Kölner UniversitätDie Hochschulen und die Kolonien

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Kölns früherer Oberbürgermeister Konrad Adenauer – hier bei der Eröffnung der Universität im Jahr 1919 – forderte 1927 die Rückgabe der deutschen Kolonien.

Köln – Es war im Jahr 1908, als sich der Direktor der Kölner Handelshochschule, Christian Eckert, und die Professoren Paul Moldenhauer, Heinrich Geffken und Kurt Wiedenfels mit einigen Studenten auf den Weg zu einer Expedition machten. Ziel war Deutsch-Ostafrika sowie die britische Kolonie Britisch-Uganda. Von Neapel aus gelangten die Forscher nach Mombasa, fuhren mit der Ugandabahn nach Kisumu, absolvierten eine Rundreise um den Victoriasee und kamen schließlich in Deutsch-Ostafrika an. Dort wollte man die Kolonien vergleichen, Plantagen und Fabriken besichtigen. Am Leben der Menschen in den deutschen Kolonien waren die Akademiker wenig interessiert. „Ihr Blick war kolonial-rassistisch geprägt“, sagt Historikerin und Journalistin Bebero Lehmann beim Rundgang zur kolonialrevisionistischen Geschichte der Uni Köln.

Die Episode zeigt, wie eng Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts miteinander verwoben waren. Die deutsche Kolonialgeschichte ist eines der dunklen Kapitel der deutschen Historie. Im Wesentlichen begann sie mit der Berliner Konferenz 1884/85, als die europäischen Mächte Afrika unter sich aufteilten. Deutschland hatte damals Kolonien in Kamerun, Togo, Namibia (Deutsch-Südwest) und Tansania, Burundi und Ruanda (Deutsch-Ostafrika). Hinzu kamen Gebiete in Asien, der Südsee und in China.

Die Uni Köln wird 100 Jahre alt.

Die Deutschen benahmen sich nicht weniger brutal als Engländer und Franzosen. Sie beuteten die Kolonien wirtschaftlich aus, die Einwohner galten ihnen minderwertig. Prügelstrafen und Zwangsarbeit waren an der Tagesordnung. Im Rahmen der Widerstandsbewegung der Herero und Nama sowie beim Maji-Maji-Krieg wurden laut Bundeszentrale für politische Bildung 75 000 beziehungsweise 200 000 Menschen getötet.

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Köln war neben Berlin und Hamburg einer der Hochburgen der Kolonialbewegung. Im Jahr 1888 wurde hier eine Unterabteilung der Deutschen Kolonial-Gesellschaft gegründet. Seit 1905 gab es ein Kolonial-Wirtschaftliches Komitee, wo zahlreiche namhafte Familien vertreten waren. Unter anderem die Oppenheims, die selbst Plantagen in Afrika besaßen, und die Brüder Stollwerck, die für ihre Schokoladenfabrik Rohstoffe vom Kontinent benötigten. Kölner Straßen wie die Wissmannstraße und Lansstraße sind heute noch nach Deutschen benannt, die in der Kolonialzeit eine negative Rolle spielten. Und in Lindenthal erinnert eine Straße an der Uniklinik an den Nobelpreisträger Robert Koch, der in deutschen Kolonien Menschenversuche durchführte, um seine Präparate zu testen, so Lehmann.

Bebero Lehmann führte über den Campus.

Die Wissenschaft unterstützte die kolonialen Ziele Deutschlands, wie Lehmann in diesem zweistündigen Rundgang der Universität über den Campus verdeutlicht. „Die Wissenschaft sollte Argumente bieten, um den Kolonialismus zu legitimieren.“ So stellte sich die 1901 gegründete Handelshochschule, die Vorgängerhochschule der Universität, in den Dienst des Kolonialismus. Von Anfang an standen koloniale Themen auf den Lehrplänen. In den Fächern Handel, koloniale Geschichte und Politik und Völkerrecht gab es sogar Pflichtveranstaltungen für die Studenten. Zudem arbeitete die Handelshochschule am Ubierring mit dem benachbarten Rautenstrauch-Joest-Museum zusammen, wo die Sammlungen von Wilhelm Joest gezeigt wurden, die er auf Reisen unter anderem in Afrika erworben und oft geraubt hatte.

Die Teilnehmer der Expedition von 1908 wurden prominent durch ihre Afrika-Fahrt und machten wissenschaftliche Karrieren: Eckert wurde 1919 Rektor der Universität, ein anderer Teilnehmer, Franz Thorbecke, Leiter des Geografischen Instituts der Universität. Letzterer unternahm 1911 eine weitere Expedition. Seine mitreisende Frau Maria notierte wenig mitfühlend über Menschen in Afrika: „Die Leute können nur mit der Peitsche davon abgehalten werden, sich wie Bestien auf das Essen zu stürzen.“ Von einer weiteren Expedition (1907) wurden Schädel und Gebeine mitgebracht, die später im Anatomischen Institut in Heidelberg landeten und von den Nationalsozialisten genutzt wurden, um rassistische Forschung zu betreiben. Anhand der Gebeine sollte die Überlegenheit der Europäer bewiesen werden. „Bei solchen Expeditionen wurden auch skrupellos Gräber geöffnet und geplündert“, so Lehmann.

Der Rundgang

Bebero Lehmann führt am 12. Juni, 16 Uhr, über den Campus. Führungen für Kleingruppen können individuell abgesprochen werden. Die Teilnahme ist kostenlos. Buchtipp zum Thema: „Köln und der deutsche Kolonialismus“ von Marianne Bechhaus-Gerst und Anne-Kathrin Horstmann, Böhlau-Verlag, 2013.

bebero.lehmann@uni-koeln.de

Selbst nach dem Verlust der Kolonien 1919, gab es im Rahmen einer revisionistischen Bewegung zahlreiche Anhänger, die die Rückgabe der Kolonien forderten. Darunter befand sich auch Kölns damaliger Oberbürgermeister Konrad Adenauer, einerseits Gründer der Universität 1919, anderseits von 1931 bis 1933 auch geschäftsführender Vizepräsident der Deutschen Kolonial-Gesellschaft. „Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonie anstreben. Im Reich ist zu wenig Raum für die Bevölkerung“, zitiert Anne-Kathrin Horstmann im Buch „Köln und der deutsche Kolonialismus“ Adenauer.

An der neu gegründeten Universität waren koloniale Aspekte Teil von Fächern wie Medizin, Wirtschaft, Zoologie, Botanik, Geografie, Ethnologie oder Sprachwissenschaften. 1920 sprach auf Einladung des Uni-Rektors Paul von Lettow-Vorbeck in der Aula, Kommandeur der deutschen Truppen in Ostafrika, der später in zwei Büchern die Rückgaben der Kolonien forderte, und sich für die Nationalsozialisten einsetzte.

Vor dem ethnologischen Institut erfahren die Teilnehmer der Exkursion auch, dass 1940 der Nationalsozialist und Kolonialrevisionist Martin Heydrich nicht nur den Lehrstuhl für Ethnologie übernahm, sondern auch Leiter des Rautenstrauch-Joest-Museums wurde. Nachdem die Hochschule 1944 von Bomben getroffen und geschlossen wurde, wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg – nach vier Jahren Entnazifizierung – erneut Leiter der Abteilung und des Museums, die er bis zu seiner Emeritierung mehrere Jahre lang leitete. Zu kolonialen Fragen äußerte er sich offenbar später nicht mehr, galt aber als Unterstützer des Apartheid-Regimes in Südafrika.

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