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AusstellungDas Museum Morsbroich in Leverkusen öffnet seine Schatzkammer

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Das Kapitel „Herrenjagd“: links an der Wand der „Tiger“ von Richter, rechts „Porträt-Block G“ von Karolus Lodenkämper.

Das Kapitel „Herrenjagd“: links an der Wand der „Tiger“ von Gerhard Richter, rechts „Porträt-Block G“ von Karolus Lodenkämper.

In der Schau „The good in the pot, the bad in the crop“ zeigt das Museum seine Sammlung.

Sie habe sich ein bisschen selbst ertappt gefühlt, sagt Thekla Zell. Die Kuratorin des Museums Morsbroich im gleichnamigen Schloss erklärt, wie sie und das Museums-Team zur neuen Ausstellung „The good in the pot, the bad in the crop“ gekommen sind. „Ich saß drei Tage in der Woche im Keller“, so die Kuratorin, und dabei habe sie ein „ungutes Gefühl“ beschlichen.

Denn so viele Werke schlummerten in den Depots des Museums für zeitgenössische Kunst, die bisher einfach nicht die Aufmerksamkeit bekommen hätten, die sie verdienen. Deshalb gibt es im Museum von Sonntag, 31. August, bis zum 11. Januar 2026 keine große Ausstellung eines oder mehrerer einzelner Künstlerinnen und Künstler, sondern in elf Kapiteln einen Einblick in die Sammlung.

Die Umstände hinter dieser Ausstellung und Zells Aufenthalte im Museums-Keller hängen mit der Auslagerung der Sammlung zusammen, wie der kommissarische Museumsdirektor Fritz Emslander berichtet. Denn beim Hochwasser im Sommer 2021 sei man noch einmal knapp „der Katastrophe entgangen“, aber es reifte danach die Erkenntnis, dass man die Tausenden Werke in Sicherheit bringen musste. Zumal einige auch auf Unter-Boden-Niveau verstaut waren.

Thekla Zell hat Judit Reigel (1923 bis 2020) in Kapitel sieben einen eigenen Raum gegeben, um ihre Ölmalerei auf Leinwand auch in ihrer Bedeutung hervorzuheben.

Thekla Zell hat Judit Reigel (1923 bis 2020) in Kapitel sieben einen eigenen Raum gegeben, um ihre Ölmalerei auf Leinwand auch in ihrer Bedeutung hervorzuheben.

Und so kam es, dass das Museums-Team nahezu die gesamte Sammlung einmal buchstäblich in die Hand nehmen musste. Eine „Notwendigkeit“, wie Emslander es nannte, die gleichzeitig zur „Gelegenheit“ wurde. Denn dabei hätten sie viele Werke gesehen, die sie gar nicht mehr auf dem Schirm gehabt hätten. Und da habe man sich die Frage gestellt, wieso einige Werke immer wieder ausgestellt oder verliehen werden, aber andere ein „Depot-Dasein“ fristen, sagt Zell.

Und in diesen Gedanken stecke auch ein großer Teil Selbstkritik, sagt die Kuratorin. Man habe sich hinterfragt. Einmal dahingehend, was vergangene Ausstellungen angeht, aber auch, um darüber nachzudenken, wie man zukünftig mit der Sammlung umgehe. Also nicht nur vermeintliche Hauptwerke oder Highlights zu zeigen, so Zell. Sondern ehrlicher zu sein bei fast 5000 Werken im Bestand. „Wie kann man ein Museum heute relevant machen? Wie die Sammlung aktivieren“, beschreibt der Museumsdirektor die Fragen, die sich das Team gestellt habe.

Zell hat der Ausstellung den Titel „The good in the pot, the bad in the crop“ gegeben: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“, ein Spruch aus Aschenputtel. Also ein Märchenmotiv. „Das Märchen von einer nicht-alternden Kunstsammlung. Das Märchen von guter und schlechter Kunst, von repräsentativen Aushängeschildern und vergessenen Lagerwerken, von progressiven Ankaufsentscheidungen und vertanen Chancen, von mutiger Haltung und radikaler Sparpolitik, von Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten“, schreibt die Kuratorin in ihrer Einleitung zur Ausstellung. Das Wertesystem von Gegensätzen – vor allem von gut und schlecht – solle hinterfragt werden. Das sei früher in Volksmärchen kolportiert worden und werde heute in den sozialen Medien fortgeführt.

„Die Aufhebung der Hierarchie“ hat Zell das Kapitel dieses Raumes genannt. Gezeigt werden Werke verschiedener Künstler.

„Die Aufhebung der Hierarchie“ hat Zell das Kapitel dieses Raumes genannt. Gezeigt werden Werke verschiedener Künstler.

Was beim Besuch der Ausstellung sofort auffällt: Die Wände in den verschiedenen Räumen sind bunt gestrichen. Eine ganz bewusste Entscheidung, so Zell. So wolle sie den Wohnhauscharakter, den das Schloss habe, – schließlich wohnten dort tatsächlich mal Menschen – stärker spüren. Sie glaubt, dass viele der Kunstwerke eng mit dem Schloss verbunden seien. Das heißt: Eine so konzipierte Ausstellung würde woanders gar nicht funktionieren, ist sich die Kuratorin sicher.

Insgesamt werden mehr als 70 Werke gezeigt, von den Anfängen des 1951 gegründeten Museums bis heute. Zum Beispiel Fotografien von Laurenz Berges. Der hat im Museum 2013 die Depots und Lager auf dem Gelände fotografiert. Einblicke, die niemand bekommt. Selbst die Museumsmacher dürfen die Depots nicht alleine betreten, es gilt immer das Vier-Augen-Prinzip.

Oder die Arbeit „Closed“ von Jonathan Monk. Die Neonleuchten, die das Wort „Closed“ formen, hingen früher an der Fassade des Museums. Aber als die Zukunft der Einrichtung infrage stand, sei das Werk damals (2008) ein schmerzhaftes Symbol für unsichere Zeiten für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewesen.

Märchenhaftes Pink am Ende: links das „Transplantationsobjekt“ (1969) von Joachim Bandau.

Märchenhaftes Pink am Ende: links das „Transplantationsobjekt“ (1969) von Joachim Bandau.

Als eines der ersten Werke des Museums zeigt die Ausstellung das „Exotische Blatt“ von Julius Bretz. Die Farbenfabriken Bayer hatten das Bild geschenkt. Wieder aus dem Keller geholt wurden auch die „Textilcollagen“ von Ursula Burghardt, die das Museum 2010 aus dem Nachlass der Künstlerin und ihres Mannes, des Komponisten Mauricio Kagel, bekommen hatte.

Nur rund vier Prozent der angekauften Werke in der Sammlung seien von Frauen, sagt Thekla Zell. Das würde man heute sicher nicht mehr so machen. Aber auch das ist der Kuratorin wichtig: Die Werke und die Sammlung im Kontext ihrer Zeit zu sehen. Sie hat Judit Reigel (1923 bis 2020) in Kapitel sieben einen eigenen Raum gegeben, um ihre Ölmalerei auf Leinwand auch in ihrer Bedeutung hervorzuheben.

Seit 2004 hat das Museum keinen eigenen Ankaufetat mehr. Geld spielt in der Ausstellung auch eine Rolle.  Zeigen, wie teuer einzelne Werke waren? Das ist in Ausstellungen absolut unüblich. Eine frühe Papiercollage von Joseph Beuys zum Beispiel wurde Ende der 60er-Jahre für 1800 D-Mark gekauft, der berühmte „Tiger“ von 1965 von Gerhard Richter für 4000 D-Mark. Noch teurer war allerdings der „Porträt-Block G“ von Karolus Lodenkämper. Der hat 6200 D-Mark gekostet.


Das Programm

  1. Öffentliche Führungen: sonntags, 28. September, 26. Oktober, 23. November und 4. Januar, 15 Uhr.
  2. „Walk & Talk“ mit Kuratorin Thekla Zell: sonntags, 14. September und 7. Dezember, 15 Uhr.
  3. „Slow Art“, Werkbetrachtung mit Zeit im Sitzen: sonntags, 7. September, 2. November, 15 Uhr.
  4. „Thekengespräch“ im Klub M (Remise): „Museen als aktive Orte der Demokratie?“, mit Kunstvermittlerin Lucia Riemenschnitter und Thekla Zell: Donnerstag, 30. Oktober, 18 Uhr.
  5. Familienführung: sonntags, 7. September, 7. Dezember, 14 Uhr.
  6. „Die Kunstentdecker“, offene Familienwerkstatt: sonntags, 5. September und 7. Dezember, 15 Uhr.
  7. „Queers + Family & Friends“-Führung: Sonntag, 31. August, 1o Uhr.
  8. Anmeldung für alle Veranstaltungen: 0214/4064500, info@morsbroich.de.