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LeseclubsDie gewaltige Welt der Bücher

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Zoe leiht sich im Leseclub gerne Bücher zum Thema „Tanzen“ aus.

Wenn Zoe sich Bücher ausleiht, müssen sie  etwas mit Tanzen zu tun haben. „Ich möchte später einmal Ballerina werden“, sagt  die achtjährige Schülerin der Katholischen Grundschule (KGS) Heßhofstraße in Vingst. Einmal in der Woche kommt sie in der Regel, um ihre Leseleistungen zu verbessern. Denn: „Wenn man richtig gut lesen kann, macht das viel mehr Spaß.“

100 Leseclubs in der Region

So ungefähr lässt sich auch die Kernidee beschreiben, die den von „wir helfen“ untersützten Verein "Run & Ride For Reading" seit  zehn Jahren umtreibt. Damals sah das Team um Gründer Oliver Gritz, dass  es an vielen Schulen und bei vielen Kindern einen hohen Bedarf für weitere Leseförderung gibt. Damals entstand auch die Idee der Leseclubs, die es mittlerweile an 100 Schulen in der Kölner Region gibt.  In der vergangenen Woche kamen gleich 35 neue Lesevereine hinzu.

Geht man davon aus, dass 200 Schüler von einem Leseclub profitieren, würden mit 250 Leseclubs 50 000 Schüler erreicht. Bei einer öffentlichen Feierstunde wurde der 100. Club in der Katharina-Henoth-Gesamtschule in Höhenberg gefeiert. 

Alles zum Thema Herbert Reul

Ein Buch kann die Welt verändern

NRW-Innenminister Herbert Reul lobte das Engagement des Vereins und zitierte Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern.“ Leseclubs seien ein „Super-Geschenk“, sagte der Politiker, der selbst einmal Lehrer war, weil „von allen Welten, die der Bücher die  gewaltigste ist.“

„Lesen ist Kino im Kopf“, betonte auch Oberbürgermeisterin Henriette Reker.  Bücher förderten die Bildung, ohne die die Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben gering seien.

Wo Bücher keine mehr Rolle spielen

Auch Manfred Brodeßer erinnert sich noch, wie der Leseclub seit 2009 der Leseförderung in seiner Schule einen zusätzlichen Schub gegeben habe. Anfangs sei der Bedarf nach Lesefutter so groß gewesen, dass man ihn kaum habe decken können. Brodeßer ist nicht nur Vorstandsmitglied bei Run & Ride For Reading, er war auch von 1987 bis 2013 Rektor der KGS Heßhofstraße in Vingst. Das Viertel zählt zu den Kölner Stadtteilen mit den meisten armen Familien: 42,5 Prozent von ihnen beziehen Hartz IV. Dort, wo die materiellen Probleme groß seien, hätten Eltern oft zu wenig Zeit oder Nerven, ihren Kindern vorzulesen, so Brodeßer. „Bücher spielen in vielen Familien keine Rolle mehr.“

Viele Eltern lesen nicht mehr vor

Das ist in Vingst so, wie aber auch anderswo in Deutschland. Laut einer Studie der Stiftung Lesen lesen 30 Prozent der Eltern ihren Kindern nicht vor.   Nachdem  in der benachbarten Grundschule Nürnberger Straße ein Leseclub eröffnet wurde, war für Brodeßer klar, dass es so etwas auch an der Vingster Schule geben musste.  2009 war es so weit: Der Verein Rund & Ride For Reading unterstützte den Antrag der Grundschule und zahlte für die Erstausstattung 9000 Euro.

Dafür wurden Möbel für den Leseclub gekauft und 3000 Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Computer, auf denen die Schüler nicht daddeln können, sondern Lernsoftware aufrufen. Pro Jahr gibt es zudem 1000 Euro, um Lesematerial zu erneuern. Denn zerfledderte Bücher kämen bei den Jugendlichen nicht gut an, so Brodeßer.

Jeden Donnerstag wird der Leseclub aufgesperrt, den heute die Lehrer Joanna Schramm und Frauke Dusten leiten. Man kann sich Bücher ausleihen oder vor Ort in die Lesewelten eintauchen, was an diesem Tag etwa ein Dutzend Schüler macht.

Akademiker und Analphabeten

Anahita (9, Name geändert) kommt aus dem Iran und ist erst seit 16 Monaten in Deutschland. In der Vingster Schule besucht sie eine Vorbereitungsklasse, damit sie genug deutsch sprechen lernt, um in eine Regelklasse übernommen zu werden. Diesen Sprung hat die elfjährige Ramona (Name geändert) schon geschafft. Auch sie ist gerade einmal anderthalb Jahre in Deutschland. Ihre Eltern sind aus Kroatien wegen eines Jobs nach Köln gekommen. Weil ihre Mutter aber deutsch spricht, hat Reana es bei den Hausaufgaben in Deutsch weniger schwer als manche anderen Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Die Kinder kämen aus ganz unterschiedlichen Familien, sagt Leiterin Schramm. Manche stammten aus akademischen Familien, wo das Lesen und Lernen einen hohen Stellenwert habe. Andere seien Analphabeten und täten sich beim Lernen viel schwerer.

Laufen für mehr Bildung

Run & Ride For Reading will bis Ende 2020 weitere 150 Leseclubs in der Region installieren. Damit künftig noch mehr Geld für die Clubs zusammenkommt, veranstaltet der Verein am Donnerstag, 7. Juni, den achten Kölner Leselauf. Ab 17.30 Uhr gibt es eine 18 Kilometer lange Radtour vom Stadion zum Dom und zurück. Ab 19.15 Uhr starten die Läufer zu Touren über fünf oder zehn Kilometer. Alle Teilnehmer können ein Rad und zwei Radmonturen samt Turnschuhen gewinnen. Das Startgeld beträgt 19 Euro.

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