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Streit in der KammerSchwere Kritik an Führung der IHK Köln aus den eigenen Reihen

Lesezeit 5 Minuten
Nicole Grünewald ist seit 2020 die erste Präsidentin der IHK Köln

Nicole Grünewald ist seit 2020 die erste Präsidentin der IHK Köln.

Die Kritik an IHK-Präsidentin Nicole Grünewald und Hauptgeschäftsführer Uwe Vetterlein mehrt sich. Fast 50 Führungskräfte mussten gehen.

In der IHK Köln rumort es gewaltig – vor und hinter den Kulissen. Im Fokus steht dabei das Führungsduo der Kammer mit der Präsidentin Nicole Grünewald und Hauptgeschäftsführer Uwe Vetterlein.

Jüngst öffentlich wurden die Verwerfungen aus der IHK-Außenstelle in Leverkusen. Für viele auch aus der Unternehmerschaft kaum nachvollziehbar, ist die plötzliche Abberufung der Geschäftsstellenleiterin für Leverkusen und den Rheinisch-Bergischen Kreis, Ellen Lindner.

Erst zum Jahresanfang hatte das Kölner Führungsduo Grünewald/Vetterlein Lindner zur neuen Vertreterin der Kammer in Leverkusen berufen. Vor Ort hatte sie sich binnen kurzer Zeit viel Anerkennung und einen guten Ruf erworben, galt als sachkundig, prinzipientreu und gut vernetzt. Nun wurde sie kurzerhand abgesetzt und zurück in die Zentrale nach Köln beordert.

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Lokale Gremien aus Satzung gestrichen

Massiv verstimmt über das Regiment aus der Kölner Zentrale waren die für die IHK ehrenamtlich tätigen Unternehmer aus den örtlichen Wirtschaftsgremien aber schon vorher. Hatte doch die Vollversammlung der IHK Köln im Frühjahr die lokalen Wirtschaftsgremien aus ihrer Satzung gestrichen und damit ihres offiziellen Status als Berater der Kammer beraubt. Erst nachträglich wurde dies kommuniziert – und als Basta-Politik empfunden.

Der Leichlinger Unternehmer Jens Putzier legte daraufhin den Vorsitz in seinem Wirtschaftsgremium sofort nieder, die Leverkusener Unternehmenschefin Natalie Kühn will dies ebenfalls tun. Ihre Einschätzung, dass „das Präsidium ziemlich von oben durchregiert und wenig von Kommunikation hält“, wird von einigen ihrer Kollegen geteilt. Nicht kommunikativ, zu intransparent, bevormundend, unprofessionell – so wird das Management der Kammerführung mittlerweile in Leverkusen von Unternehmern beurteilt.

Es wurde Tacheles geredet - und zwar von beiden Seiten
Dirk Emmerich, Leverkusen

Am Donnerstag wurde dazu nun eine Krisensitzung anberaumt, zu der Grünewald und Vetterlein in die Geschäftsstelle Leverkusen kamen, um ein klärendes Gespräch mit den Vorsitzenden der Wirtschaftsgremien von Leverkusen und den Kommunen im Rheinisch-Bergischen Kreis zu führen. „Es wurde Tacheles geredet – und zwar von beiden Seiten“, so Dirk Emmerich, einer der Gremienvorsitzenden in Leverkusen.

Deutliche Kritik wurde an der Kommunikation der Führung geübt, die verspätet und unzureichend gewesen sei. Weitere Aufklärung und Besserung wurden von Grünewald in Aussicht gestellt, was einigen Teilnehmenden allerdings immer noch zu allgemein und unverbindlich erschien. Als vage empfundene Erklärungen zur Abberufung der Geschäftsstellenleiterin vermochten viele nicht zu überzeugen.

Auch über die Erklärungen zur künftigen Gremienarbeit gingen die Ansichten auseinander. Was von einigen Unternehmensvertretern als Entmachtung und mangelnde Wertschätzung empfunden wird, werten andere als größere Freiheit, selbstständig zu agieren. In jedem Fall bleibt die Stimmungslage angespannt. „Es hat einen enormen Vertrauensverlust gegeben und ein befremdliches Gefühl bleibt“, so das Fazit einer Teilnehmerin der Gesprächsrunde.

Führungskräftebefragung zeigt Unmut der Mitarbeiter

Auch in der Kölner Zentrale der Kammer ist der Unmut in Teilen der Mitarbeiterschaft offenbar groß. Auch dort gibt es deutliche Kritik am Führungsstil. „Es gibt überhaupt keine Diskussionen mehr, es wird alles von oben vorgegeben“, sagt ein IHK-Mitarbeiter im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Keiner wolle mehr anecken. Neben einem autoritären Führungsstil wird auch teils cholerisches Verhalten des Hauptgeschäftsführers als einer der wesentlichen Kritikpunkte angeführt. Dazu äußerte sich die IHK selbst nicht.

Viele Führungskräfte haben das Unternehmen mittlerweile verlassen oder verlassen müssen. „Die gesamte Kultur ist einfach nicht mehr gut“, sagt der Mitarbeiter. Konkret heißt es von einem Sprecher der Kammer, das Organigramm der Führungskräfte sei gestrafft worden, von mehr als 70 auf nun noch 26 Personen. Dabei sei kein Arbeitsstreit vor Gericht gelandet. Der Stellenabbau habe durch Renteneintritt, freiwillige Kündigung oder einvernehmlich stattgefunden. Einmal sei es zu einem Vergleich gekommen, nur in zwei Fällen sei Abfindung bezahlt worden.

Auch aus der Vollversammlung der Kammer mehrt sich die Kritik. Mehrere Mitglieder kritisierten gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ den „autoritären Führungsstil“ der Präsidentin, in der Versammlung habe kaum noch jemand den Mut, wunde Punkte anzusprechen. Vorsitzende von Unterausschüssen seien ohne Angabe von Gründen abberufen worden. Einwände würden teils unter Verweis auf Formalien nicht zugelassen, sagte ein Mitglied der Vollversammlung.

Befragung: Angst, Willkür, Misstrauen

Die Einschätzung der IHK-Beschäftigten unterstreicht auch eine Führungskräftebefragung durch ein externes Unternehmen aus München aus dem Februar, dessen Ergebnis dem Vernehmen nach streng unter Verschluss gehalten werden sollte. In den Passagen, die dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vorliegen, ist von einer Kultur der Angst, Willkür, Misstrauen und Abwertung ebenso die Rede wie von völlig fehlender Strategie seitens der Kammerführung.

Ein Kammersprecher bestätigt die Führungskräftebefragung, die im Vorfeld eines Workshops im Februar stattgefunden habe. „Gerade auch die Thematisierung solcher kritischen Stimmen ist unseres Erachtens nach in einem Change-Prozess, wie ihn die IHK durchlaufen hat und der für sie mit Blick auf die Zukunft dringend erforderlich war, unablässig, da solche Prozesse und Veränderungen erfahrungsgemäß – und fast schon natürlicherweise – bei vielen Menschen auf Widerstände stoßen. Im Workshop selbst wurden auch diese Stimmen von den Führungskräften kritisch reflektiert und gemeinsam Lösungen erarbeitet“, so der Sprecher.

Auch Tina Gerfer, Unternehmerin und Vizepräsidentin der IHK, widerspricht: „Ich empfinde das nicht so. Im Gegenteil, der Austausch und die Zusammenarbeit mit dem Hauptamt etwa beim Thema Ausbildung ist sehr gut und konstruktiv“. Sie erlebe Mitarbeitende, die für ihre Themen brennen.

Durch den Abbau der gut 40 Führungskräfte sei es laut IHK nicht zu Einschränkungen der Kammertätigkeit gekommen. „Bei der IHK Köln bleibt nichts liegen, alle Prüfungen werden termingerecht durchgeführt, alle Leistungen zuverlässig erbracht. Zudem bringt sich die IHK Köln politisch im Interesse ihrer Mitgliedsunternehmen so stark ein wie nie zuvor“, so der IHK-Sprecher. 

Das ist Beobachtern zufolge ein schmaler Grat. Denn Handelskammern – mit Zwangsmitgliedschaften – dürfen sich nur zu politischen Themen äußern, die unmittelbar die Interessen der gewerblichen Wirtschaft berühren, nicht aber darüber hinaus, wie etwa der Hessische Verwaltungsgerichtshof 2009 entschied.

In dieser aktualisierten Version des Artikels wurde eine falsche Zahlenangabe korrigiert.

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