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ArchäologieHeimatfreunde Kerpen entdecken seltene Barbarafigur am Tagebau Hambach

Lesezeit 3 Minuten
Die Barbarafigur aus Pfeifenton, ihr Kopf fehlt.

Wie ihrem heiligen Vorbild fehlt auch der Barbarafigur der Kopf. Das ist aber keinem wütenden Vater, sondern der Zeit geschuldet.

Eine mittelalterliche Barbarafigur ist nach Jahrhunderten ausgerechnet dort gefunden worden, wo sie als Schutzpatronin verehrt wird.

Der 4. Dezember gilt unter Bergleuten als Feiertag. Mit Bräuchen wie den Barbarazweigen gedenken sie ihrer Schutzpatronin, der heiligen Barbara. Auch für den Landschaftsverband Rheinland (LVR) und die Heimatfreunde der Stadt Kerpen ist der diesjährige Barbaratag ein Feiertag.

Im Haus für Kunst und Geschichte haben sie eine Pfeifentonfigur der heiligen Barbara präsentiert. Das Kuriose daran: Die etwa 500 Jahre alte Figur wurde dort gefunden, wo täglich Bergleute im Einsatz sind. Nämlich am Tagebau Hambach.

Die Figur ist die kleine Spitze eines Eisbergs.
Martin Grünewald, LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland

Von „glücklicher Fügung“ spricht Martin Grünewald vom LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Die Ausgrabungen auf dem ehemaligen Hof Bochheim bei Manheim sind für Heimatfreunde und Archäologen ein Wettlauf gegen die Zeit. Fast täglich kommt der Tagebau näher.

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„Hinzu kommt: Am Tagebau gibt es eine hohe Dichte an Fundstellen“, sagt Grünewald. Deshalb könne nur ein bestimmter Teil ausgegraben werden. „Dass darunter ein solcher Fund ist, ist wirklich besonders. Die Figur ist die kleine Spitze eines Eisbergs.“ Fast hätten die Archäologen die Heilige sogar übersehen. Sie versteckte sich in einem Haufen Erde auf einer Baggerschaufel.

Figur stammt vermutlich aus Köln

Die spätgotische Tonpfeifenfigur ist vermutlich im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts gefertigt worden. Sie stand laut Susanne Harke-Schmidt, Stadtarchivarin und Vorsitzende der Heimatfreunde, vermutlich auf einem Hausaltar im Hof Bochheim. Die Figur stammt ursprünglich aus einer sogenannten Bilderbäckerei – ein Kunsthandwerkerbetrieb mit einem Ofen, der bis zu 1000 Grad Celsius heiß wurde.

Den bisher einzigen Ofen zur Herstellung solcher Heiligenfiguren haben Archäologen in Köln gefunden. „Es ist denkbar, dass auch unsere Barbarafigur aus Köln kommt“, sagt Harke-Schmidt. Köln war im Mittelalter wie Utrecht und Worms ein Zentrum für die Herstellung von Heiligenfiguren.

Die heilige Barbara ist unter anderem Schutzpatronin der Bergleute, der Artilleristen und der Sterbenden. Laut Legende verbrachte sie den größten Teil ihres Lebens in einem Turm, weil ihr Vater Dioscuros sie von der Welt abschirmen wollte. Nachdem Barbara zum Christentum konvertierte, enthauptete Dioscuros sie.

In Anlehnung an die Legende trägt die gefundene Figur einen kleinen Turm in ihrer linken Hand. Dass die Statuette kopflos ist, ist hingegen der Zeit geschuldet. „Es ist nicht unüblich, dass Heiligenfiguren ihren Kopf verlieren“, sagt Martin Heinen, Geschäftsführer des Grabungsunternehmens Arthemus.

LVR-Museum in Bonn stellt Figur als „Fund des Monats“ aus

Neben dem Christuskind und der Maria war die heilige Barbara das beliebteste Motiv für Heiligenfiguren im Spätmittelalter. Funde solcher Figuren sind trotzdem sehr selten, in der Region ist die Barbara sogar einzigartig. Grünewald etwa kennt nur eine weitere Barbarafigur und die steht in einer Kölner Sammlung. „Unser Fund ist die einzige, mir bekannte Barbara aus einer archäologischen Grabung“, sagt Grünewald. Das LVR-Landesmuseum in Bonn stellt sie deshalb momentan als „Fund des Monats“ aus.

Ob die Heiligenfiguren auch im Mittelalter selten waren oder ob jeder Hof eine hatte, wissen die Archäologen nicht. „Ich gehe davon aus, dass es eine gewisse Massenproduktion gab“, erläutert Heinen. Er selbst habe aber in seinen 40 Jahren als Archäologe nichts Vergleichbares gefunden.

Land NRW fördert Ausgrabungen mit mehr als einer Million Euro

Seit August 2022 graben die Heimatfreunde der Stadt Kerpen, das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland und das Grabungsunternehmen Arthemus aus Frechen in der Nähe des Tagebaus Hambach. Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt das Grabungsprojekt am Tagebau Hambach mit 1,2 Millionen Euro. Die Heimatfreunde müssen eine Eigenleistung von etwa 120.000 Euro erbringen – ein für den kleinen Verein gewaltiger Geldbetrag. Um die finanzielle Last zu lindern, setzen die Heimatfreunde ehrenamtliche Grabungshelfer ein und nutzen Spenden von Sponsoren.

Das Grabungsprojekt sollte diesen Dezember auslaufen, ist aber bis Ende 2025 verlängert worden. Die Archäologen hoffen, noch einiges am Tagebau zu entdecken. Bis jetzt sind sie etwa auf römische Brandgräber, eine eisenzeitliche Siedlung und einen spätmittelalterlichen Keller gestoßen. Auch dieser ist kurios: Gebaut haben ihn die früheren Bewohner von Bochheim nämlich mit den Bestandteilen alter römischer Gebäude.

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