza-Simons: „Hoffentlich können wir mit dem CSD ein Zeichen für viele weitere Menschen setzen, für ihre Rechte und für ihre Liebe einzustehen.“
