Auschwitz-BefreiungGedenktag an Kölner Schule – Die Vergangenheit ist nicht vorbei

Lesezeit 3 Minuten
Die Überlebende Klava Leybova erzählt ihre Geschichte mit Bergheimer Gesamtschülern

Die Überlebende Klava Leybova erzählt ihre Geschichte mit Bergheimer Gesamtschülern

Köln – Bilder von Kindern bei der Ankunft in Auschwitz. Die Überlebende Alice Lok-Cahama erinnert in einem Film des NS-Dokumentationszentrums an die letzten Minuten von Naomi (2), Judith (6), Irvin (8) und Dori (10), bevor sie in die Gaskammer getrieben wurden. Ein Jugendlicher erzählt die Geschichte des Kreuzgassen-Schülers Alexander Konrad Waller, der im Juli 1942 nach Auschwitz deportiert wurde und dort umkam. Eine Überlebende, Klava Leybova, sitzt inmitten von Schülern der Gesamtschule Bergheim und berichtet von ihrer Flucht aus Kiew und dem Tod ihres Vaters.

Es ist, als sei die Vergangenheit noch da, am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, beim Jugend- und Schülergedenktag in der Königin-Luise-Schule; als müsse man nur seinen Blick ändern, um zu sehen, dass es kein „einst“ und „früher“ gibt, sondern nur Momente und Ereignisse, die irgendwie in der Zeit hängen. So wie die Bilder und Informationsschnipsel, die wir im Internet aufnehmen, sind auch die Bilder in unseren Köpfen nicht linear geordnet. Und es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Vergangenheit nicht vorbei ist.

Kölner OB Reker: Gesellschaft darf nicht wegschauen

Oberbürgermeisterin Henriette Reker erinnert am Montagvormittag in der Schule daran, dass die Gesellschaft heute nicht wegschauen und hinnehmen dürfe, wenn Menschen sich rassistisch äußerten – ihre Eltern hätten den Holocaust „mit ermöglicht, weil sie sprachlos über das Grauen waren“.

Die Schüler zeigen, was es heißt, nicht hinzunehmen. Sondern aufzuarbeiten, den Opfern lebendige Stimmen zu geben – und den rassistischen Strömungen etwas entgegenzusetzen. Lovis aus der Jahrgangsstufe 12 berichtet über das Leben von Edita Lorant, geboren 1908, Schülerin der Königin-Luise-Schule, die Theaterwissenschaftlerin werden wollte, aber vor den Nazis fliehen musste. Ihre Eltern wurden ermordet, Lorant überlebte, weil sie 1936 nach Chile flüchtete. 

Lovis und sein Kurs haben die Biografie recherchiert, Lovis nutzt die Bühne auch für ein politisches Statement: „Die Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund nehmen zu, auch Frau Reker war 2015 davon betroffen“, sagt er. „Die AfD fungiert als institutionalisierter Arm des Rechtsextremismus. Der Mörder von Walter Lübke hat sich als AfD-Anhänger bekannt. Der Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus der AfD haben bei uns keinen Platz.“ Lauter Applaus.

Gedenktag in Kölner Schule: Respekt als „Basis für Demokratie“

Erinnerungsprojekte von Schulen im NS-Dok

Schüler bei der Ausstellungseröffnung im NS-Dok

Schüler bei der Ausstellungseröffnung im NS-Dok

„Erinnern – Eine Brücke in die Zukunft“ heißt eine Ausstellung von zehn Schulen aus Köln und Umgebung, die bis zum 16. Februar im NS-Dokumentationszentrum zu sehen ist. Die Schülerinnen und Schüler stellen vor, wie sie sich mit dem Thema Holocaust beschäftigt haben. Schülerinnen des Ursulinen-Gymnasiums haben eine Decke mit Zitaten aus Anne Franks Tagebuch genäht. Jugendliche des Elisabeth-von-Thüringen-Gymnasiums haben Anne Frank gezeichnet und eigene Tagebücher geschrieben. Schüler des Genoveva-Gymnasiums zeigen Fotos von einem Besuch in Auschwitz. Einige Schulen, die im NS-Dok ausstellen, präsentierten ihre Arbeiten am Montag in der Königin-Luise-Schule. (pad)

Ute Steffens, Direktorin der Königin-Luise-Schule, hat die Schüler in ihrer Begrüßung aufgefordert, Anfeindungen gegen Schüler jüdischen Glaubens „nicht hinzunehmen und durch tagtägliches Handeln etwas zu verändern“. Respekt sei die „Basis für unsere Demokratie“, sagt Kölns Bildungsdezernent Robert Voigtsberger. „Es begann damals mit Beleidigen, Beschimpfen und Ausgrenzen. Taten wurden nicht nur begangen, sie wurden auch geduldet.“

Schüler vom Genoveva-Gymnasium, vom Apostelgymnasium und vom Dreikönigsgymnasium berichten von ihrer Fahrt nach Auschwitz im Juni 2019. Asya zeigt eine von einem Kind gezeichnete Exekution und sagt: „Man kann nur ahnen, was die Kinder in Auschwitz für schreckliche Bilder in ihren Träumen gesehen haben.“ Karina von der Gesamtschule Bergheim nimmt die Überlebende Klava Leybova an die Hand und begleitet sie auf die Bühne. Schüler der Käthe-Kollwitz-Schule tanzen ein „Totenlied“. Die Gesamtschule Mülheim zeigt Ausschnitte aus ihrer Literatur-Oper, Schüler des Berufskollegs Ehrenfeld spielen ein Musical zum Thema „queerdenken“ – auch Homosexuelle wurden von den Nazis ermordet.

Nationalisten, Rassisten und Homophobe sind heute in vielen Ländern an der Macht. Die Vergangenheit ist nicht vorbei.

Nachtmodus
KStA abonnieren